07. Januar 2013

Filmkritik Ludwig II.

seit 26.12.2012 im Kino

Ludwig II., der bayerische Märchenkönig, hat schon immer Menschen fasziniert. Jetzt auch die Filmemacher Peter Sehr und Marie Noëlle, die in ihm den Friedens- und Kulturförderer erkennen, worüber Sie als Kunstschaffende natürlich sehr erfreut sind. Ob das Werben um Verständnis für den kauzigen König aber eine schönzeichnende Darstellung wie in diesem Film rechtfertigt, der sogar Schulklassen zum Besuch empfohlen wird? Der Film (wie auch der historische Abriss in der Internetpräsenz des Films) unterschlägt, dass Ludwig II. sein Schreiben, in dem er den preußischen König bittet, die Kaiserwürde anzunehmen, von Bismarck teuer bezahlen ließ. Die enormen Geldbeträge, die Preußen fließen ließ, benötigte Ludwig II. dringend zum Bau seiner aufwendigen Schlösser, die Bayern heute so reiche touristische Einnahmen bescheren.

Er setzte sich, anders als im Film suggeriert, dafür über die Landtagsmehrheit der bayerischen Patriotenpartei hinweg und schlug sich auf die Seite der propreußischen und liberalen Fortschrittspartei. Der Film unterschlägt des weiteren, dass Sophie in Bayern während ihres Verlöbnisses mit Ludwig II. schon früh ein heimliches Verhältnis mit Edgar Hanfstaengl, einem Kaufmann, unterhielt.  Immerhin enthält das Thema mit seinen Einblicken in die Lage der vom Wahnsinn heimgesuchten und politisch bedeutungslos werdenden Wittelsbacher  ja Zumutungen und Düsteres für das Publikum genug, so dass Aufnahmen von Schlösserpracht, Wagnermusik und sonnige Landschaftseinstellungen den Film aufhellen und abwechslungsreich machen. Die Umsetzung von Luchino Visconti ist schwere Kost mit Überlänge, nicht unbedingt für Schulklassen geeignet. Die zu den historischen Figuren gut passende Besetzung ist zum Teil aus der Verfilmung des Lebens des exzentrischen Rätsels Kaspar Hauser bekannt, mit Sabin Tambrea erscheint aber ein erfrischendes neues Gesicht in der Hauptrolle, das auch Sympathie für den jugendlichen Kultur-Enthusiasmus des Protagonisten zu wecken vermag.

Der Film regt zu historischer Erinnerung und Reflexion an: Was war nochmal die Emser Depesche? Gab es für den Deutschen Krieg ebenfalls so einen Anlass? Hätte Bayern im Krieg zwischen Preußen und Österreich nicht besser die militärische Abstinenz, wie Ludwig II. sie im Film vertritt, konsequent weiterverfolgen und sich neutral verhalten sollen, anstatt nicht auf der Höhe der Zeit ausgerüstete Truppen ins Verderben zu schicken? Oder hätte Bayern andersherum frühzeitig aufrüsten müssen, um die Hegemonie Preußens aufzuhalten? Vieles bleibt im Film oberflächlich, so etwa das Porträt Richard Wagners. Der Film hätte sich auf die jüngeren Jahre Ludwigs II. und die Konflikte um die deutsche Reichseinigung unter Preußen beschränken sollen, um mehr in die Tiefe gehen zu können. Die Investition in Kultur und Schlösser dürfen sich Bayern und Preußen gerne von Ludwig II. abschauen, deswegen empfehle ich den Kinobesuch uneingeschränkt. Das ist trotz mancher Kosten eine Investition in die Zukunft, auch wenn die unmittelbaren Vorteile nicht immer klar ersichtlich sind.

Link

Internetseite des Films „Ludwig II.“


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Burkhard von Grafenstein

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