28. März 2013

Urlaubseindrücke Gryperportianilienland

Ganz nach Fahrplan: Endstation, aussteigen

Urlaub auf Rügen. Schön. Wandern an der frischen Luft, am Strand entlang. Ein bisschen kalt, okay, und der Wind bläst an manchen Tagen so scharf, dass er einem die Knochen zersägt, die man nach der Rückkehr ins Hotel bei einer Tasse heißem Milchkaffee mit viel Geduld und Spucke wieder zusammenleimen muss. Trotzdem schön. Zwei Wochen raus aus der Irrenanstalt, nicht „am Ball bleiben“ und nachträglich gerichtete Nachrichten lesen müssen, deren ursprünglichen Sinn man sich dann ebenso mühselig wieder zusammensuchen darf wie das Gebein nach manchen Spaziergängen an der Ostsee. Einfach mal komplett abschalten. Oder doch nicht? So ganz abnabeln will man sich ja auch nicht. Und doch wissen, was gerade so vor sich geht und wie weit die Welt schon neben sich steht. Aber kann man sich das nicht ohnehin denken? Ist es nicht abzusehen? Ach was soll‘s, es hängt sowieso jeden Morgen eine Zeitung an der Tür. Die ersten vier Tage habe ich überhaupt nicht reingeschaut, wohlwissend, dass es keine Überraschungen geben wird.

Na gut, am fünften Tag also Zeitung aus der Papiertüte gefischt und aufgeschlagen. Und mit voller Wucht bestätigt worden: „Zypern-Rettung wackelt schon wieder“. Danach war meine Hand gebrochen. Vom vielen Vor-den-Mund-halten. War sie angesichts solcher erwartbaren Meldungen bisher nur verstaucht und leicht angeknackst, hat ihr ein gefühlt unendliches Gähnen nun den Rest gegeben. „Ach, echt?“, räkelte sich ein erster Gedanke in die Lektüre des Artikels. Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Irland, Zypern, haste nich geseh‘n, sagt mal merkt ihr vielleicht mal was? Gut, nun ist Zypern kein „relevantes“ Land, wie es durchaus zutreffend auch in den Kommentarspalten anderer Blätter raschelte. Stimmt schon. Zur Rettung des kleinen Fleckchens werden ja nur ein paar lächerliche Tausend Millionen Euro benötigt, die von Populisten erarbeitet werden müssen, um von Anti-Populisten umverteilt, vergraben, verkackt, versenkt, verbrannt, verblasen und einer hoffnungslos hypertrophierenden Scheingeldindustrie in den Rachen geworfen werden zu können. Nur ein paar Milliarden, Peanuts. Man muss das ja auch in Relation sehen. War man doch schon viel höhere Beträge gewohnt.

Zuerst sollten die Kleinanleger besto ... äh, freundlich beteiligt werden an der Rettung des im Vergleich zur Größe beziehungsweise Produktivität des Landes schlicht aberwitzig monströsen Bankensektors. Da dieser Vorschlag völlig zu Recht einen Sturm der Empörung entfachte, ließ man ihn auch gleich fallen wie eine heiße Kartoffel. Zu spät, der Ungeist war aus der leeren Flasche Outbaileys. Distelblüte, Nachfolger Flunkerjunckers, hatte sich verplappert. Nigel Farage (die EU-Propagandaminister warnen: Das ist dieser Europa hassende Anti-Euro-Nazi): „Sie haben die Grenze zur Kriminalität massiv überschritten – und davon wird sich ihre Reputation niemals wieder erholen.“ Nun möchte man seine Vampirzähne „nur“ noch in Vermögen ab 100.000 Euro schlagen. Außerdem ist Zypern ein Paradies für böse russische Oligarchen, Milliardäre und so, ganz übles Gesindel. Geschieht ihnen nur recht! Alles Verbrecher! Und Wladimir Putin, der miese Oberautokrat, verfolgt dort natürlich auch noch andere Interessen. Gasgeruch erfüllt die Luft. Da ist es doch gut zu wissen, dass die Oligarchen der westlichen Hemisphäre, deren Motive vor Lauterkeit und Aufrichtigkeit selbst eine Mutter Teresa wie eine schäbig geschminkte Schlampe aussehen lassen, andere Länder nur angreifen, weil die ständig unsere Demokratie mopsen. Ich selbst habe erst vor kurzem einen Malinesen dabei erwischt, wie er ein großes Stück unserer Freiheit in seinen Hosentaschen verschwinden ließ, um es bei sich zu Hause in Uran- und Goldminen zu verstecken, dieser Wicht. Mensch, die sind so reich, und wir müssen Papier fressen. Ungerecht.

