05. Dezember 2012

Offener Brief Lieber Kollege im Mainstream

In Erinnerung an Richard Nieuwenhuizen

Ich bin sicher, der entsetzliche Tod des mit unzähligen, erbarmungslosen Tritten gegen den Kopf malträtierten holländischen Linienrichters Richard Nieuwenhuizen ging auch Dir nahe. Alle Eure Blätter und Sender haben berichtet. Die Täter beschreibt Ihr als „drei Jugendliche“ oder „drei junge holländische Amateurfußballer“. Das Problem seht Ihr in der „zunehmenden Gewalt im Fußball“.

Dass die Täter – wieder einmal – Söhne marokkanische Einwanderer waren, verschweigt Ihr. Die Kommentarbereiche im Internet unter Euren Artikeln habt ihr geschlossen. Obwohl Ihr Euch dort sonst freiwillig beschimpfen lasst, um durch erhöhte Klickraten wenigstens noch ein paar Banner neben den Umsonst-Artikeln zu verscherbeln, die euch kaum einer mehr abkaufen will. Aber gegenüber dem geschundenen Richard Nieuwenhuizen, das wisst Ihr, ist Eure Lüge so unverfroren, dass Ihr hier leider keine Widerworte gestatten könnt.

Vor allem ist Eure Heuchelei in diesem grausam-einfachen Fall für jeden viel leichter erkennbar als in komplizierteren Zusammenhängen. Eure Artikel über den Tod von Richard Nieuwenhuizen, der übrigens eine Ehefrau und drei Kinder zurücklässt, sind auch Dir sicher peinlich. „Das hat mit Sport nichts mehr zu tun“, zitiert Ihr andächtig lauschend wie einst Ernst Dieter Lueg die holländische Sportministerin. Na, wer hätte das gedacht?

Ein Leck im System gibt es dann aber wie so oft dennoch. Als einzige Zeitung Deutschlands nennt der doch eigentlich brav linksliberale „Tagesspiegel“ die wirklichen Hintergründe der „Jugendlichen“: „Nach einem Bericht des Innenministeriums vom November 2011 wurden 40 Prozent aller marokkanischen Einwanderer im Alter zwischen 12 und 24 Jahren innerhalb der letzten fünf Jahre wegen Verbrechen in den Niederlanden verhaftet, verurteilt oder angeklagt. In Stadtvierteln mit mehrheitlich marokkanischstämmigen Einwohnern erreiche die Jugendkriminalität bereits 50 Prozent.“ Wirklich ein Problem zunehmender Gewalt im Fußball?

Erinnerst Du Dich noch? Im September wurde in einem Neusser „Jobcenter“ eine Frau erstochen. Auch da ward Ihr sehr alarmiert und habt auffällig beiläufig über den Täter berichtet, einen „52-jährigen arbeitssuchenden Neusser“. Es ging also um Sozialprobleme, klar. Vor knapp einem Jahr lief ein Mann im belgischen Lüttich Amok. Sieben Menschen wurden getötet und 124 weitere teilweise schwer verletzt. Der Schütze, so habt Ihr damals aufgeklärt, sei ein „verzweifelter 33-jähriger Belgier“ gewesen. Liebeskummer war’s, wie tragisch!

Tatsächlich war auch Nordine Amrani, der schwer bewaffnete und wild um sich schießende Amokläufer aus Lüttich, ein Sohn marokkanischer Einwanderer. Der Mann mit dem Messer aus Neuss, der dreimal wie von Sinnen auf die wehrlose Frau einstach, kommt aus, na rate mal, Marokko. Die „Ausschreitungen Jugendlicher“ in diesem Jahr in französischen Vorstätten? Marokko… Der Mörder des holländischen Filmemachers Theo van Gogh? Heißt ebenfalls nicht Ruud, sondern Mohammed Bouyeri.

Mein lieber Freund, die meisten Marokkaner sind dennoch rechtschaffene Menschen. Und für die, bei denen das offenbar nicht der Fall ist, weiß ich auch nicht genau, woran es liegt. Ich bin weder Marokko- noch auch nur Nordafrika-Experte. Gibt es ethnische oder kulturelle Hintergründe, die so etwas erklären können? Hat es vielleicht doch etwas mit ihrer Religion zu tun? Oder waren sie gerade umgekehrt gar nicht gottesfürchtig und es liegt womöglich auch daran? Ganz sicher sind die Einwanderungs- und Sozialpolitik zu hinterfragen. Einfache Antworten scheiden vermutlich aus.

Aber Ihr wollt die Fragen verhindern! Diskussionen über die hohe Gewaltrate bestimmter Zuwanderergruppen darf es nicht geben. Doch Ihr kämpft einen sehr traurigen Kampf gegen die Wahrheit, denn Ihr verschweigt, was nicht mehr zu verschweigen ist. Jeder Jobcenter-Mitarbeiter weiß bescheid, jeder Polizist ohnehin. Und jeder Amateurfußballer in Deutschland auch. Nur, Ihr haltet einen Deckel drauf, bis dass dieser Topf uns allen um die Ohren fliegen wird, dass Euch Hören und Sehen gelingt.

