Jörg Janssen

Der Autor, Jahrgang 1966, ist Chemiker und lebt seit einigen Jahren glücklich im inneren Exil.

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Das Verbrechen von Newtown: Was solche Taten verhindert und was nicht

von Jörg Janssen

Wie die Politik Tragödien als „game changer“ nutzt

18. Dezember 2012

„Er sagte, wir würden jetzt alle nach Hause gehen“, berichtet das überlebende Mädchen. Doch der Täter nahm die Schüler stattdessen mit seiner Schusswaffe unter Feuer. Die schließlich an den Tatort gerufene Spezialeinheit kam zu spät, um den Mord an 22 Schülern und drei Erwachsenen zu verhindern. „Wären wir schneller gewesen, wie viele hätten wir retten können?“ fragt sich der Leiter der Einheit. Stimmen vom Newtown-Massaker vom 14. Dezember? Nein, es sind Stimmen vom Ma’alot-Massaker, das im Mai 1974 von drei palästinensischen Terroristen begangen wurde. Nachdem die israelische Regierung eine grundsätzliche Entscheidung traf, wurden bis auf eine Ausnahme keine Schulmassaker mehr verübt.

Zurück nach Newtown: Wieder einmal müssen wir von einem mit Schusswaffen verübten Massaker in den USA lesen. Der 20-jährige Täter ermordete 20 Schüler und sechs Lehrer, bevor er sich selbst tötete. Politiker der Demokratischen Partei fordern in den USA seit Jahrzehnten, den privaten Waffenbesitz zu verbieten; ähnlich wie im Vereinigten Königreich nach dem Dunblane-Massaker von 1997 soll Privatleuten der Besitz von Schusswaffen verboten werden. Die Politiker wollen die Tragödie als „game changer“ nutzen, der den Widerstand der meisten Amerikaner gegen die Verbotsgesetze endlich bricht: vor allem dadurch, dass die meisten Opfer des Todesschützen in Newtown Kinder waren. „Wenn das nicht die Menschen und unsere Politiker wachrüttelt, was dann?“, fragt die Kongressabgeordnete Carolyn McCarthy unmittelbar nach dem Verbrechen gegenüber der Presse. Senatorin Dianne Feinstein, prominente Gegnerin der vergleichsweise liberalen Waffengesetze in den USA, kündigte als Reaktion auf die Tat an, noch am ersten Tag der neuen Legislaturperiode ein neues Waffengesetz in den Kongress einzubringen. „Wir können das nicht mehr tolerieren. Diese Tragödien müssen enden“, stimmt der amerikanische Präsident Barack Obama mit ein. Wir hören es und nicken. Was ist mit den Amerikanern bloß los? Warum wehren sie sich gegen sinnvolle Verbote? Warum stellen sie sich der Politik in den Weg?

Gesetze gegen Amokläufer

Die USA, im Jahre 1995: „Ich bin entschlossen, Waffen aus unseren Schulen fern zu halten. Dies ist es, was das amerikanische Volk will, und es ist das Richtige“, so der damalige Präsident William J. Clinton nach der Unterzeichnung der Neufassung des „Gun Free School Zones Act“. „Ich bin entschlossen, alles in meiner Macht stehende zu tun, um Schulen zu Orten zu machen, wo junge Menschen sicher sein können, wo sie lernen können und wo Eltern sicher sein können, dass Disziplin durchgesetzt wird.“ Seitdem wird in nahezu den gesamten USA — mit Ausnahme der Bundesstaaten Utah und später Tennessee, die das Gesetz in ihren Gebieten praktisch wirkungslos machten — jeder zum Gesetzesbrecher, der innerhalb eines Umkreises von 1.000 Fuß um eine Schule oder eine Hochschule eine Waffe mit sich führt. Was daraufhin in den USA geschah, beschrieb der Ökonom John Lott im Jahre 1998 folgendermaßen: „Versuche, Waffen aus Schulen gesetzlich zu verbannen, gleich wie wohlmeinend, sind fehl geschlagen. Statt die Schulen sicherer für Kinder zu machen, haben wir sie sicherer für jene gemacht, die unseren Kindern Schaden zufügen wollen.“ Nur drei Schulmassaker ereigneten sich in den USA vor 1995; zwei, wenn man das mit Sprengstoff verübte Verbrechen von Bath aus dem Jahre 1927 nicht mitzählt. Das nun verübte Verbrechen von Newtown ist seit Erlass des Gesetzes bereits das 14. Keine dieser Taten ereignete sich in Utah oder Tennessee, wo Lehrer und andere Erwachsene legal Waffen führen können.

Einer dieser Vorfälle unterscheidet sich von den übrigen: Bei der Tat von Grundy, Virginia, aus dem Jahr 2002 waren nur drei Tote zu beklagen. Zwei Studenten der Appalachian Law School schafften es, den Täter zu entwaffnen. Das Bemerkenswerte war die Berichterstattung in nahezu allen Medien: Kaum ein Journalist erwähnte, dass die beiden Studenten Schlimmeres verhüten konnten, weil sie bewaffnet waren — und somit gegen besagtes Gesetz verstießen.

