30. Januar 2013

Sexismus-Debakel Im Gleichschritt Marsch ...

... in die Blamage

Bevor es gleich noch einen Aufschrei gibt: Ich will hier in keinster Weise echten Sexismus verharmlosen. Echten, wohlgemerkt. Und damit wären wir auch schon beim Kern der von einschlägig bekannten Vertretern des Quasseljournalismus gewohnt hyperventilierend und verkrampft, verquast und verschwurbelt, kindisch und grotesk aufgeplusterten „Problematik“ Marke Brüderle. Denn ob man sein Verhalten als „Sexismus“ bezeichnen kann, wage ich zu bezweifeln. Wer definiert überhaupt, was genau Sexismus ist oder zu sein hat?

Ich schaue bei SPON nach, dem Online-Portal des „Spiegel“. Leider nicht sonderlich hilfreich. Was soll ich denn anfangen mit vagen Formulierungen wie dieser: „Wir leben im Jahr 2013 – und in deutschen Büros werden Frauen ‚Puppe‘ genannt und angemacht“? Nun gut, manche Männer werden ja auch „Hengst“ genannt und angemacht. Und jetzt?Ich hätte mir statt hysterischer Pauschalisierungen dann doch etwas genauere Angaben zum Beispiel darüber gewünscht, in wie vielen Büros genau denn nun Chefmännchen, deren Lebensinhalt angeblich aus nichts als rohem Trieb besteht, ihre Macht mißbrauchen, um über Puppen, Mäuse und Schätzchen herzufallen.

Man könnte den Tenor des Artikels aus der Feder der drei Damen Hans, Utler und Kämper auch wie folgt zusammenfassen: Männer sind eben Schweine. Verdorbene deutsche Samenbank. Reden wir darüber! Frauen scheinen immer nur Opfer zu sein, ausnahmslos. In dieses Horn stieß auch der Geißlerheiner. Das ist so zwar nicht ganz richtig, aber dieser Eindruck wird nun mal sehr gerne erzeugt und verbreitet – auch in der derzeitigen „Debatte“ über Sexismus, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Denn seriöse Debatten sehen anders aus. Ein bisschen einseitig wird sie ja schon geführt, teils auch auf gewohnt idiosynkratisch-idiotisch-hypochondrische Art. Und politisch ausgeschlachtet wird sie selbstverständlich auch: Eine Frauenquote muss her! Denn Frauen sind besser als Männer, diesen moralisch weit überlegen. Mit Frauen an der Spitze wäre solcher Schweinkram eine Sache der Vergangenheit! In welchem Schuhkarton man sein Leben verbracht haben muss, um solchen Unsinn zu glauben? Denn es ist doch seltsam, dass in dem ganzen Geschrei auf weiblichen Sexismus überhaupt nicht eingegangen wird. Bitte? Weiblicher Sexismus? Aufschrei! Sowas gibt‘s doch gar nicht? Doch doch, durchaus. Sagt zumindest jede gesunde Portion Lebenserfahrung, aber bitte – so viel Empirismus wird in akademisch-wirklichkeitsfernen Studierstubendiskussionen, mittels transzendental deduzierter Lehrsätze vom idealen Menschen gegen Wirklichkeitseinbrüche gut abgedichtet, nicht gerne gesehen.

Damit wäre ich auch schon bei einem für solche Lebensferne exemplarischen SPON-Leserkommentar, der mir Lachtränen in die Augen trieb. Ein Nutzer – oder eine Nutzerin – namens ColdFever schrieb: „Brüderle habe auf ihre Brüste geschaut und gesagt: ‚Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.‘  Viele Männer können sich offenbar nicht vorstellen, wie sich das als Frau anfühlt. Man stelle sich dann einmal eine Zukunft vor, in der eine Frau mit Macht einem Journalisten auf den Schritt schaut und dabei sagt: ‚Sie können eine Lederhose auch ausfüllen.‘“

