04. April 2013

Zypern Bekommt die EU das Hegelband in Rot für erfolgreiche Synthese?

Wo bleibt der Aufstand anständiger Friseure?

Eigentlich müssten Friseure Zeter und Mordio schreien, wenn Eurokraten und andere Enteignungsmafiosi Begriffe aus ihrer Berufswelt vergewaltigen. Denn ein kompetent vollzogener Haarschnitt trägt zur Verschönerung menschlicher Häupter bei;  euphemistisch als „Haircuts“ bezeichnete Kontorasuren hingegen führen höchstens zu gesenkten Köpfen bei denjenigen, die unter solchen, starke Assoziationen an Hitchcocks Horrorperle „Die Vögel“ weckenden Elsterattacken zu leiden haben. Einige Kommentatoren des Zypern-Coups wiesen bereits korrekt darauf hin, dass er eben nicht „russischen Oligarchen“ in die Taschen langte, sondern vor allem kleinere und mittelständische Betriebe traf. Aber das stand ja von vornherein auf der Agenda und gehört zu ihren wichtigsten Punkten: Zerstörung des Mittelstands. Denn erst bei einer breiten Masse doppelplusglücklicher Proletarier, die aufgrund alltäglicher Mühsal weder Kraft noch Nerven, geschweige denn die finanziellen Mittel haben, dem tausendjährigen Reich der von Platos Ideal der „perfekten Gesellschaft“ inspirierten Weltenlenker und globalsozialistischen Menschheitsbeglücker aus den planwirtschaftlichen Round Table Groups Widerstand zu leisten, werden diese schrecklich verirrten Spukgestalten zufrieden sein.

Natürlich war der Fingerzeig auf böse russische „Steuerhinterzieher“ und Milliardäre in der Plumpsackpresse nur ein vorgezogener Aprilscherz. Eigene Fehler eingestehen? Niemals. Die Europartei hat immer recht! Und schuld sind immer die anderen. In diesem Fall eben Russen. Irgendwie witzig, dass diese Rhetorik aus der Zeit des „Kalten Krieges“ nochmal ausgegraben wurde. Da landen ja längst überwunden geglaubte Ressentiments wieder auf dem Nierentisch – trotz Friedensnobelpreis. Oder etwa nicht?

Iwo. Das ist doch nur Kasperletheater. Man sollte nicht den Fehler machen, sich vom guten, alten und schon öfter zur Anwendung gekommenen Hegelschen Rezept durch die Manege schleifen zu lassen: These – Antithese – Synthese. „Micha, reiß doch mal diese Mauer ein!“, empfahl Schauspieler Ronald McDonald, PR-Agent der Gangstarapper „Ponzigods shave America“ und Motivationsmusikant auf der Farm der unermüdlich wertvolles Steuerdotter produzierenden menschlichen Legebatterien im Besitz traditionsreicher Geldfälscherclans dem hochverehrten Staatsmann Erstgorbi Dannorbi. Aber darf man sich nicht fragen, ob Ostberlin tatsächlich dem Westen angeschlossen wurde oder nicht doch eher umgekehrt – gerade unter Merkel drängt sich dieser Eindruck ja förmlich auf, nicht nur, was das Leninsche Rezept zur Zerstörung des Geldes betrifft, sondern auch hinsichtlich ihres politischen Führungsstils – und ob die Sowjet- nicht einfach durch die Europäische Union beerbt wurde?

Doch doch, darf man, das kommt schon ungefähr hin. Ganz unberechtigt sind solche Sarkasmen und düsteren Spekulationen keineswegs, so überspannt sie dem ungeübten bzw. geschichtstrugbildlich getrübten Blick zunächst auch erscheinen mögen. Wie das gemeint ist? Fragen wir mal Herman Van Rompuy, der die großpolitische Straßenkarte gut kennt und weiß, wann man wo abbiegen sollte, um den Zielort zu erreichen. Rompuy dachte vor kurzem an, man könne doch Russland der EU angliedern. Wie jetzt? Wie passt denn der Schwefeldampfhans in allen autoritären Gassen, der – stand doch in der Zeitung! – böse Demokratiefeind Putin zum Friedens- und Mitbestimmungsprojekt EU? Beißt sich das nicht? Sind das „Gute“ und das „Böse“ nicht eigentlich Gegensätze, Onkel Gandalf?

Nö. Passt scho. Wenn die Zeit reif ist, und das scheint sie nun zu sein, denn im Euroraum sucht man händeringend neue Geldkühe, treten die beiden ja vielleicht doch noch vor den Traualtar – Zuschauer lieben Snappy Endings. Van Rompuy nannte es dann auch ganz frei von der vom Machtrausch zerfressenen Leber weg beim Namen: Eine solche „verstärkte Zusammenarbeit“ könnte ein wichtiger Schritt sein auf dem Weg zur – spuck‘s schon aus – „Global Governance“. Man muss den Groschen eben langsam fallen lassen, sonst schreckt das Klingeln ja die ganze Animal Farm auf. Von wegen Fiktion. Das Buch war ein als Literatur getarntes Warndreieck auf dem Highway to Orwells Hell, jede Wette.

