07. Januar 2013

Bettina Wulff und ihr Gespiel Die Unsagbare

Christian Wulffs Absturz ist symptomatisch

Als Schülerin zieht es Bettina Körner aus Großburgwedel nach Sylt zu den Reichen und Prominenten. Sie ist Stammgast in den Edeldiskotheken und kehrt oft erst am frühen Morgen heim. Dann studiert sie Medienmanagement und Angewandte Medienwissenschaften im benachbarten Hannover. Ohne Abschluss. „Betty“ bringt ihren ersten Sohn zur Welt und trennt sich von dessen Vater. Sie sucht und findet dann den vorerst Richtigen – Christian Wulff, Ministerpräsident ihres Bundeslandes. Der ist zwar verheiratet, doch wird Bettina vom 14 Jahre Älteren schwanger. Der „liebt sie abgöttisch“.

Bettina verwandelt den zuvor eher unscheinbaren Politiker in einen Sylt-Urlauber und Partyhengst. „Bild“ und „Bunte“ feiern das „moderne Paar“ als „Symbol für das moderne Deutschland“. In die Schlagzeilen drängt sie – und treibt ihn mit. Das tun sie bis ins Bundespräsidialamt. Dann die Skandale. Der Absturz. Soweit bekannt.

Zurücktreten wollten die beiden allzu lange nicht. Sie hielten fest an Amt, Ruhm und Geld, bis es nicht mehr ging. Der Abgang wurde unausweichlich. Und siehe da, anders als Vorgänger Horst und Eva Luise Köhler, die im 42. Ehejahr gemeinsam händchenhaltend in Würde aufkündigten, steht in dieser schweren Stunde Christian plötzlich alleine da. Bettina rückt, wie sie ein halbes Jahr später gerne preisgibt, absichtlich von ihm ab und steht noch einmal kokett im Rampenlicht.

Dann wird es still um die jetzt Unberührbaren. Es kommt, was jeder kommen sah, außer Christian. Bettina sucht nach neuen Wegen, schreibt ein überflüssiges Buch, gibt Interviews am Fließband und lässt ganz nebenbei „Eheprobleme“ kolportieren. „Das wird böse enden“, wagt Kulturjournalist Alexander Kissler die Prognose. Dann stünde nach Annalena und Leander womöglich auch der kleine Linus Florian ohne Vater da.

Der aber, so Kissler, ähnelt „immer mehr dem späten Stan Laurel“. Mitleid könnte man mit dem armen Toren haben, wenn er als Angehöriger der politischen Klasse nicht von vornherein tat- und charakterverdächtig wäre. Als solcher hatte er nach 18 Jahren Ehe Frau und Tochter für – ja, wie soll man eine wie Bettina eigentlich nennen? – sitzengelassen. Und dabei spielt es gar keine Rolle, ob sie ihn im Ford Escort oder Opel Manta kennenlernte.

Christian Wulffs Absturz ist symptomatisch für seine Partei. Und sein Land. Einst galten hier die konservativen Grundtugenden: Prüfe, wer sich ewig bindet, Benehmen, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Treue, Verantwortungsbewusstsein den Kindern gegenüber. Wulff schlug sie alle in den Wind und schaffte es mit einem von Schein und Kredit finanzierten Lotterleben – umjubelt von der zeitgeistigen Journaille – bis an die Spitze von Partei und Staat. Am Ende aber rächt sich die Nichtachtung von Wirklichkeit und ewigen Werten. Für den einen früher, die anderen später.

Information

Dieser heute aus aktuellem Anlass unverändert online veröffentlichte Artikel erschien gedruckt in eigentümlich frei Nr. 126 im Oktober 2012.


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