28. Januar 2013

Günther Jauch Männer sind auch Menschen! Ach wirklich, Frau Schwarzer?

Sexismus-Alarm in Deutschland, der Brüller des Abends

Deutschland im Spätherbst nach 68. Humor ist, wenn man schonmal lacht. Beim klassischen Sonntagabend-Tatort, der als Krimikomödie neu erfunden wurde. Und anschließend bei der Sonntagabend-Talkshow, die nicht mehr länger zum Einschlafen, sondern nur noch zum Wegbrüllen ist. Moderator Günter Jauch konnte und wollte das aufgesetzte Thema selbst nicht ernst nehmen: „Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“, fragte er grinsend, wies die unvermeidliche Alice Schwarzer auf seine Krawatte als Penis-Ersatz hin und darauf, dass sie ihn „enteiert“ habe. Auch Hellmuth Karasek zeigte sich wolkig bis heiter, sei doch das Dirndl erfreulicherweise geschaffen worden, den weiblichen Busen in Position zu rücken. Und schließlich die gestern Abend altersgeniale Wibke Bruhns, die klarstellte, dass Männer und Frauen von jeher zwei verschiedene Spezies seien. Stiere und Kühe quasi – und wer dies ändern wollte, mache den Stier zum Ochsen.

Solche Köstlichkeiten aus dem Schwank des normalen Lebens wären nur Nickertalk wie einst bei Christiansen, hätten dem lustigen Trio aus Karasek, Jauch und Bruhns nicht vier notorische Spaßbremsen gegenübergesessen, die immer wieder darauf bestanden, den thematischen Witz doch endlich „ernst zu nehmen“.

Das ging so weit, dass ausgerechnet Alice Schwarzer erkannte, dass auch Männer Menschen seien. „Iss wahr?“ – antwortete Wibke Bruhns. Karasek wie Jauch konnte sich prustend gerade noch auf dem Sendesessel halten, als der gemeine Zuschauer längst unter der Fernsehcouch lag. Fräulein Schwarzer aber war pikiert – und mit ihr der dödelige „Stern“-Redakteur, die abgehalfterte Quotenpolitikerin und eine schnippische Jungemanze im Bewerbungsgespräch für die „Emma“-Redaktion.

Und dann erzählte die Schwarzer noch einen Schwank aus ihren wilden Jahren, wo sie „als stolze Frau“ von Männern höchstselbst und wiederholt „sexistisch“ belästigt wurde. Es bleibt Psychologen überlassen, solche Träume zu deuten.

Tatsache ist, dass stolze Frauen in ursprünglicher Bedeutung – nicht die vom dritten Geschlecht –, wenn sie zum Beispiel aus Süd- oder Osteuropa oder Lateinamerika nach Deutschland kommen, regelmäßig entsetzt darüber sind, dass sie hierzulande kaum mehr als Frau wahrgenommen werden. Dass sie nicht mehr angehimmelt werden, Mann ihnen nicht mehr galant die Türe öffnet. Derlei Kulturerrungenschaften – Wibke Bruhns würde hinzufügen: und solche natürlichen Spezies-Eigenschaften – haben die Schwarzer und ihre Kohorte für ein paar Jahrzehnte ihrer Herrschaft weggedrückt.

Am langen Ende stehen sie jetzt aber mit leeren Händen da. Unsere Menschenmänner sind immer noch die alten, entfuhr es der Schwarzer, die es wissen muss. Emanzeneinerlei? Gendergedöns? War da was? 60.000 Twitterdamen können nicht irren: Nein, nichts. Die Wüste lebt. Weil Rainer Brüderle nichts vertrocknen lässt. Der hatte sich, Drink des Anstoßens, vor mehr als einem Jahr kurz vor Mitternacht an der Bar nach opulentem Festmahl und weinseligem Balltanz den nächtlichen journalistischen Annäherungsversuchen einer Dame vom „Stern“ mit ein paar Sprüchen über Dirndl und Tanzkarten zu erwehren versucht. Alleine dafür muss er FDP-Spitzenkandidat werden.

Old Brüderle rules. Die Jugend, wissen „Bravo“ oder „Spiegel“ zu berichten, sendet „für die Wochenendverabredung“ jetzt hippe SMS-Texte, „in denen Sätze stehen“ wie „Hey, du kannst ein Dirndl auch ausfüllen. Wollen wir was trinken gehen?“ oder „Ist auf deiner Tanzkarte noch was frei?“

Die Anstandsdamen vom Tittenmagazin „Stern“ aber, und vorneweg Alice die sexistisch Belästigte, sahen gestern alt aus. Wechselstimmung? Wachablösung? Hallermarsch? Die TV-Kritik-Claqueure vom Feuilleton haben von alledem nichts mitbekommen. Sie bemühen heute Morgen noch einmal die „Ernsthaftigkeit des Themas“ und feiern die Schwarzer, als wären wir im Jahr 1973.

Herr Jauch, lachen Sie weiter so!


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