29. April 2013

Rückblick Der Wahnwitz der Woche

Verhoeneßpipelte Völker, 19-jährige Pimpfe, klappernde Tweets am rauschenden Krach

Es klappern die Tweets am drohenden Börsenkrach, klipp klapp. Letzte Woche sorgte eine über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete Meldung der Presse-Agentur AP (Associated Press) für Aufsehen. Das Weiße Haus sei angegriffen und Präsident Obama verletzt worden, so die Nachricht, die zunächst als geschmackloser Lausbubenstreich einer anonymen Hackergruppe ausgegeben wurde.

Einige Wochen davor – am 22. März – lief in US-Kinos ein Actionstreiflein namens „Olympus Has Fallen“ an. Plot: Das Weiße Haus wird angegriffen, der Präsident verletzt sowie als Geisel genommen. Mandeläugig-bösblickende Terroristen nordkoreanischer Herkunft verüben einen mörderischen Anschlag auf die weiß gestrichene Zweigstelle der Wall Street, um ihren Forderungen nach Unabhängigkeit Nachdruck zu verleihen und dem Imperium eine Lektion zu erteilen. Sie wollen an die Abschusscodes des amerikanischen Atomwaffenarsenals, um dem Staatenbund einen verheerenden Schlag zuzufügen. In einer besonders perfiden Sequenz des Schlachtenschinkens fährt ein Lieferwagen in der Pennsylvania Avenue 1600 vor, die Seitentür wird aufgeschoben, ein Maschinengewehr kommt zum Vorschein, mäht zahllose Passanten nieder und durchlöchert die Fassade des Regierungssitzes. Die Kamera zieht leicht nach oben, um ganz dezent auf ein über der furchteinflößenden, gnadenlos bleispuckenden Wumme prangendes Schild hinzuweisen. Aufschrift: „Sanitation“ (so viel wie „Hygiene“ oder „Reinigung“).

Ich verkneife mir an dieser Stelle jeden weiteren Kommentar und stelle stattdessen einige simple Fragen als gedankliche Anregung: Wie viele Geheimdienstmitarbeiter haben in Anhörungen des US-Kongresses bereits zugegeben, es sei eine übliche Praxis, unter falschem Namen oder anonym („eine Quelle, die namentlich nicht genannt werden wollte ...“) Reuters oder AP als ideal zentralen Verteilern Informationen zuzustecken, die dann nicht nur von so gut wie allen amerikanischen, sondern auch internationalen Medien zitiert werden? Wieviele Hollywood-Schauspieler, Regisseure und Produzenten gaben in Interviews ihrer Verwunderung über die regelmäßigen Besuche von Beamten des FBI oder der CIA bei großen Studios Ausdruck? Also, wir hätten da eine Idee zu einer spannenden Geschichte, daraus müsste man doch was machen können. Welcher weltberühmte Produzent („Top Gun“, „The Rock“, „Armageddon“, „Fluch der Karibik“) arbeitet hin und wieder mit dem Pentagon zusammen, um, naja, „Werbevideos“ für‘s Militär zu inszenieren oder mit Hilfe stargespickter Pyrotechnik-Spektakel und entsprechender Storylines die Öffentlichkeit subtil auf jeweils bevorstehende Interventionen zur Sicherung des Weltfriedens einzustimmen? Mami, der krude Mann steht wieder vor der Tür!

Dock zurück zum schrägen Gezwitscher. Wer war nun dafür verantwortlich? Kurz nach dem Malheur meldete, ebenfalls auf Twitter, eine Gruppe namens ... nein, sowas muss man entsprechend vorbereiten. Bevor ich geneigten Lesern den Namen verrate, seien folgende Vorsichtsmaßnahmen empfohlen: Defibrilator zur Wiederbelebung nach tödlichem Lachflash voll aufgeladen: check; mehrere Eimer zum Auffangen der Lachtränen unter dem Tisch: check; Testament gemacht: check. Bereit? Weiterlesen auf eigene Gefahr. Der Name der Gruppe lautete:

„Syrische Elektronische Armee“

...

Ich hätte ja eher auf die „Iranischen Cyberteufel“ getippt oder die „Patriotischen Prepperpiraten“, aber man kann eben nicht alles haben.

Freilich kann es sich dabei auch nur um ein launisches Scherzchen irgendeines Witzboldes gehandelt haben, jedoch klangen in der Synchronizität dieser Meldung mit der nicht ganz unabsichtlich in der Schwebe gehaltenen und unlängst noch mal schnell in die Mikrowelle gestellten Diskussion um einen möglichen, der Weltöffentlichkeit bislang allerdings ohne bissfeste Beweisbeilagen servierten Einsatz chemischer Waffen durch Baschar al-Bössad doch einige amateurorchestral-generalprobenhafte Töne an. Die Wege der Herrn sind unergründlich, außerdem lassen sich kluge Strategen immer ein Hintertürchen offen. Für schlechte Tage.

