16. April 2013

Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland Der Mann mit der Schärpe

Und die geschlechtslose Geilheit der Pressefotographen

Der Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland versank nicht, wie manche es herbeischreiben wollten, im Chaos. Tatsächlich war er nahezu perfekt organisiert. So trugen zum Beispiel die stimmberechtigten Parteimitglieder blaue Bändchen um den Hals, die Journalisten waren ordentlich am roten Riemen zu erkennen. Und das heißt: Freund und Feind unterschieden sich auf den ersten Blick. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Und das galt für beide Seiten. Denn haben Sie ihn auch gesehen, den bärtigen Mann mit braunem Hemd und Deutschlandschärpe? In fast keinem Bericht über den AfD-Gründungsparteitag hat sein Bild gefehlt. Die Pressefotographen und Kameraleute waren geradezu vernarrt in ihn, den einfachen „Parteifreund“, der nicht einmal das Wort ergriff. Der nur dasaß.

Klar, man hätte auch den blinden Delegierten, der eine beeindruckende Rede hielt, hervorheben können. Oder die mit gebrochenem Deutsch sprechende Migrantin, die am Ende zur neuen Beisitzerin im Vorstand gewählt wurde. Alles Mumpitz, nur Häuptling Braunhemd, der eine Verdächtige von eineinhalb Tausend, sollte wirklich zählen.

Ob interessierte Kreise ihn so ulkig drapiert hatten? Oder ob er selbst sich zum Gründungsfest verkleidet hatte und dann auffällig in die vordere Mitte des Saals platzierte? Jedenfalls war er Kameramanns Liebling, schon bevor er auch noch die Fahne hervorkramte.

Mit den Pressfotographen haben die Gendermaingestreamten offenbar klammheimlich den neuen geschlechtslosen Menschen bereits erschaffen, wie auch immer sie das angestellt haben. Pressefotographen sind anders. Abgetragene Westen tragen sie, fast immer. Und fettige längere Haare auf dem Kopf, ausnahmslos. Dann der Moment, auf den sie offenbar gewartet hatten, die ganz große Show: Der Mann im Braunhemd holt während der Rede von Parteichef Bernd Lucke „plötzlich“ die Deutschlandfahne aus der Aktentasche und schwenkt sie begeistert.

Ich saß im Pressebereich mit meinem roten Aussätzigenbändchen, mitten unter ihnen, die Kameraleute und Fotographen vor mir, der Bärtige gleich schräg hinter mir. Wie auf ein Zeichen reagierten sie und stürmten an mir vorbei zum Fahnenbraunhemd. Ihre Gesichter waren von Geilheit verzerrt, sie gierten und drängelten. Auf dieses eine Foto hatten sie gewartet.

So wie andere vielleicht auf eine hübsche Blonde oder Brünette geflogen wären, die urplötzlich hüllenlos dagestanden wäre, so stürzten unsere geschlechtslosen Fetthaare auf das Stück Stoff, das einfach nur die Flagge dieses Landes ist. Zur Erinnerung: Auf einem x-beliebigen amerikanischen, englischen oder französischen Parteitag wären eher die 1.499 Parteimitglieder ohne Landesfarben aufgefallen. Aber ob man sich deshalb lechzend auf sie gestürzt hätte?

In diesem Lande ist eben vieles anders. Journalisten zum Beispiel genießen einen Vertrauensstatus knapp unterhalb von Hütchenspielern und Politikern. Weshalb mir ja auch das rote Bändchen so peinlich war. Die Pressefotographen, das muss man wissen, sind die handzahmen Kammerdiener dieser Schmierfinken. Bedauernswerte Geschöpfe im Grunde, die nur das ausführen, was die mit Laptop danebensitzende oder in der Redaktion thronende schreibende Zunft ihnen auftrug. Am Sonntag im Berliner Interconti lautete der Auftrag: Finde mir den Nazi. Wenigstens annähernd. Und wenn Du keinen findest, dann erfinde ihn.

Auftrag ausgeführt, wie geil. Mein schönster Moment war indes, als ich das rote Bändchen endlich wieder ablegen durfte.

Einen längeren Bericht über den Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland und Einschätzungen über deren Zukunft lesen Sie in eigentümlich frei 133 (Juni-Ausgabe).


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