Axel B.C. Krauss

Axel B.C. Krauss, Jahrgang 1968, ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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„Euro-Rettung“: Weder Vollidioten noch Verbrecher, aber Sehbehinderte

von Axel B.C. Krauss

Über Aprilscherze im Dezember

03. Dezember 2012

Manchmal verweist schon die thematische Zuordnung eines Artikels auf das ihm zugrundeliegende Verständnisproblem. So auch der am 1. Dezember erschienene Spät-Aprilscherz „Weder Vollidioten noch Verbrecher“ aus der Feder von „FAZ“-Mitherausgeber Berthold Kohler. Er wurde vorgestellt als Text zu „Griechenland-Hilfen“. Und schon fangen die Probleme wieder an, denn das ist natürlich ein Euphemismus – von Hilfsleistungen für Griechenland kann ja nun, was mittlerweile eigentlich für jeden klar erkennbar sein sollte, kaum die Rede sein. Es sei denn, der ganze Zaster floss in die Spendenkassen extremistischer Parteien.

In einem Punkt sollte man Kohler allerdings uneingeschränkt zustimmen: Natürlich sind nicht alle Bundestagsabgeordneten, die das neue – um noch ein Glimpfwort zu bemühen – „Rettungs“-Paket durchgewunken haben, Verbrecher. Vollidioten vielleicht auch nicht. Aber ein bisschen sehbehindert sind sie schon, wenn sie, wie es auch bei dieser Abstimmung zum wiederholten Male der Fall war, etwas durchwinken, worüber sie gar nicht so genau Bescheid wissen. Oder wenn sie nach solchen Abstimmungen vor eine Kamera treten und sich tatsächlich nicht entblöden, mit einem schüchternen Lächeln den Reportern zu erklären, um wieviel Geld genau es dabei gegangen sei, nunja, hihi, keine Ahnung, sorry – irgendwas mit Milliarden, kicher. Was denn eine Milliarde sei. Ja, also, äh.

Wer sich dann wie Kohler darüber beschwert, dass denjenigen Menschen, die das alles bezahlen dürfen beziehungsweise werden müssen, einfach mal die Nabelschur reißt und sie aus Mutterbäuchen ein dumpfes „Verbrecher!“ herauskrakeelen – diese also den „Stammtischen des Internet“ folgen, worüber man als Mitglied einer inkommensurablen Elite journalistischer Aufklärer natürlich nur die Nase rümpfen kann – der ist zwar auch nicht gleich ein Schwachkopf oder Krimineller, aber auf jeden Fall ebenfalls ein bisschen sichtbeschränkt. Das Muster, das hier erkennbar wird, also dasjenige, die Abgeordneten mehr oder weniger vor sich herzutreiben, ihnen kaum die Chance zu lassen, sich mit den Abstimmungsinhalten etwas eingehender zu beschäftigen, trat ja nicht erst bei dieser Sitzung hervor. Stichwort ESM („Europafeindlicher Saug(b)rüssel-Mechanismus“).

Da Kommentare wie derjenige Kohlers leider keine Seltenheit sind, sondern solcher Unsinn im Gegenteil unablässig wiederholt wird, die Augenwischerei mithin kein Ende nehmen will, tut es leider Not, auch immer wieder einige der wichtigsten Eckpunkte der fälschlicherweise so genannten „Griechenland-Hilfen“ auf den Schallplattenteller zu legen. Es hilft nichts. Dazu später.

Bei eben angesprochenem Muster handelt es sich um eine Taktik, die Jean-Claude Juncker einmal in die Formel faßte „Beschließen – Abwarten – Kein Geschrei – Weitermachen“. Bis es, so der Eurogruppen-Chef, „kein Zurück“ mehr gebe. Das gilt eben auch für die Rettungsindustrie, die sich daran eine goldene Nase verdient und deren Claqueure und Profiteure nicht im Volk, also an den, pfui, Stammtischen der Rettungsfinanzierer und auch nicht im Bundestag, also in den Reihen der oftmals etwas ahnungslosen Systempolitiker sitzen. Auch darüber mokiert sich Kohler: „Bis zur Wiederbelebung des ‚Systempolitikers‘ scheint es nicht mehr weit zu sein.“ Bitte? Es gibt sie längst. Was an diesem Begriff fragwürdig sein soll, bleibt sein Geheimnis.  

Darf ich Erste Definitionshilfe leisten? Als „Systempolitiker“ bezeichnet man jemanden, der die Existenzgrundlagen beziehungsweise Grundbedingungen des politischen Systems, in dem und für das er arbeitet, seine Funktionalitäten und Strukturen, Modalitäten und Mechanismen nicht bis zu dem Punkt reflektieren kann, es ernsthaft in Frage stellen und somit eventuell notwendige Änderungen beziehungsweise Reformen auf den Weg bringen zu können. Sollte sich dieses System als Ganzes oder zumindest ein Teilbereich davon als nicht funktionstüchtig herausstellen, hat dieser Mangel an Einsicht meistens zur Folge, dass der „Systemling“ etwaige systemische Fehlentwicklungen mit diesen selbst zu bekämpfen versucht oder Maßnahmen vorschlägt, die nur auf eine Affirmation des systemischen Status quo oder gar seine Überdüngung hinauslaufen.

