14. März 2013

Antifaschismus Gespräch mit dem Kommunisten Freerk Huisken

In Kürze mehr im Magazin (ef 131)

Freerk Huisken, Jahrgang 1941, ist emeritierter Professor für Politische Ökonomie am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen. Und er ist ein der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ in der Nachfolge der Marxistischen Gruppe (MG) verbundener linksradikaler Buch- und Zeitschriftenautor, der immer wieder durch unkonventionelle Thesen auffällt. So verwies Huisken bei der Analyse von Schulamokläufen auf die persönlichen Erfahrungen der späteren Täter in der Schulanstalt, er kritisierte linke antifaschistische Rituale und die Schwächen der Demokratie als Staatsform. eigentümlich frei sprach mit dem bekennenden Kommunisten über Gegensätze und Klassenfeindschaft, aber auch über mögliche Gemeinsamkeiten in der Kritik an Fehlentwicklungen. Lesen Sie dieses ungewöhnliche Interview, geführt von ef-Herausgeber André F. Lichtschlag, in der am 26. März erscheinenden Ausgabe ef 131.

Und lesen Sie vorab exklusiv hier auf ef-online, was uns Professor Huisken zum Thema „Antifaschismus“ zu sagen hat.

ef: Das Thema „Antifaschismus“ greifen Sie in Ihrem Buch „Der demokratische Schoß ist fruchtbar. Das Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus“ auf. Was stört Sie genau am Antifaschismus, wie er von anderen Linken praktiziert wird?

Huisken: Zusammengefasst stört mich am Antifaschismus von Linken, dass auch er zum einen auf nichts anderes als auf ein Reinigungsunternehmen an der hiesigen Demokratie hinausläuft und mit Ächtung, Ausgrenzung, Vertreibung und Verbotsforderungen operiert, in der Sache also durchaus dem bürgerlichen Antifaschismus vergleichbar ist. Fatal ist am linken Antifaschismus somit, dass er die dem Neofaschismus zugrundeliegende nationalistische Gesinnung gar nicht zum Thema macht. Solche Linken begreifen nicht, dass der Bürgernationalismus eine demokratische Notwendigkeit ist.

ef: Wie bitte?

Huisken: Ohne Parteilichkeit für Staat und Nation läuft der demokratisch regierte Kapitalismus hierzulande nicht so rund, wie das leider der Fall ist. Zudem stellt er die Gesinnungsgrundlage dar, auf dem in der Demokratie immer wieder rechtsextreme und neofaschistische Gruppierungen entstehen. Zum anderen aber stört mich am Antifaschismus von Linken, dass sie gerade darin eine implizite Parteinahme für die hiesige Gesellschaft ist. Die wird explizit, wo die Demokratie zum kleineren Übel und ein Faschismus zum Gipfel der Barbarei erklärt wird. Dieser falsche Vergleich ärgert mich schon sehr. Erstens weil Demokratie und Faschismus zwei Varianten derselben, nämlich bürgerlicher Herrschaft sind, zweitens weil der Faschismus nicht erfasst ist, schon gar nicht der Neofaschismus, wenn er nur auf Holocaust und Welteroberungspläne reduziert wird, und drittens weil sich diese Linken schon sehr mit den kapitalistischen Verhältnissen arrangiert haben müssen, wenn sie das real existierende „Übel“ der Erfindung einer drohenden Machtübernahme durch einen Neofaschismus mit erfundenem Programm vorziehen.

ef: Ihrer Antifaschismuskritik kann ich in mancher Hinsicht zustimmen. Aber dass ausgerechnet linke Antifaschisten den Faschismus auf „Holocaust und Welteroberungspläne reduzieren“, geht an der Realität der linken Gruppen doch völlig vorbei, die mehr oder weniger jeden, der nicht ihrer Meinung ist, als angeblichen „Faschisten“ zu bekämpfen trachten. Denken wir etwa an den Autor und Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, dessen Vorlesungen in Buchhandlungen nach Gewaltandrohungen der Antifa abgesagt werden mussten. Oder ist am Ende auch in Ihren Augen Thilo Sarrazin ein Faschist, dessen Meinungsäußerung tatsächlich verhindert werden muss?

Huisken: Wollen Sie über Sarrazin diskutieren oder über die linke Antifa? Meinem Urteil über die linke Antifa habe ich nichts hinzuzufügen. Da schenke ich mir jetzt die Wiederholung. Ich will aber darauf hinweisen, dass es gerade der falsche Faschismusbegriff der linken Antifa ist, der bei einigen Gruppierungen dazu führt, dass sie inflationär mit dem politischen Etikett „Faschist“ umgehen und jede Form von Repression für faschistoid erklären. Von wegen, der Reduktionismus ginge „an der Realität der linken Gruppen doch völlig vorbei.“

ef: Und bezüglich Sarrazin?

Huisken: Dass man seine Thesen nicht kritisiert, wenn man eine Lesung sprengt, ist klar. Aber das will wohl eine Sprengung auch nicht. Der Mann ist auch kein überzeugter Faschist – obwohl ihm die NPD die Ehrenmitgliedschaft angetragen hat. Er ist ein tief von nationaler Politik enttäuschter deutscher Nationalist, der primär in Sorge um den völkischen Bestand der Nation überall ihren Untergang entdeckt und der herrschenden Politik darüber die Augen öffnen will. Er täuscht sich dabei in jeder Hinsicht über zentrale Zwecke nationaler Politik, mit der er da ins Gericht geht. Mit  Sozialpolitik, die ein deutsches Prekariat geschaffen hat, und mit einer Einwanderungs- und Ausweisungspolitik, die nur nützliche Ausländer brauchen kann und Armutsflüchtlinge rigoros von ihren Grenzen vertreibt,  wollen deutsche Regierungsdemokraten den Standort Deutschland in der internationalen Konkurrenz voranbringen. Dafür schaffen sie unter anderem Niedriglohnsektoren für In- und Ausländer und nehmen dabei in Kauf, dass der deutsche Volkskörper etwas durchmischt wird und durch unerwünschte Armutsmoral verroht. Das kann ein Sarrazin nicht ertragen. Gegen hergestellte Volksarmut hat er nichts. Er beklagt allein ihre Wirkungen auf Qualität und Größe des deutschen „Volkskörpers“.

ef: Lassen Sie mich festhalten, dass Sie auch bei diesem Thema vor der Gewaltfrage ausweichen.

Huisken: Ihnen gefallen nur meine Antworten nicht.


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