Liebes, kaltes Fieber (sehr passender Aliasname übrigens): Das muss nicht erst in Zukunft geschehen, das ist längst Gegenwart. Und ganz alltäglich. Auch unter machtloser Weiblichkeit. Ich erinnere mich an so manche Begebenheit im Rahmen studienbegleitender Tätigkeiten in Büroräumen, in denen hin und wieder weibliche Kommentare gegenüber Kollegen und über Männer im Allgemeinen fielen (von mächtigen als auch ohnmächtigen Frauen), angesichts derer ich versucht bin, Brüderles Dirndldiktum für den Knigge Award 2013 vorzuschlagen. Von den zahlreichen Kommentaren solcher Art bei Spiel, Sport und Spaß, Freizeit und Hobby und bei abendlichen Geselligkeiten in Vergnügungsinstitutionen wie Kneipen, Lokalen, Discos und vielem mehr ganz zu schweigen. Harmlos. Glaub‘s mir. Viele dieser flapsigen Sprüche – das ist jetzt ganz wichtig! – waren übrigens auch gar nicht bierernst gemeint; man muss ja nun auch nicht aus jeder salopp dahingeplapperten Äußerung gleich ganz großes Drama machen – nominiert für zwölf Goldene Himbeeren! Was viele Menschen außerhalb elitärer Presseclubs – also Populisten – auch längst wissen und deshalb herzlich lachen über das unrettbar überkandidelt-überdramatisierte Busengate Brüderles, nur Journalist_innen haben noch nicht gemerkt, wie lächerlich sie sich damit machen. Ob das Fehlen jeglicher männlicher Koautorenschaft eventuell mit dazu beigetragen haben könnte, dass der SPON-Artikel einen doch etwas überhitzten, überzogenen und eindimensionalen Eindruck macht? Ob vielleicht sogar die sinkende Auflage des „Spiegel“ eine Rolle gespielt haben könnte? Trittbrettfahren auf dem Empörungszug? War ja nur eine persönliche Vermutung. Kein Grund, aufzuschreien.

Gar nicht so leicht, eine erschöpfende, ausgewogene Ursachenforschung in Sachen Sexismus zu betreiben, geschweige denn, zu einer allgemeinverbindlichen Definition zu kommen. Ich erinnere mich beispielsweise an eine recht populäre US-Fernsehserie – irgendwas mit „Pimpernell in der Großstadt“ oder so – die hinsichtlich ihres Männerbildes einen, wie soll ich sagen, phallischen Reduktionismus betrieb. Ist das sexistisch? Nein. Denn die perfide Ironie der Serie „Sex and the City“ bestand ja nicht in der realistischen, völlig zutreffenden Beobachtung, dass manche Frauen durchaus auch mal auf Hosenbeulen schauen und entsprechende Kommentare stapeln  – das ist banal, das weiß jeder 16-Jährige, der hin und wieder einen Fuß vor die Tür setzt –, sondern lag in ihrem vermeintlichen „Feminismus“. Was wurde diese Serie nicht gefeiert und gelobt für ihr angeblich emanzipiertes Frauenbild. Und das, obwohl man in den Köpfen der meisten Frauenfiguren dieses televisionären Befreiungsschlages bei einer Hirn-OP nicht mehr vorgefunden hätte als ein Paar Schuhe, eine Handtasche und einen Dildo. Sonderlich feministisch oder emanzipiert ist das ja nicht gerade, auch wenn es so verkauft wurde – sogar von prominenten Frauen aus der an hochaktiven Hirnzellen überreichen Medienwelt. Die auch sonst kaum eine Gelegenheit auslässt, jedes noch so unbedarfte Dummchen nur deshalb zum Medienstar aufzuspritzen, weil es in einem Teppichladen oder sonstwo bekannten Popproduzenten oder anderen Promi-Alphas in den Schoß fiel. Aber das nur am Rande, um klarzumachen, dass diejenigen, die gerade am lautesten „Sexismus“ schreien, an der Perpetuierung sexistischer Frauenbilder wesentlich beteiligt waren und sind, für die Harald Schmidt einmal den Begriff der „Mediennutten“ prägte. In diesem Punkt hatte Adorno recht: Keine Emanzipation ohne diejenige der Gesellschaft.