Außerhalb von Schulen waren auch vor 1995 in den USA Massaker nicht völlig unbekannt. Lott und sein Kollege William Landes stellten in einer statistischen Auswertung solcher Verbrechen zwischen den Jahren 1977 und 1999 und den Einflussfaktoren auf die Taten fest: „Der einzige regulatorische Faktor, der einen gleichbleibenden signifikanten Einfluss auf öffentliche Massaker hat, ist die Verabschiedung von Gesetzen zum verdeckten Führen von Waffen.“ Mit anderen Worten: Was Amokläufer abschreckt, sind nicht Gesetze, die sie vermeintlich entwaffnen sollen; es sind im Gegenteil Gesetze, die sie dem Risiko aussetzen, auf bewaffnete vermeintliche Opfer zu treffen.

Wie man den Spuk beendet und wie nicht

Der unmittelbare Vergleich zwischen der Strategie der USA, Massaker durch Verbote einzudämmen, und einem völlig anderen Ansatz zeigen zwei nahezu zeitgleiche Vorfälle aus dem Jahre 1984: Im Juli jenes Jahres richtete ein Amokläufer in einem Imbissrestaurant in San Ysidro, Kalifornien, ein Blutbad an, in dem 21 Menschen starben. Der Täter wartete anschließend am Tatort auf das Eintreffen der Polizei und starb im folgenden Feuergefecht. In Kalifornien ist der private Waffenbesitz praktisch verboten, die Opfer waren dem Täter, wie dieser wusste, völlig wehrlos ausgeliefert. Einige Wochen zuvor versuchten palästinensische Terroristen ähnliches in Jerusalem. Doch die Israelis hatten aus den Massakern der 1970er gelernt. Seitdem ist es dort jedem unbescholtenen Bürger erlaubt, in der Öffentlichkeit Waffen zu führen. Welchen Unterschied dies machte, beschrieb der israelische Kriminologe Abraham Tennenbaum: „Drei Terroristen, die versuchten, in die Menge mit Maschinengewehren zu feuern, konnten nur ein Opfer töten, bevor sie von Israelis niedergeschossen wurden, welche Waffen tragen dürfen. Als er der Presse am nächsten Tag vorgestellt wurde, beklagte sich der überlebende Terrorist, dass seine Gruppe sich nicht dessen bewusst war, dass israelische Bürger bewaffnet sind. Die Terroristen hatten geplant, eine Folge von stark besuchten Plätzen mit Maschinengewehren zu beschießen, da sie dachten, sie könnten entkommen, bevor Polizei oder Armee eintreffen könne, um ihnen entgegenzutreten.“

Die gleiche Strategie, wie sie jetzt Politiker der Demokratischen Partei in den USA wieder fordern, verfolgte dagegen das Vereinigte Königreich: In England und Wales schwankte die Summe aller Tötungsdelikte durch Schusswaffen von 1992 bis 1996 um etwa 60 pro Jahr. Raubüberfälle mit Schusswaffen waren bis 1997 auf etwa 3.000 pro Jahr gefallen. Nach dem Dunblane-Massaker von 1996 wurde 1997 ein Verbot des Waffenbesitzes und -führens durch Privatleute erlassen. In der Folge stieg die Zahl der Tötungsdelikte durch Schusswaffen auf 80 im Jahr 2002; auch die Zahl der Raubüberfälle mit Schusswaffen stieg nach der Verschärfung der Waffengesetze entgegen dem vorangehenden Trend auf etwa 4.800 im Jahr 2002.

Lösungen statt Emotionen

Niemand kann sich der Wirkung entziehen, die Taten wie in Newtown oder zuvor Dunblane und Ma‘alot ausüben. Was ist zu tun, um eine Wiederholung zu verhindern? Man könnte den Stimmen nachgeben, die leichte und schnelle Abhilfe versprechen; die Verbote wie den Gun Free School Zones Act als einfache Lösung vorschlagen. Doch Schusswaffen sind, wie die Erfahrungen aus dem Vereinigten Königreich zeigen, durch Verbote nicht aus der Welt zu schaffen; sie sind danach nur für gesetzestreue Bürger unerreichbar. Die Erwartung, ein lebensmüder Gewalttäter würde auf Schusswaffen verzichten, sobald deren Besitz illegal wird, kann man noch nicht einmal naiv nennen. Amokläufer suchen sich einfache Ziele. Auch in Israel waren nach dem Ma’alot-Massaker Stimmen zu hören, die strengere Waffengesetze forderten. Doch die Politik dort sprang über ihren Schatten und liberalisierte die Gesetze stattdessen, Lehrer und andere Erwachsene dürfen seitdem auch in Schulen Waffen führen. Wie sich zeigte, wird der Spuk beendet, wenn man die Täter dem Risiko aussetzt, auf bewaffnete Opfer zu treffen. Was soll man dann noch von Politikern halten, die stattdessen die Opfer per Gesetz zur Wehrlosigkeit zwingen? Gegen gewalttätige Verbrecher ist Politik nicht die Lösung; wenn die Politik den Verbrechern wehrlose Opfer garantiert, dann ist sie das Problem.

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