Oder waren es, wie bereits vermutet wurde, Insider, die aus den Kurseinbrüchen schnellen Profit schlagen wollten? Ob das überhaupt jemals vollständig geklärt wird, dürfte eher fraglich sein. Nun sind 200 Milliarden Dollar, die durch den Tweet verlustig gegangen sein sollen, zwar auch kein Pappenstiel, das soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden. Aber werfen Sie mal ein faules Ei in eine Massenlatrine und versuchen Sie dann, es ganz deutlich herauszuschnuppern. Viel Glück. 200 Milliarden in einem kochenden, Blasen werfenden Billionenmeer, das ist, als würfe man ein brennendes Streichholz in einen Waldbrand oder eine Handgranate in einen Atompilz. Kurz, es ist das berühmte Pfefferminzplätzchen aus Monty Pythons „Sinn des Lebens“.

Reißschwenk nach Deutschland. „Mr. Dax“ Dirk Müller gab dem „Handelsblatt“ ein Interview. Müller zur Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Dollar- und Euro-Krise gebe: „Die Frage ist nicht: Kann es sein, dass die Amerikaner etwas gegen den Euro haben? Sondern: Ist es realistisch, dass sie tatenlos zuschauen, wie der Euro den US-Dollar als Weltleitwährung gefährdet?“

Reaktion des Interviewers: „Das hört sich schon ein wenig nach Verschwörung an.“

...

Es ist mittlerweile also schon so weit, dass stinknormale (Betonung auf „stink-“) geostrategische Macht- und hegemoniale Währungspolitik in die Nähe von Ihrwisstschonwastheorien gerückt wird. Und das, obwohl:

erstens das ständige Herabstufen europäischer Länder im Verlauf der „Euro-Krise“ (lies: Falschgeldkrise mit Euro-Häubchen) durch US-Ratingagenturen wie Moody‘s oder S&P, deren „Unabhängigkeit“ laut einer uralten mystischen Karte irgendwo im Grenzgebiet von Mittelerde ihrer Entdeckung durch verwegene Abenteurer harrt, vor dem Hintergrund der sich wie eine altersschwache Brontosaurierherde durch tiefe Sümpfe dahinschleppenden US-Staatsverschuldung doch zumindest für ein leises Raunen unter Berufs-Wirtschaftsredakteuren und das zarte Aufkeimen einer Frage sorgen sollte, die irgendwas mit einer irischen Rockband zu tun haben soll: „Quiekt Bono?“

zweitens es in der Geschichte der Menschheit zweifellos ein bisher nie dagewesener und ganz unerhörter Vorgang wäre, über eine imperialistische Politik andere Buben und Mädchen am Großwerden zu hindern. Hab‘  ich ja noch nie gehört, so‘n krudes Zeug.

Neben der gewohnten pandemischen Naivität und Unbedarftheit  treibt in Deutschland auch die Demagogie wieder wilde Blüten. Die Grünen möchten vermögende Klassenfeinde höher besteuern. Unter anderem steht eine Anhebung des Spitzensteuersatzes von 42 auf 49 Prozent ab einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro auf dem Speiseplan der nimmersatten Staatsheuschrecken. Diese Formulierung aus dem  Masterplan zum Steuerwahn führt jedoch in die Irre. Stellt man sie ein wenig um, ergibt sie schon mehr Sinn: Nach einem rotgrünen Wahlsieg würden wahrscheinlich weitere 80.000 Unternehmer aus dem kleinen und mittelständischen Bereich im Alter zwischen 42 und 49 Jahren Insolvenz anmelden oder das Land verlassen. Wo auch immer ihr euch niederlassen werdet: Schickt mir zum Trost bitte eine Ansichtskarte mit sonnigen Landschaftsmotiven.

Lustig auch die Masche, mit der das Volk verhoeneßpipelt werden soll. Botschaft eins: Es gibt keine ehrlichen Vermögenden, das sind alles Betrüger und Staatsschädlinge, die erst massenmedial vor-, dann abgeführt und schlussendlich abkassiert werden müssen. Botschaft zwei: Populäre Zeitgenossen eignen sich immer gut zur Einschüchterung: Am Tod und an der Steuer, beziehungsweise am Steuertod kommt niemand vorbei! Wir machen auch vor Prominenten nicht halt! Also: Sitz! Mach Männchen! Botschaft drei: Oma Malte muss nicht deshalb mit einer besch ... eidenen Rente leben, weil Etatisten und Fiskalisten den  Steuerkrug solange zu Subventions-, Umverteilungs- und Wahlwünschelbrunnen tragen, bis er bricht, sondern wegen – Fußballmanagern! Nicht Geldsystem oder Währungszerrettung sind schuld, sondern – reiche VIPs! Grüne und SPD träumen bereits davon, dank aufgebretzelter Vermögens- und Erbschaftssteuern atemberaubende „Mehreinnahmen“ von geschätzten 100 Milliarden Euro als Eiswürfel in die circa 300 Billionen Grad heiße Kernschmelze im europäischen Banken- und Staatsschuldenreaktor werfen zu können. Ihr seid mir ein paar Physiker.

Apropos Finanzinstitute: „Banken wollen keine Steuerhinterzieher mehr“, lautete eine andere, selten dämliche Schlagzeile. Unehrliche Kunden seien unerwünscht, diesbezüglich herrsche jetzt „null Toleranz“. Ob man diese Maßstäbe auch auf sich selbst anwendet? Haben manche Banken doch selber gerne geflunkert und im Zuge der Rettungszerrettung schon mehr als genug Steuergelder hinterzogen – im Duett mit den Steuerhinterziehern im Berliner Regierungsviertel. Scheinheilige Patrone.

...

Schnitt nach Boston. Man muss sich das einmal vorstellen: Wegen eines 19-jährigen Pimpfes wurde die Stadt weiträumig abgeriegelt und von Hundertschaften schwer bewaffneter Orks durchkämmt; insgesamt sollen circa 9.000 Sicherheitskräfte im Einsatz gewesen sein. Neuntausend. Für einen Jungen, den durch die Wand zu schnippen es keines besonders starken Mannes bedurft hätte. Die Beamten holten, basierend auf dem Zufallsprinzip, völlig Unbeteiligte aus ihren Häusern – Menschen, bei denen noch nicht mal der leiseste Anfangsverdacht bestand –, um sie ihren Nachbarn als potentielle Bedrohung vorzuführen und Staatsmacht zu demonstrieren. Wer Terrorist ist, entscheiden wir – buchstäblich im Vorbeigehen. Darüber hinaus ist das bisher aufgelaufene Beweismaterial, das gegen die offizielle Darstellung von den „tschetschenisch-radikalislamistischen Terroristen“ spricht, wieder einmal so erdrückend, dass man sich nicht wundern darf, wenn – mehreren Umfragen zufolge – mittlerweile angeblich mehr als 80 Prozent der Amerikaner ihrer Regierung nicht mehr über den Weg trauen. Zieht man die glorreiche Vergangenheit der Geheimdienste als Finanzdienstleister und Know-How-Lieferanten des „Internationalen Terrorismus“ hinzu, gewinnt das Bild noch mehr Unglaubwürdigkeit. Man erinnere sich nur an das „World Trade Center Bombing“ von 1993 (Mitwisserschaft des FBI sowie aktive Beteiligung über V-Männer) oder den Anschlag in Oklahoma City (1995), in den ebenfalls das FBI verwickelt war, dessen Rolle aber bis heute unaufgeklärt ist, da die entsprechenden Ermittlungsergebnisse streng unter Verschluss gehalten werden. Ganz zu schweigen von der Unterstützung ausgerechnet derjenigen rebellischen Kräfte in Syrien und anderswo durch die CIA, zu denen die Zarnajew-Brüder pikanterweise in Beziehung gestanden haben sollen. Autsch.

Viele Kommentatoren – darunter sogar einige aus dem normalerweise artig kuschenden US-Medien-Mainstream – konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, es sei in Boston wohl eher um das Schüren von Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung gegangen als nur um eine Verbrecherhatz. Bleibt in euren Häusern, schaltet den Volksempfänger ein und wartet auf weitere Anweisungen! Manche vermuteten gar, die polizeistaatliche Aktion könne eine Art „Probelauf“, ein „Beta-Test“ zur Einstimmung auf den Ausnahmezustand gewesen sein, der im Falle eines wirtschaftlichen Kollaps drohe. Ausnahmezustand!? Mami, der Mann steht immer noch vor der Tür. Ach ja?  

Hören wir dazu doch mal den US-Kongressabgeordneten Brad Sherman. Er wusste in einer Sitzung des Repräsentantenhauses vom 2. Oktober 2008 einige interessante Dinge über das Gesetz zu berichten, das 700 Milliarden Dollar zur „Rettung“ taumelnder „Too Big To Fail“-Finanzhäuser bereitstellen sollte. Und noch ein kruder Mann: „Vielen von uns wurde in privaten Gesprächen mitgeteilt, sollten wir gegen dieses Gesetz stimmen, würde uns am Montag der Himmel auf den Kopf fallen, die Börsen würden am ersten Tag zwei- bis dreitausend Punkte verlieren, einige weitere Tausend in den Tagen danach. Einigen sagte man sogar, sollten wir dem Gesetz unsere Zustimmung verweigern, würde man in Amerika den Ausnahmezustand verhängen.“

Auch hier verkneife ich mir jeden Kommentar und gehe jetzt lieber von der Tür weg, bevor man mich zum Tschetschenen macht.

...


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