Problematisch auch, dass die im Artikel, erst recht auf Twitter, einander jagenden Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt leider nicht geprüft werden können. Mehrere Tausend Frauen hätten bisher ihre Erfahrungen geschildert, schön und gut – aber wie viele davon sind nun echt? Welche möglicherweise übertrieben oder beruhend auf eventuellen Fehlinterpretationen männlichen Verhaltens? Solche Fragen müssen in einer feministisch korrekten Welt freilich ungeheuerlich erscheinen, weshalb ich mich auch gleich dafür entschuldige. Ist es überhaupt möglich, dass Frauen männliches Verhalten manchmal falsch interpretieren? SInd Frauen zu solchen geistigen Fehltritten und Unpässlichkeiten überhaupt fähig? Anders gefragt, ist Twitter wirklich eine zuverlässige Informationsquelle für ein elitäres Magazin wie den „Spiegel“? Ich hatte keine Gelegenheit, den sittlich verlotterten Machtmännern in den Kopf zu schauen, konnte nicht studieren, was genau und vor allem wie sie es sagten. Hab‘s ja nur gezwitschert bekommen. Und behaupten kann man viel, wenn der Tweet kurz, der Tag aber lang ist. Umso erstaunlicher, dass die drei Damen vom SPON daraus sogleich ganz dicken Tatsachenzement mischten, statt mit handfesten, überprüfbaren Daten zu hantieren. Was nicht nur keinen sinnvollen, fundierten Beitrag gegen Sexismus leisten wird, sondern vor allem keinen gegen das deutlich milchig-trübe Bild, das viele Deutsche vom heimischen Journalismus – ob nun aus weiblicher oder männlicher Feder – auch nach dieser wieder einmal peinlich entgleisten Diskussion sicher nach wie vor haben werden.

Ich ließ den Blick weiterschweifen, um bei einem Kommentar hängenzubleiben, der mich auf die grandiose Geschäftsidee brachte, Männerschutzbunker auf den Markt zu bringen, wenn mal wieder feministisch-militant und ultrascharf geschossen wird. Zackig, sehr zackig. Miltärischer Oberkommandotonfall, aber hallo, ihr unterentwickelten Männer, stillgestanden, Obacht. Julia Voss in der „FAZ“: „Es gibt eine gute neue Regel: Sexistische Sprüche können gegen ihre Urheber verwendet werden. Was folgt daraus? Ganz einfach: Man sollte 2013 nicht mehr versuchen, sich mit Journalistinnen über ihre Brüste zu unterhalten. Nicht vor Mitternacht, nicht nach Mitternacht, nicht mit Alkohol, nicht ohne. Die Spielregeln haben sich in nur sechs Tagen geändert, hoffentlich nicht allein im Journalismus.“ Jawohl, Frau Admiral.

Ernsthaft: Wer angesichts einer Lappalie solche Kommandos über den Exerzierplatz brüllt – links, zwo, drei, vier, im Gleichschritt Marsch, Abweichungen welcher Art auch immer sind in Zukunft verboten; wer deshalb gleich solche Formulierungen wie Uniformen in einen Spind hängt, der sollte vielleicht darüber nachdenken, seinen Problemanbieter zu wechseln. Was stimmt bloß nicht mit solchen Leuten? Warum denn gleich so verhetzt? Sind wir eigentlich noch Menschen, organische Wesen, die auch mal Fehler machen und „danebenhauen“, ihre kleinen, individuellen Charakterschwächen, Marotten, Ticks und Macken haben (die einem selbstverständlich nicht gefallen müssen, darüber kann man ja gerne reden), oder folgen wir jetzt kollektiv einer rein anorganischen, platonischen, alternativlosen Lehre absoluter Gesinnungsreinheit und -gleichheit? Die nichts verzeiht, alle Mitglieder der Gesellschaft balzverhaltenstechnisch normiert (wir dulden keine anti-egalitaristischen Busengespräche, zu welcher Tageszeit und unter welchem Rauschmitteleinfluss auch immer!), jeden Ausrutscher oder Fehltritt sofort gnadenlos und unerbittlich ahndet? Wer derartig überschnappt, weil ein älterer Mann nach ein paar Gläsern Wein weibliche Körperreize belallte, der hat noch einen sehr langen Reifeprozess vor sich. Am besten gleich von 2013 an und bitte vor allem im Kopf, damit‘s nicht wieder in die Hose geht.


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