Na, war doch gar nicht so schwierig. Irgendso‘n englischer Fuzzi brachte das mal auf die Stammtischformel, die Bürokratie expandiere, um die Bedürfnisse der expandierenden Bürokratie zu befriedigen. Ein „Systempolitiker“ kann aber auch jemand sein, der nicht etwa aus Ahnungslosigkeit, Tappsigkeit oder kognitiver Schwäche handelt, sondern gerade aus einer genauen Kenntnis der Funktionsweise des Systems einen persönlichen Vorteil zu ziehen versucht. In Macht und um Macht und um Macht herum, sozusagen. Ob man solche Trickbetrüger im Casino als „Verbrecher“ bezeichnen darf, darüber kann man gerne streiten.

Kohler:  „Ausweislich repräsentativer Umfragen stellt dieser Zorn nur einen Teil der öffentlichen Meinung dar; die Mehrheit der Deutschen blickt auf Europas Krise mit ‚entspanntem Fatalismus‘, wie Renate Köcher in dieser Zeitung schrieb.“ Na, wenn das in derselben Zeitung stand, also der „FAZ“, kann es ja nur stimmen. Aber selbst wenn es zuträfe: Worüber soll es dann hinwegtrösten? Dass man Menschen hemmungslos ausrauben kann im Interesse eines kleinen, aber sehr mächtigen Kreises von Akteuren innerhalb der Banken- und Finanzindustrie, die unter der Tarnkappe „europäischer Solidarität“ agieren, sowie weltfremder TrEUmer in der Politik, die Betroffenen es nicht merken und deshalb wie unter Drogen gesetzte Hindu-Kühe eher einem „entspannten Fatalismus“ nachgehen, statt, wie Stéphane Hessel empfahl, sich ob solcher Schweinereien zu empören?

Und weiter geht‘s mit den bunten Pillen: „Doch entgeht auch den ‚Rettungspolitikern‘ nicht, dass die politische Radikalisierung, die zu den gefährlichsten Folgen der Krise gehört, nicht nur bei den Empfängern der Hilfsmilliarden voranschreitet.“ Radikalisierung bei den Empfängern der Hilfsmilliarden? Komisch. Ich habe weder einen Llyod Blankfein noch einen Josef Ackermann jemals auf der Straße mit Transparenten oder sich mit Polizisten prügeln gesehen. Gut, das war jetzt etwas polemisch und vielleicht sogar stammtischhaft – aber keineswegs ganz falsch. Und was sogenannte „repräsentative Umfragen“ betrifft, kann es sich doch wohl nur um einen Witz handeln. Da fallen die wichtigsten Fragen ja völlig unter den Tisch! Also zum Beispiel, wer denn die Umfrage in Auftrag gab. Oder welche Fragen gestellt wurden. Oder ob man wirklich davon ausgehen kann, dass die Ergebnisse unverfälscht wiedergegeben wurden. Schließlich ist auch das Manipulieren von Studien und Umfragen, ja sogar Armutsberichten heute leider keine Seltenheit mehr, wie man am merkwürdigen Umstand erkennen kann, dass in auffällig vielen dieser Elaborate aus dem bald auslaufenden Jahr „jede(r) Zweite!“ irgendetwas Obskures getan haben soll.

„Warum aber hält dann fast die gesamte politische Elite (nicht nur Deutschlands) an einer Politik fest, die ihr Hohn und Hass einträgt, aber kaum öffentliche Anerkennung?“, fragt Kohler weiter. „Weil sie befürchtet, dass der von ihren Kritikern vorgeschlagene Plan, Griechenland in die Insolvenz gehen zu lassen und aus der Eurozone auszuschließen, einen noch höheren wirtschaftlichen und politischen Preis forderte. Den unumstößlichen Beweis dafür, welcher Schrecken kleiner wäre, kann keine Seite erbringen. Die Materie ist viel zu komplex, als dass man sich auf Vorhersagen absolut verlassen könnte.“

Und das ist eben völlig falsch. Nein, die Materie ist nicht „viel zu komplex“. Diese Behauptung wird  – vielleicht nicht von Kohler, aber eindeutig von den Profiteuren des Rettungswahnsinns und ihren Terriern in der Politik – zur Einschüchterung und Blickvernebelung benutzt. Es gibt sehr wohl unumstößliche Beweise, wie sich dieses Debakel hätte verhindern lassen können, erst recht dafür, was letztendlich teurer wird – nicht nur in finanzieller Hinsicht.  

Womit wir bei den Eckpunkten wären, von denen weiter oben die Rede war.