Die Frage ist nur, ob die russische Führung darauf eingeht. Falls ja, dann wohl eher nicht aus Sympathie für die Pläne zur – wieder so ein Euphemismus  – „Neu“-Ordnung der Welt, sondern vor allem, weil sie aufgrund der desaströsen Lage der EU-Finanzen auf einen größeren Stuhl am Tisch der Entscheider schielt. Ist sie (zusammen mit China) im Libyen-Krieg noch auf die Masche hereingefallen und hatte sich vergackeiern lassen, hat sie beim Syrien-Konflikt – zum Glück – ihr Veto eingelegt. Natürlich weiß man in Moskau sehr genau, aus welchen Gründen diese Kriege wirklich geführt wurden und werden; natürlich riecht man den Mief der Krankenbetten, in denen Dollar und Euro sich unruhig wälzen (was sie ja auch sollen, denn wo ein Wille zur totalen Umgestaltung der Weltgesellschaft ist, da ist auch ein geldpolitischer Weg), und selbstverständlich spekuliert man auch ein bisschen auf das vom Schuldendruck aufgebaute Erpressungspotential. Wir reden schließlich auch in Moskau von Politik – es wäre naiv, kitschige Madonnenbilder zu krakeln.

Dass man über „Nichtregierungs“-Organisationen, finanziert durch Wall-Street-Größen wie George Soros und in Absprache mit Neu-London (ganz früher: Washington) in bekannter Manier ein bisschen Unruhe zu stiften versucht in der Hoffnung, einen Regimewechsel herbeizuführen und Russland dadurch dieses Druckmittel zu nehmen – es geht doch nichts über willfährige Premiers –, ist ebenfalls nichts Neues, ganz im Gegenteil. Das kennt man ja schon aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und es ist auch der Grund für das Pressegebell gegen Putin, dem man mal wieder vorwirft, den armen, unschuldigen NGOs ans Leder zu wollen, die doch nur für mehr Demokratie kämpfen. Mal nebenbei gefragt: Warum kämpfen die dann nicht lieber in Brüssel und Neu-London statt in Moskau? Hätte das nicht Priorität? Warum in die Ferne schweifen, ist das Übel doch so nah?  

Doch zurück ins Studio auf Zypern: Um darauf zu kommen, dass mit dem medienwirksam aufgebauten Feindbild etwas nicht stimmen kann, dazu hätte schon ein oberflächlicher Blick auf die Herkunft vieler Billionen Dollar in sogenannten Steueroasen rund um die Welt genügt. Die stammen nämlich nicht nur aus dem bösen Osten, sondern zu nicht unwesentlichen Teilen auch aus Wall-Street-Konten beziehungsweise von „Superreichen“,  die über die Ursachen der massenhaften Krötenwanderungen sicher ganz gut Bescheid wissen.

Es kann deshalb auch nicht verwundern, dass besagte russische Oligarchskis und andere Milliardäre ihre Mäuse schon vor dem Ausbruch des Zypern-Debakels in Sicherheit brachten. Denn Leute dieser Gehaltsstufe verfügen oft über exzellente Kontakte zu wertvollen Informationsquellen aus der Welt der Politik, der Bankenvorstände und der Hochfinanz, oder anders ausgedrückt: Sie informieren sich nicht nur aus Talkshows, in denen klug wirkende Brillengestelle und akademisch gekämmte Promifrisuren endlos über die genaue Bedeutung des Wortes „gescheitert“ diskutieren und ob das nicht auch Ansichtssache sei, ich meine, es kommt ja auch darauf an, wie man das Bild der Titanic hält, schauen Sie mal: Wenn ich es ein wenig drehe, sieht es doch so aus, als führe der Luxusliner weiter stramm geradeaus, während der Schuldenozean von selbst nach unten aus dem Bild fließt. Also nicht unüberlegt handeln! Warten wir doch erstmal ab, welche Sektion des Dampfers als nächstes überflutet wird! Vielleicht brechen die Bullaugen Italiens ja wieder, oder in Spanien fliegen wieder ein paar Schotten aus den Angeln. Oder ein französischer Wassereinbruch? Oder saufen doch erst Luxemburg oder Slowenien ab? Rate mal im Falschgeldtal. Sie sind der Meinung: Das war nur die Spitze des Eisbergs!

Es ist ja auch nicht so, dass ein Finanzminister seinem Pressesprecher auf der Frühstückskonferenz ins iPad gähnt, er habe sich heute morgen beim Stuhlgang dann doch für Zwangsabgaben oder ähnlich rabiate Abführmittel entschieden. Sowas benötigt eine gewisse Vorbereitungszeit – auf jeden Fall mehr als genug für Aufmerksame, anderen Bescheid zu geben: „Du, pass auf, die werden demnächst in Zypern hinlangen. Bring deine Kohle in Sicherheit!“ – „Mensch, danke, hast was gut bei mir!“. Auch Wochenenden und Feiertage aller Art sind sehr beliebt für „Bank Holidays“, während der man beispielsweise einen Währungsschnitt durchführen, sozial total ungerechten Reichtum abführen oder Sparer und Rentner an der Nase herumführen kann.

Warum also soll die Kurzgeschichte „Schnee von gestern, der auf Zypern fällt“ wieder ein „Skandal“ sein? Nur weil manche immer noch die falschen Zeitungen im richtigen Leben lesen?

Also, ich bin stark dafür, dass die EU das Hegelband in Rot bekommt. Die Auszeichnung ist wohlverdient.


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