11. April 2013

ef 132 Editorial

Ein deutscher Frühling?

Ein Artikel in diesem Heft ist anders. Der Beitrag von Akif Pirinçci ist böse – mit viel Wut im Bauch geschrieben. Er ist stilistisch abweichend – enthält Fäkalwörter, die wir ansonsten niemals drucken. Und er ist vorab bereits im Internet erschienen – auf der „Achse des Guten“, einem liberalen Blog des Journalisten Henryk M. Broder, der üblicherweise vor allem von Israelfreunden und Journalisten gelesen wird.

Ähnlich wie ein Artikel von Birgit Kelle zum Feminismus, über den wir uns in der letzten Ausgabe mit der Autorin unterhielten, verbreitete sich Pirinçcis Wutrede wie ein Lauffeuer durchs Internet. Es geht um Migrantengewalt gegen Deutsche. Anlass ist der brutale Mord an Daniel S. in Kirchweyhe, leider kein Einzelfall. Pirinçci hat ein Fenster aufgestoßen. Wir, die tagtäglich mit „Nachrichten“ über die stets lauernde „rechte Gefahr“ gefüttert werden, lesen mit offenem Mund seinen Aufschrei über die tatsächlich stattfindende Gewalt von ganz anderer Seite, ausgehend von deutschenhassenden jungen Arabern und Türken sowie linken „Antifa-Banden in Manier von SS-Horden, die jede Art von Gegenmeinung niederschlagen und Existenzen vernichten dürfen“, so Pirinçci.

Es konnte nur ein Deutsch-Türke sein, der solche Frischluft zuführt. So wie Henryk M. Broder, dessen Mutter 1945 noch ins KZ Auschwitz deportiert wurde, die deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ schärfer als andere kritisieren kann („Vergesst Auschwitz!“), ist es nun an dem in Istanbul geborenen Pirinçci, das Schönreden der himmelschreienden Probleme von Migration und Sozialstaat zu beenden. Der Schriftsteller, der ausdrücklich „kein von Kultursubventionen lebender Staatskünstler“ ist und „vielmehr sein Geld auf ehrliche Weise verdient“, erkennt durchaus den „Hauptgrund für die Abkoppelung“ der Migranten im „Sozialhilfe-Wunderland-Syndrom“ und in der „Keine-Arbeit-trotzdem-Geld-Gesellschaft“ sowie in der „Integrationsindustrie“ – denn „es geht immer nur um Staatsknete, sowohl für die einen als auch für die anderen“. Pirinçci hat beides, den Eifer Thilo Sarrazins beim Verkünden einmal erkannter Wahrheiten und den ätzenden, zuweilen über das Ziel hinausschießenden Stil Henryk M. Broders. Wir werden noch von diesem Akif Pirinçci hören. Am liebsten weiterhin auch in eigentümlich frei.

Getroffene Hunde bellen. Für Radio Bremen reagierte der linke Journalist Jochen Grabler mit Attacken gegen den „Hassprediger und Volksverhetzer Pirinçci, beseelt von Goebbelsscher Perfidie“. Und was macht der? Er weicht nicht zurück wie manche vorher, die dann erst recht sozial vernichtet wurden, sondern reagiert öffentlich so: „Mit mir nicht, du Vollpfosten! Grabler, Radio Bremen und andere Möchtegern-Gesinnungsdiktatoren, die ihr immer noch davon halluziniert, dass die Empfänger eurer Botschaften in der Bevölkerung alles schlucken, was ihr da an Lügen verbreitet, ihr habt euch den falschen Gegner ausgesucht. Ich bin weder Eva Herman noch ein verweichlichter Deutscher, der nun den geordneten Rückzug mit allerlei Entschuldigungen antreten wird. Nicht vergessen, im Grunde meines Herzens bin ich immer noch Türke. Also aufgepasst!“ Atemberaubend. Im übrigen sei sein Text „in der Tat in einer umbarmherzig harten Sprache verfasst, was zum Thema allerdings passt. Wir reden hier von der Ermordung von jungen Menschen und nicht von falsch getrenntem Müll.“ Es gehe um jene, die „einem Gleichaltrigen das Hirn aus dem Schädel treten. Was sind das für Monster?!“

Es sind Einzelne. Und Polemik arbeitet mit Übertreibungen. Broder ist ein Meister darin, auch Pirinçci beherrscht sein Handwerk. Gut deshalb, dass er selbst eine Lesehilfe mitgibt: „Die meisten Zuwanderer aus morgendlichen Gefilden sind Menschen wie du und ich. Sie arbeiten, lieben ihre Kinder und sind freundlich zu ihrem Nachbarn. Ich entschuldige mich bei niemandem – doch natürlich tue ich das, und zwar bei denjenigen Migranten, Türken, Arabern, Muslimen und den zugewanderten Menschen, die sich so wie ich in diesem Land sauwohl fühlen und nach ihrer eigenen Fasson glücklich werden.“

Im letzten Heft Kelle, hier nun Pirinçci. Das Internet gebiert eigene, neue Helden. Und es werden immer mehr. Kürzlich zum Beispiel der Schweizer Politiker Oskar Freysinger (SVP), der auch schon Autor dieses Magazins war. Anhand von TV-Aufnahmen hatte der „Spiegel“ bei ihm im heimischen Keller eine Kriegsflagge aus der Kaiserzeit entdeckt und skandalisiert. Ein deutschen Journalisten nicht genehmer Wandschmuck in einer Schweizer Privatwohnung? Das zu bekritteln hatte nicht einmal der „Völkische Beobachter“ gewagt. Aber was sagt Oskar Freysinger? „Die Fahne bleibt hängen“, Punkt.

Und in Deutschland? Hier startet gerade eine neue Anti-Euro-Partei (ef berichtete). Auch die Alternative für Deutschland (AfD) wurde umgehend „verdächtigt“, hatten doch manche Vorständler in der „Jungen Freiheit“ publiziert. Man verwies auf den Wikipedia-Eintrag über die „umstrittene Zeitung“. Die AfD antwortete ganz offiziell mit zwei kurzen, klaren Hinweisen. Erstens: „Die ‚Junge Freiheit‘ ist eine konservative Wochenzeitung.“ Zweitens: „Wikipedia ist ein linkes Denunziantenstadl.“

Frischluft, wie gesagt. Ist das schon die Zeitenwende? Ein deutscher Frühling? Mal schauen. Lesen Sie in dieser Ausgabe einige Wahrheiten über 150 Jahre SPD, die Sie woanders nicht finden. So wie wir im letzten Jahr anders als andere über Ungarn berichtet haben. ef-Autor Lion Edler wurde nun von einer konservativen ungarischen Wochenzeitschrift interviewt – und mit eigentümlich frei in den Händen auf dem Cover abgebildet. Ob in Ungarn oder Deutschland, es bleibt dabei: Kein Fußbreit! Mehr Freiheit!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. April erscheinenden Mai-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 132


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