23. Januar 2013

EU-Plagiatsaffäre Pläne zur Medienüberwachung dreist abgeschrieben

Wie man mittels Copy und Paste aus Orwell-Dystopien Beratertätigkeit vortäuscht

Bekanntlich gehört es zum ganz eigenen Charme der Bürokratie, mitunter Vorschläge zu machen, die den realen Entwicklungen etwas hinterherschlurfen. So kommt auch der neueste Vorstoß der EU zur Sicherung von Qualität und Meinungsvielfalt in den Medien Jahre zu spät. Denn einige der von einer Beratergruppe der EU-Kommission vorgeschlagenen Maßnahmen existieren längst. Gibt es doch jetzt schon genug Gleichschaltung; die Einheitskopfpartei erzielt bei jeder Wahl am Kiosk traumhafte Ergebnisse. Aber nun zur Plagiatsaffäre, denn die folgenden Ideen der Gruppe, zitiert nach einem Artikel der „FAZ“, wurden eindeutig aus George Orwells „1984“ abgeschrieben:

„Die Beratergruppe, der auch die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin angehört, sprach sich dafür aus, in allen EU-Staaten unabhängige Medienräte vorzuschreiben, die Strafzahlungen verhängen, Gegendarstellungen erzwingen oder Medien die Zulassung entziehen können.“

Haben Sie schon mal Himbeereis mit Senf und Domestos gegessen? Seien Sie ehrlich: Hat es geschmeckt? Sehen Sie. Ebenso wenig vertragen sich Wörter wie „Politik“ und „Unabhängigkeit“ im selben Satz. Wenn Sie also auf Formulierungen stoßen wie „unabhängige Medienräte“, brauchen Sie nicht weiterzulesen: einfach eine Portion Getriebefett für Großindustrieanlagen in einem Topf auf kleinem Feuer zerlassen, Milchschokolade, Weichspüler und Zahnpasta dazurühren und genießen. Selber Effekt. Überdies sind solche Vorschläge wirklich nicht neu. Stellte doch schon Theodor W. Adorno einmal die Frage, ob es nicht möglich wäre, eine Gruppe von Soziologen und anderen kulturphilosophisch Hochkompetenten mit einer Programmgestaltung zu beauftragen, die Menschen aus dem falschen ins wahre Leben führt. Bleiben wir ruhig einmal bei diesem Gedanken. Nehmen wir also an, weit überdurchschnittlich intelligente und gebildete, absolut unbestechliche und vom wahren Leben und unhinterfragbaren Gesinnungen erleuchtete Menschen würden ... wieder breche ich ab und zitiere US-Schauspieler Danny Glover aus der Actionkomödie „Lethal Weapon“: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Da greife ich lieber nochmal zu Pratchetts „Scheibenwelt“-Romanen. Ist auch Fantasy.

Und Gegendarstellungen „erzwingen“? Wie muss ich mir das vorstellen? „Ich gestehe hiermit, in meinem letzten Artikel verführt worden zu sein von meiner Schwäche als irrelevantes Einzelwesen, mich vom Kollektiv zu weit entfernt zu haben und deshalb Gedankengut anheimgefallen zu sein, das die Harmonie der EU zu zersetzen und den gesamteuropäischen Frieden zu stören geeignet ist. Deshalb gebe ich meine Zulassung selbstverständlich freiwillig beim zuständigen Beamten im Wahrheitsministerium ab.“ Hier genügt die nüchterne Feststellung, dass es sich um Methoden aus dem Repertoire von Diktaturen handelt. Daran besteht nicht der leiseste Zweifel. Warum man sich überhaupt traut, mit monströsen Vorschlägen wie Strafzahlungen, Zulassungsentzug oder (auf welcher Argumentationsbasis und mit welchen Methoden auch immer) erzwungenen Gegendarstellungen zu kommen, kann man doch von vorneherein mit heftigem Widerstand rechnen? Vielleicht ist es ja ein „Junckerscher Testballon“. Soll heißen: totalitäre Ideen in den Raum stellen, abwarten, ob gemosert wird, falls nicht: weitermarschieren ins kontrolliert qualitätsmedial beglückte Arbeiter- und Bauernparadies.

Doch es wird noch peinlicher:

„Für ein besonders großes Problem hält die Gruppe einen schleichenden Qualitätsverlust in der Berichterstattung, wie Frau Vīķe-Freiberga darlegte. Er stamme unter anderem daher, dass mit den neuen Medien wie dem Internet jedermann Informationen verbreiten könne. Deshalb schlägt die Gruppe auch vor, unprofitable Medien, die für die Meinungsvielfalt ‚unerlässlich‘ seien, staatlich zu fördern“.

Wo kommen wir denn hin, wenn nicht nur manche vom Bundeskanzleramt gebrieften und auf Linie gebrachten Qualitätslügner Informationen verbreiten dürfen, sondern auch noch Krethi und Plethi. Welche Suppenküche den für solche herzzerreißend plumpen Diskreditierungsversuche Verantwortlichen aus Mitleid den Titel „Beratergruppe der EU-Kommission“ hinterherwarf, statt wahrheitsgemäß von Putschisten gegen die Meinungsfreiheit zu sprechen, weiß ich nicht. Nur, dass sie sich weitaus cleverer anstellen müssen. Auf diese Art ernten sie höchstens schallendes Gelächter. Denn die Stoßrichtung ist ja selbst für Lebewesen der Tiefsee klar zu erkennen: Analog zur neuen Rundfunksteuer sollen Bürger also auch solche vom unabhängigen ZK als für die richtige Volkserziehung unabdingbar definierten Medien demokratisch-solidarisch unterstützen, denen sie vorher aus welchen Gründen auch immer in Scharen davonliefen und auch weiterhin laufen. Sei es, weil dort zu manchen Themen fast nur Lügendreck breitgetreten wurde und wird (wie unlängst wieder zum Konflikt in Mali), sei es wegen des ständigen Totschweigens oder gar Zensierens von Meinungen, die mit den veröffentlichten einfach nicht konform gehen wollen, sei es wegen ausgewogen besetzter Talkshows im Verhältnis fünf zu Lump, die schon durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner dem Michel suggerieren sollen, rebellisch-abweichende Meinungen stünden auf verlorenem Posten. Klappe halten und assimilieren lassen! Wer das alles nicht mehr hören, sehen oder lesen will, soll über seine Steuern trotzdem zahlen? Ist das Absicht? Will man die Menschen etwa ganz gezielt bis aufs Blut provozieren?


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