ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

James Bond: Der Privatunternehmer als Feindbild

von Burkhard von Grafenstein

Ein neuer Höhepunkt britischen Patriotismus

29. November 2012

Als ich vor einiger Zeit den finanzkritischen Thriller „The International“ von Tom Tykwer sah, dessen Plot als Anlehnung an James-Bond-Abenteuer gilt, wurde mir klar, was ein Grundmuster und wohl auch ein Erfolgsgeheimnis der James-Bond-Geschichten darstellt: Die Bösen sind in der Mehrzahl der Fälle übergeschnappte, kriminell tätige Unternehmer, die die Welt zerstören, Staaten erpressen oder sich eine anti-soziale private Utopie erfüllen wollen. Dazu zählen etwa Drax mit seinem Raumfahrtkonzern oder der Großreeder Stromberg.

James Bond hingegen repräsentiert eigentlich den Typus des kleinen Angestellten mit Anzug, und zwar so, wie viele kleine Angestellte in Staat oder Wirtschaft gerne wären, wenn sie sich trauten. Zu den Phantasien des ein oder anderen Angestellten mag es gehören, dem Chef einmal eine Bombe unter den Schreibtisch zu schieben oder ihn sonstwie zur Rechenschaft zu ziehen. Auch diese möglicherweise tief in der kleinbürgerlichen Psyche schlummernde Sehnsucht darf der Mann mit der Lizenz zum Töten regelmäßig am Ende des Films bedienen. Nach der Überwindung des Alpha-Männchens realisiert Bond dann im Abspann noch weitere Träume des Durchschnittsmannes mit leichtbekleideten Frauen im Gummiboot.

Bond steht durch und durch auf der Seite des Staates. Die Handlanger seiner Feinde sind nicht ideologisch, sondern monetär motivierte Kriminellen- oder Spionage-Netzwerke. Die Sowjets sind kaum ernsthaftes Feindbild in den James-Bond-Abenteuern, obwohl sie doch in der Zeit, als die Filme anliefen, offizielle Widersacher des Westens waren. Oft kooperiert Bond sogar mit ihnen gegen die Gangster und Geschäftemacher, die oft von mehr oder weniger blonden deutschen Darstellern verkörpert werden (Curd Jürgens, Gert Fröbe). Darin dürfte sich nicht nur die Prägung Ian Flemings aus der 30 Commando Assault Unit, einer Kommandotruppe für Geheimdiensteinsätze im Zweiten Weltkrieg, niederschlagen: Das britische Publikum wurde in der Serie unterschwellig auch immer positiv an die letzten militärischen und politischen Großerfolge Britanniens vor dem Niedergang des Empires erinnert. Zugleich bekommen gewichtige Figuren, die an Akteure des deutschen Wirtschaftswunders erinnern, vom Agenten aus dem ökonomisch abgehängten United Kingdom doch noch eins ausgewischt. In der Folge „Goldeneye“ ist das Motiv des zu bekämpfenden Bösewichts sogar explizit ein Relikt des Zweiten Weltkriegs: Ein Sohn Lienzer Kosaken, die auf deutscher Seite kämpften, will sich an Großbritannien für die Auslieferung seiner Eltern an Stalins Exekutionskommandos rächen.

Der Darsteller Daniel Craig bricht mit diesen typologischen Zuordnungen, da er selbst blond und blauäugig ist. Die Auseinandersetzung mit den alten deutschen Erzfeinden scheint also Schnee von gestern zu sein. Die Folgen mit Daniel Craig greifen aber auch nicht direkt die aktuellen Konfrontationen Großbritanniens mit dem religiösen Terrorismus und die Auseinandersetzungen auf neuen Kriegsgebieten auf, sondern erzählen alte Fleming-Stoffe noch einmal neu. Konflikten zwischen ideologisch-politischen Kontrahenten geht die Reihe also weiter konsequent aus dem Weg, allein die Folterszenen und die terroristischen Anschläge in den Craig-Folgen haben einen aktuellen Bezug. Es bleiben als verbrecherisch dargestellte Unternehmer und Großkonzerne als Bösewichte vom Dienst, die sogar über die Einsetzung von Bananen-Regierungen bestimmen können, wie in den neueren Folgen gezeigt wird. Politisch korrekt erklärt M in „Skyfall“, dass (politisch oder kulturell nicht zugeordnete) „Individuen“, die „uns“ den Krieg erklärt hätten, die neuen Feinde seien.

„Skyfall“ gilt als neuer Höhepunkt britischen Patriotismus in der Reihe, da hier britische Flaggen das Bild dominieren, die geheimdienstlichen Gefechte auf den britischen Inseln selbst ausgetragen werden und der „Villain“ diesmal ein unpatriotischer abtrünniger Geheimdienstverräter ist, während in Zeiten des hochkochenden schottischen Separatismus Bonds schottische Herkunft herausgestellt und gar der Grabstein der Eltern Bonds auf dem schottischen Landsitz Skyfall in einer Einblendung zu sehen ist. Die Welt ist schlecht und die Staaten sind schwach. Daniel Craig verkörpert einen zunehmend schlecht gelaunten, machtlosen und alternd-angegriffenen James Bond, der in sehr qualvolle Situationen gerät oder sich in zermürbenden privaten Rachefeldzügen aufreibt. Kühle britische Selbstkontrolle stellt man sich manchmal anders vor. In den Strudel der Globalisierung war Bond, wie gezeigt, aber schon geraten, als die echten Geheimdienste noch im Kalten Krieg erfroren.

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige