24. April 2013

Praxistest Neue „Klartext“-Software „GINATÄKCHA“ findet virale Verbreitung

Doch hält das Programm, was es verspricht?

Nützliche Tools, diese Übersetzungsprogramme. Es gibt sie im Internet zuhauf. Noch. Vorgestern stieß ich auf ein neues Programm dieser Art, von dem die Entwickler behaupten, es werde schon bald für Furore sorgen. Es firmiert momentan unter verschiedenen Namen; so ist es unter anderem als „Georgetool“ bekannt – als Anspielung auf George Orwell – außerdem als „NCB“ („Newspeak Code Breaker“, soviel wie „Neusprech-Codebrecher“), „BNW Disempowerment Utility“ („BNW“ steht für „Brave New World“, also auf Deutsch: „Werkzeug zur Entmachtung der Schönen Neuen Welt“) oder, in der kindlich-verspielten Variante, eben als „GINATÄKCHA“ („Gib Nachahmungstätern keine Chance“).

Das kleine Proggie zeichnet sich dadurch aus, versteckte Botschaften in Pressemeldungen oder Reden von Politikern zu entschlüsseln. Der Klartext kann dann wahlweise per E-Mail an Freunde und Bekannte verschickt, getwittert, auf Facebook und in diversen anderen sozialen Netzwerken gepostet und natürlich auch ausgedruckt werden, wobei eine Vielzahl farblicher Gestaltungsmöglichkeiten und kontextsensitiver Bildmotive zur Verfügung stehen. Zum Beispiel ein Lenin-Portrait, das den kirren Revolutionär in strahlend blauer Uniform und mit gelben Sternen auf der Mütze zeigt, eine Karikatur von Honecker und Mielke, die beiden augenzwinkernd in folkloristischer Tracht als Volksmusikantentruppe „Erich & Erich“ mit Quetschkommode, Basstrommel und Wodkabuddel zeigend (Überschrift: „Herzilein, du brauchst nicht frei zu sein“) oder einen Blumenkohl mit gelbem Pullover (sic!), daneben Schmidts Katze und ein kleines blondes Mädchen, geheimnisvoll lächelnd.

Doch genug der Vorrede. Machen wir mal die Probe auf‘s Exempel und geben einige aktuelle Schlagzeilen ein. Mal sehen, was das Ding kann.

Die „Welt“: „Großstädte des Westens rücken in al-Qaidas Visier“. Ein Klick auf den lustigerweise mit „Spuck‘s aus!“ beschrifteten Button fördert wenig Überraschendes  zutage: „Bürger werden auf wirtschaftliche Verwerfungen vorbereitet“. Da das Programm mehrere Alternativen liefern kann, klicken wir gleich nochmal. Zwei weitere Resultate werden angezeigt, auch diese aber sind nicht sonderlich originell: „Geheimdienstmitarbeiter in Wutbürgermetropolen gesichtet“ sowie „Die EU-Innenminister warnen: Ohne Knete Terrorfete“.

Ebenfalls in der „Welt“, aus der Einleitung eines Artikels über angeblich von Hackern verursachtes Ungemach an den Finanzmärkten: „Eine gefälschte Terror-Meldung der Nachrichtenagentur AP hat die Märkte kurzzeitig ins Chaos gestürzt.“ Nun der Schlüsselsatz: „Und gezeigt, wie soziale Netzwerke das Finanzsystem in Gefahr bringen können.“ Durch das GINATÄKCHA geschickt, ergaben sich folgende Übersetzungen: „Twitter macht jahrzehntelange Geldwertstabilisierung der Fed zunichte“, „Facebook: Paradies der Euro-Hasser“, „Schockierendes Studienergebnis: Jedes zweite soziale Netzwerk von NPDlern unterwandert“, „Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: In Tsunamis geworfene Erbsen können die Strömungsdynamik empfindlich stören“ sowie „Wer auf sowas reinfällt, ist doof“.

Und was gab‘s sonst noch? „Telekom plant Bandbreiten-Drossel“. Abermals sind die „Klartext-Resultate“ nicht sehr überraschend: „Was wir nicht woll‘n, das Bürger lesen, soll am Monopol verwesen“, „Je kleiner das Informationsangebot, desto leichter werden große Lügen geglaubt“ und „Unter den Falschgeldwolken muss die Freiheit wohl eingegrenzt sein“.

Die jüngsten Forderungen Innenminister Friedrichs nach mehr Peep Shows in öffentlichen Räumen und anderen staatspornographischen Unterhaltungsangeboten förderten gar kein Textergebnis zutage, sondern lieferten merkwürdigerweise nur einen Link zu einem Eintrag einer Filmdatenbank: „Stalker“.

Fazit: Das Tool hält leider nicht ganz, was es verspricht. Zwar dürften einige Übersetzungen sicher für ein Schmunzeln beim User sorgen, wirklich Neues oder Überraschendes vermag die Software aber nicht zu liefern, überdies fallen einige Ergebnisse nicht weniger kryptisch aus als die eingegebenen Vorlagen. Dieses Manko wird allerdings „wettgemacht“ durch den Preis – die kleine Utility ist als Freeware erhältlich. Zudem läuft sie nicht nur auf PCs, sondern jedem gut funktionierenden Gehirn.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige