Axel B.C. Krauss

Axel B.C. Krauss, Jahrgang 1968, ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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Eurogruppenflunkern: Der Fall Jean-Claude Mollath

von Axel B.C. Krauss

Die Liebe zur Wahrheit in Zeiten der technokratischen Cholera

Es scheint sie in letzter Zeit immer öfter zu geben, diese Augenblicke, in denen EU-Spitzenkräfte ganz unverblümt ihre Absichten offenlegen. Erstaunlicherweise aber gerät so manche in EU-regierungstechnischer Hinsicht hochinteressante Äußerung nicht etwa zum heiß diskutierten One-Hit-Wonder im „Erkennen Sie die Melodie?“-Quiz für Evergreens der Marschmusik, sondern gerät vor weitaus wichtigeren, gesellschaftlich relevanteren Informationen über künstlerisch hochsensibel aufgearbeitete Mailbox-Inhalte oder Doktorspielfilme bekannter Schausteller zur Marginalie.

Also anzählen, 2, 3, 4, und schon rockt’s: „Wir sind zum Epizentrum dieser Krise geworden, ohne schlüssige Erklärung“, log es unlängst aus Eurogruppen-Chefmythomane Jean-Claude Juncker heraus. Diese bodenlos dreiste, in der Sache falsche Aussage passt bestens zu einer seiner früheren Äußerungen, dass man angesichts wichtiger Themen wie der europäischen Integration hin und wieder auch ein bisschen lügen müsse. Es gibt also für Juncker keine schlüssige Erklärung? Merkwürdig. Hätte er sich doch nur um die schon seit langer Zeit im Raum stehende, nach wie vor aber leider nur schattig-schüchtern beschielte Frage kümmern müssen, warum die Ethik-Experten einer gewissen Großbank, deren Name sich in so ziemlich jedem versauten Spiel für Erwachsene der letzten elf Jahre von 9/11 bis Libor findet, Griechenland beim Fälschen der Haushaltsbilanzen half, um es in die Währungsunion lügen zu können. Oder wie ausgerechnet ein ehemaliger Vizepräsident und lobbyistisch bestens verdrahteter Sprengmeister desselben Scheingeldhauses auf dem Chefsessel der Fed 2.0 (EZB) landen konnte. Auf solche Fragen geht der Flunkerjunker freilich nicht ein, wie auch, brächte es ihn doch in arge Erklärungsnöte. Denn wer möchte heute noch glauben, der Eurogruppen-Chef habe nicht das allergeringste von diesen Machenschaften gewusst?

Vor allem scheint Juncker nicht zu begreifen – oder vielleicht auch gar nicht begreifen zu wollen – dass er nicht nur sich selbst, sondern der EU mit solchen Aussagen ein Eigentor schießt, ja ihrem Ansehen schadet. Wenn er doch selber zugibt, ab und an könnten Lügen nötig sein, um die Menschen Europas zu ihrem „Glück“ zu zwingen – warum sollten diese ihm dann eigentlich überhaupt noch irgendetwas glauben? Passender Vergleich: Ein Tatverdächtiger gibt beim polizeilichen Verhör ganz unverblümt zu Protokoll, es könne zwar sein, dass er den Beamten die Wahrheit sage. Allerdings sei er der Ansicht, dass Falschbehauptungen oder ein bisschen Flunkern manchmal erlaubt seien, wenn er es denn für wichtig erachte, beispielsweise, um den Ermittlern ein gutes Gefühl zu geben. Meint er das eigentlich ernst? Ich habe eher das Gefühl, der Mann lacht sich insgeheim schief und scheckig, weil er damit auch noch durchkommt, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden.

Knapp 500 Millionen Europäer müssen sich nun fragen, mit welchem Recht ein womöglich größenwahnsinniger Technokrat eigentlich darüber entscheiden zu können glaubt, wann man ihnen reinen Wein einschenken sollte oder eher gepanschten Fusel. Da gibt einer der höchsten Beamten der EU offen zu, er glaube, die geliebten Führer des Volkes hätten das Recht, die lieben Kleinen zu belügen – und ist immer noch in Amt und Würden? Er stellt sich über eine halbe Milliarde Menschen, maßt sich an, besser zu wissen als sie selbst, was „gut“ für sie sei und wie man ihr Seelenheil befördern könne – und es hagelt keine wütenden, europaweiten Forderungen nach sofortigem Rücktritt? Welcher Autor hat denn dieses schrecklich schlechte Drehbuch zusammengehudelt?

Weiterhin: Gießt Juncker dadurch dummerweise nicht auch noch hektoliterweise Wasser auf die Mühlen derjenigen sogenannten Verschwörungstheoretiker, die behaupten, die Schaffung solcher Probleme, zumindest aber ihre gezielte Manipulation und Verschärfung, um hinterher vermeintlich alternativlose Lösungen anbieten zu können, stünde ja gerade auf der Agenda dieser Elitisten? Absolut unstrittig ist heute, dass die sogenannte „Griechen-Krise“ kein bloßer Zufall war, kein unvorhersehbarer Kollateralschaden, keine natürliche ökonomische Entwicklung des Euroraumes. Es wurden Bilanzen gefälscht, es wurden Schulden absichtlich verschleiert, um Griechenland Zutritt zur Währungsunion zu verschaffen. Die Folge war eine zunehmende finanzielle Schieflage des Landes, die aufgrund der starken Vernetzungen im binneneuropäischen Finanz- bzw. Bankenmarkt auch andere (oft selbst schon wackelnde) europäische Länder in Bedrängnis brachte. Lösung? Natürlich: Mehr Machtbefugnisse für Brüssel, mehr Machtkonzentration in wenigen Händen, mehr Zentralisierung, wie es auch von Barroso und Rompuy in den letzten Monaten immer wieder offen gefordert wurde. Wir haben euch doch gesagt, ihr würdet es aus eigener Kraft nicht schaffen, ihr Nationaldummerchen. Aber seht mal, was wir euch mitgebracht haben: Nigelnagelneue Gesetzespakete. Da ist alles drin, was man als zukünftiger Untertan zum Doppelplusgutsein so braucht.

Laut einer Meldung nimmt das „Griechen-Bashing“ derweil zu. Häme und Vorurteile gegenüber in Deutschland lebenden Griechen seien immer öfter zu beobachten . Das Ziel wurde also erreicht: „Die Griechen“ im Visier, gerieten die Hauptverantwortlichen aus dem Blick. Wenn Orwell das noch hätte erleben dürfen, wie seine „Animal Farm“ historische Wirklichkeit wird und eine Handvoll rosiger Rotzlöffel die anderen Tiere belügt, veralbert und für dumm verkauft. Und hinterher, darauf darf man jetzt schon wetten, wird sicher wieder niemand etwas gewusst haben wollen.

28. Dezember 2012

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