Zurückgekehrt nach Berlin, die Meldungen der letzten zwei Wochen durchstöbert. Und bei einem besonders skurrilen Vorfall hängengeblieben. Bernd Lucke von der „Alternative für Deutschland“ bekam vom Stoiberedmund bei Schrillner eingeschenkt. Hätten wir den Euro nicht, so staubte es aus Stoiber, hätten wir Zustände wie vor dem Zweiten Weltkrieg! Naja, das ist natürlich eine rein akademische Frage. Schließlich hatten wir ja keine Gelegenheit, diese steile These praktisch zu überprüfen. Hätte der Ultranationalismus ohne Euro tatsächlich wieder die politischen Hitparaden Europas erklommen? Statt in solchen theoretischen Horrorszenarien herumzustochern, sollte man doch lieber fragen: Wie sieht es denn nun MIT Euro aus? So leid es mir tut, ich kann keine wesentlichen Unterschiede entdecken. Das Hauen und Stechen, die gegenseitigen Vorwürfe, die Anschuldigungen und Schmähungen flammen ja teilweise schon wieder auf. Recht heftig sogar. Trotz Rubel.

Stoiber: Ja, wir hätten Italien nicht aufnehmen dürfen, aber wir haben es nun mal gemacht, Scusi. Richtig. Genau wie Griechenland. Denjenigen, denen das spanisch vorkam, hatte man flugs einen Maulkorb verpasst oder sie druckgeschwärzt. Wider alle Vernunft. Wider sämtliche Warnungen hochkarätiger Leute, die gegenüber großspurig aufstampfenden Technokraten  und Enteignungsmafiosi im Namen des angeblich Ewigen Friedens von Europa einen unschätzbaren Vorteil hatten und haben: Sie verstehen etwas von der Materie. Wann genau ist die Politik eigentlich zu einem Panoptikum der Schizophrenie, des Größenwahns und der Selbstüberschätzung geworden? Ich erinnere mich nicht mehr. Liegt wohl schon länger zurück. Tut uns leid, wir hätten besonnener vorgehen und auch mal Vernunft walten lassen können, haben wir aber nun mal nicht. Ist halt passiert. Jede gute Mutter würde ihrem Kind, wenn es auf die Frage, warum es nicht rechtzeitig auf die Toilette ging, sondern alles vorsätzlich in die Hose plempern ließ, so antwortete, die Hammelbeine langziehen. In Italien übernimmt diese Aufgabe gerade ein Komiker. Kein Wunder, muss man doch außergewöhnlich viel Humor haben, wenn man diesen Irrsinn geistig gesund durchstehen will. Wie gut außerdem, dass der Mann Populist ist. Irgendjemand muss sich ja auch mal um die Interessen des Volkes kümmern.

Kurzzeitig tauchte die bange Frage auf: Sind Vorschläge wie die für Zypern auch in Deutschland denkbar? Welch eine blödsinnige Frage. Natürlich nicht. Sollte das Geld mal richtig knapp werden – das lehrt doch die Geschichte – werden sich die Menschen knutschend in den Armen liegen und auf ihre politischen Führer Rosenblüten und Kleeblätter regnen lassen. In den USA, dem Land der Dollarblüten, ist man diesbezüglich schon weiter. Dort hat das Department of Homeland Security bereits etwas mehr als zwei Milliarden Schuss Federweißen zum Abfeiern bestellt sowie kürzlich nochmal circa 2.500 gepanzerte Fahrzeuge zum Sicherheitstransport der atemberaubenden Haushaltsüberschüsse. Außerdem wurden Zielscheiben geordert, mit deren Hilfe das schüchterne Wachpersonal einen unverkrampfteren Umgang mit Alten üben kann, oder wie man Schwangere beim Abschlussball um einen Tanz bittet.

Aber zurück zur Alternative für Deutschland: Kann man die wählen? Ganz ehrlich: keine Ahnung. Bin mir noch nicht schlüssig und weiß nicht so recht, was ich von der Chose halten soll. Eigentlich gibt es ja einen eindeutigen und untrüglichen Indikator dafür, was von neuen politischen Gruppierungen zu halten ist: ihre Behandlung in den Massenlobotomedien. Wenn eine Partei also, so wie die Piraten, einhellig topgejazzt wird, darf man sich über etwaige knackende Geräusche im Unterholz nicht wundern. Dann könnte etwas faul sein. Wird eine Partei aber, so wie die AfD – noch dazu von der ARD – mit braunen Farbbeuteln beworfen, ist das ja meistens ein sehr gutes Zeichen, bedeutet es doch, dass die Etablierten sich an den eingeschlafenen Füßen gekitzelt fühlen. Was auch immer man davon halten mag: Fest steht, dass Alternativen dringend gebraucht werden. Dem Massenbetrug im Namen von Frieden und Freiheit, der höchstens das genaue Gegenteil fördert, muss Einhalt geboten werden.


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