Tatsache Nummer eins ist: Die Risiken des Beitritts der Hellenen waren rechtzeitig bekannt. Wer darauf hinweisen wollte, bekam jedoch von oben einen Maulkorb verpasst. Nicht ganz unwichtige Frage: wieso? Ging es doch nur um Warnungen vor dem zu erwartenden Tohuwabohu, falls Griechenland in die Währungs-Zwangsjacke schlüpft. Hätten diese Hinweise nicht genügen müssen, um über eine Aufnahme wenigstens nochmal nachzudenken? Gab es irgendeinen äußeren Zwang, hat irgendjemand der Politik eine Pistole auf die Brust gesetzt, das Land unbedingt aufzunehmen? Höchstens einen selbstgesetzten Zwang: Nämlich denjenigen, den „ganz großen Wurf“, die ganz große Währungsunion, haben zu wollen – ohne an die möglichen Folgen zu denken. Diese Erklärung allein vermag jedoch nicht 100-prozentig zufriedenzustellen, womit wir bei Tatsache Nummer zwei wären: Mitarbeiter der einschlägig bekannten Großbank Goldman Sachs, die ihre Finger mittlerweile in ganz Europa gesteckt und Schlüsselpositionen mit ihren Leuten besetzt hat, halfen der griechischen Regierung bei der Bilanzfälschung. Tatkräftige Unterstützung erhielten sie dabei von Lukas Papademos, der zu diesem Zeitpunkt Gouverneur der griechischen Notenbank war und außerdem – der geneigte Leser erahnt es sicher schon und gähnt – ehemaliger Angestellter von Goldman Sachs. Aber es kommt noch langweiliger: Papademos war in den 80er Jahren des leider alles andere als vergangenen Jahrhunderts Chefvolkswirt der Federal Reserve in Boston. Zufälle über Zufälle. Personelle Kungelei, Korruption, meterdicker Filz? Sicher nur Verschwörungstheorien. Auch hier erhebt sich eine spannende Frage, die leider viel zu selten gestellt wird, um nicht zu sagen gar nicht: warum? Welches Interesse könnte eine der größten Wall-Street-Banken, die nicht gerade für hochethisches Verhalten bekannt ist, denn haben, Griechenland in die Währungsunion zu schmuggeln? Mögliche Motive? Vielleicht, um einen Sprengsatz anzubringen? Währungskriegsstrategie? Darauf spekulieren, dass die Staaten der Eurubelzone, viele davon überschuldet, sich an den dadurch zwangsläufig ausgelösten Problemen erfolglos abarbeiten würden, wie es dann ja auch geschah und leider immer noch geschieht? Begleitet von Herabstufungs-Dauerfeuer durch Ratingagenturen, deren „Unabhängigkeit“ eher in eine Witzesammlung gehört?

Tatsache Nummer drei: Hätte man rechtzeitig konsequent einen Euro-Austritt Griechenlands vollzogen, statt Milliardenpaket um Milliardenpaket in ominösen Kanälen zu versenken, wäre das die EU und vor allem Deutschland definitiv weitaus billiger gekommen als der nicht enden wollende, planwirtschaftliche Rettungs-Irrationalismus. Wenn – ja, Systempolitiker wie Roland Koch trotz aller überdeutlichen Folgen, die sogar schon aus dem Weltraum klar erkennbar sind, nur nicht in manchen hermetisch gegen eindringende Wirklichkeit abgedichteten Redaktionskerkern, dann auch noch verkünden, für den Euro sei „kein Preis zu hoch“ (!) oder Hans-Dietrich Genscher erklärt, man solle doch bei EU und Euro höchstens ganz zuletzt an den schnöden Mammon denken, an sowas Profanes wie Geld – ist es dann wirklich so unverständlich, wenn manchen Bürgern auch mal ein paar Schimpfworte entfleuchen? Schließlich werden die Dukaten ja nur vom dummen Volk erarbeitet. Systempolitiker geben es lediglich aus und verteilen es um. Wer soll das denn dauerhaft ertragen, ohne auch mal zu fluchen?  

Das mag für den einen oder anderen Kaspar Hauser der schönschreibenden Zunft ja arg stammtischhaft, plebejisch und abstoßend klingen. Aber Tatsache ist und bleibt: Die Materie ist weder „zu komplex“, noch wären die Folgen eines rechtzeitigen „Grexit“ völlig unkalkulierbar gewesen. Es ist einigermaßen wohlfeil, jetzt, wo gerade durch diese Politik noch größerer Schaden entstand und, sollte sie fortgesetzt werden, auch weiterhin entstehen wird, zu behaupten, niemand könne eine genaue Risikorechnung aufstellen. Manche nennen das Inversion: Umkehrung von Kausalitäten, Verdrehung zeitlicher Abläufe. Was dabei ebenfalls gerne übersehen wird, ist der magnetische Effekt einer solchen Politik auf mögliche Nachahmer. Schon fordert die portugiesische Führung eine „Gleichbehandlung“, also kurz: Wieso rettet ihr die Griechen, wenn die Portugiesen siechen? Genau. Und was ist mit den Iren, sollen die verlieren? Auch Spanien möchte mit ins Boot, da leidet jeder Stammtisch Not. Hat Frankreich dann Probleme, hilft nur Altherrenhäme.

Und fällt's dann in die Schüssel, hilft nur mehr Macht für Brüssel. Wie komplex.

Link:

Berthold Kohler in der „FAZ“: „Weder Vollidioten noch Verbrecher“

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