Vorgestern diskutierte Frank Plasberg im Fernsehen über das Adoptionsrecht für Homosexuelle. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Meine Position ist auch hier auf keiner Seite der TV-Barrikaden zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass es gute homosexuelle Ersatzeltern gibt, bei denen Waisenkinder im Zweifel besser aufgehoben sind als in der Kinderverwahranstalt oder manchmal auch bei schlechten „normalen“ Eltern. Aber Homosexualität ist sicher kein besonderer Qualitätsfaktor für Eltern. Es geht am Ende immer um den Einzelfall, weshalb die typisch politische Fragestellung auch wieder einmal daneben ist. Mir geht es hier aber nicht um die Sendung, sondern um Eure Berichterstattung über dieselbe, die allzu typisch ist. Denn das offene Erörtern einer von Euch ansonsten völlig tabuisierten Frage wertet Ihr als „Unfall“ oder „Skandal“. In ausnahmslos allen Berichten der großen Blätter über die Plasberg-Sendung werden die beiden katholischen Teilnehmer und Kritiker des Adoptionsrechts wie Vollidioten dargestellt. Dabei ahnt Ihr und weißt Du, dass sie sich gut geschlagen haben und im übrigen nur sagten, was die Mehrheit denkt. Alle Eure Verrisse, die ich gelesen habe, erwähnen zynisch frohlockend, ja geradezu triumphierend, dass der Moderator den erzkatholischen Gast, für den, wie er sagte, Sexualität und Verantwortung zusammengehören, fragte: „Sie haben ein Kind, heißt das, sie haben nur einmal mit ihrer Frau geschlafen?“ Narrhallamarsch!

Kein einziger Eurer Rezensenten erwähnt dann aber die entwaffnende Antwort von Martin Lohmann, um den es hier geht, nach der sich Moderator Plasberg für diese unverschämte Bemerkung bei seiner, Lohmanns Frau doch bitte entschuldigen solle. Im übrigen hätten beide nach zehn Jahren unerfüllten Kinderwunsches – ein schweres Problem auch für Millionen andere Paare, wie er hinzufügte – bereits begonnen, sich intensiv mit der Möglichkeit einer Adoption zu beschäftigen, bevor ihr inniger Wunsch und großes privates Glück dann doch „auf natürlichem Weg“ in Erfüllung ging. Keiner Eurer Hassschreiber erwähnt die herzergreifende Antwort auf die von allen zitierte böse Frage. Wundert Dich das?

Dabei ist auch die Aggressivität bestimmter Lobbygruppen so wie die Gewaltkriminalität bestimmter Zuwanderergruppen eigentlich nebensächlich im Vergleich zu dem, was Ihr Euch in der großen Politik zusammenlügt. Vom abenteuerlichen NSU-Märchen – unsere tägliche Schuld gib uns bitte auch heute – wollen wir gar nicht reden. Den Stuss glaubst Du doch selbst nicht, oder? Und wenn ich einen Tipp geben kann: Millionen Leser und Zuschauer sind bereits schwer genervt von der jeden Nachrichtentag servierten Münchausen-Operette. Auch hier wird Euch der so virtuelle wie permanente „rechte Terror“ bald um die Ohren fliegen.

Nein, wirklich schwerwiegend, aber weniger leicht zu durchschauen sind die ganz großen Lügengeschichten. Etwa, wenn Ihr dieser Tage mal wieder einen Krieg vorbereiten helft, weil Assad angeblich Waffen produziert, die schon bei Saddam später nie gefunden wurden. Oder wenn Ihr eine mit immer noch mehr Schulden „finanzierte“ Eurorettung nach der anderen wohlwollend redaktionell begleitet, obwohl auch ihr wisst, dass all dies den fälligen Bankrott nur ein wenig aufschiebt, ihn danach aber umso spürbarer für alle macht. Die Ersparnisse des von Euch gerne zitierten kleinen Manns werden dann leider vernichtet sein, nachdem Ihr ihm eine Eintopfwährung aufgeschwatzt habt, die im Volk keiner haben wollte.

Mein lieber Kollege: Wie hältst Du das aus? Du weißt, Journalisten rangieren in diesem Lande im Ansehen des Volkes bereits heute unter den Gebrauchtwarenverkäufern und sogar Politikern – nur knapp über den Hütchenspielern. Wie lange wollt Ihr das Lügenmikado noch spielen? Bis die Mauer plötzlich doch offen ist?

Nur, wer sagt, dass man Euch dann wieder ungeschoren davonkommen lässt? Anders als nach dem Bankrott der bisherigen Systeme wird das Internet diesmal mit einem Klick die größten Lügenbarone benennen können. Und nichts vergessen.

Mein lieber Freund: Der Kollege vom „Tagesspiegel“ heißt Sven Goldmann. Der konnte sich heute beim Rasieren im Spiegel anschauen – ohne schlechtes Gewissen. Hab’ Mut zur Wahrheit, und mach es ihm doch einfach mal nach! Zu retten ist am Ende ohnehin nichts mehr. Dafür ist die Politik mit den wirklichen Taten hinter Euren Lügengeschichten längst zu weit gegangen.


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