Axel B.C. Krauss

Axel B.C. Krauss, Jahrgang 1968, ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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Schirrmachers Kritik an den „Neuen Medien“: Ein Schuss im Halbdunkel

von Axel B.C. Krauss

Wie man die Falschen trifft

Am 26. November veröffentlichte „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher einen Artikel über die Zukunft des Journalismus, Titel: „Das heilige Versprechen“. Ich habe mir nach der Lektüre zwei Fragen gestellt. Erstens die nach der Essenz des in kleinen Teilen berechtigten Lamentos über die „metaphysischen“ Glaubenssätze vieler Technogurus, die dem Netz beinahe messianisches Menschheitserlösungspotential zuschreiben sowie die „Ökonomisierung von allem und jedem“, wie Schirrmacher es in einem anderen Artikel einmal ausdrückte und zweitens: Warum macht seine Kritik – wieder einmal – einen auffällig großen Bogen um die Hauptprobleme der Zunft, um deren Zukunft es doch eigentlich gehen sollte?

Schirrmacher – und in diesem Punkt stimme ich ihm zu – kritisiert das in der Tat etwas naive Erfolgs- und Glücksversprechen der sogenannten „Neuen Medien“, wirklich jeder könne es, den nötigen Willen, Kreativität und Intelligenz vorausgesetzt, im Internet zu etwas bringen – im Sinne von großem kommerziellem und finanziellem Erfolg, von dem sich leben lässt. Dass dem nicht so ist, kann jeder tagtäglich überprüfen: Es gibt viele „Nauthors“ (Net-Authors, Netz-Autoren), wie der szenetypische Hang zu etwas albernen Kofferwörtern sie manchmal nennt, die trotz sehr guter, oft sogar  herausragender Texte und unermüdlicher Arbeit keinen Cent daran verdienen. So weit, so richtig.

Problematisch ist seine Kampfrede gegen die Neuen Medien, denen er attestiert, „verschlafen“ zu haben, allerdings in ihrer Reduktion der Qualitätsfrage auf rein ökonomische Faktoren. Denn laut der Überschrift sollte es doch um die „Zukunft des Journalismus“ gehen – die aber lässt sich beileibe nicht nur auf Basis der wirtschaftlichen Umstände unserer Zeit und der Tatsache diskutieren, dass es auch im Internet zweifellos eine Entwicklung hin zu einer ausufernden Kommerzialisierung gibt, die, wie Schirrmacher durchaus richtig feststellt, alles an Klicks, an „I like“, misst. Die unentwegte Hetzjagd nach den klickträchtigsten „Google-Keywords“ zum Beispiel, also Begriffen, die laut Googles ständig aktualisierter Liste der populärsten Suchanfragen von Usern besonders häufig nachgefragt werden, kann schon mal dazu führen, dass man auf diversen „unabhängigen“ Portalen für „Journalismus“ vermehrt mit Artikelüberschriften konfrontiert wird, die sich lesen wie von stotternden Androiden vorgetragene Einkaufslyrik: „Puppen Puppenhäuser Puppenkleider jetz günstig online kaufen“, „Schlank schnell abnehmen Diät gute Rezepte zum Gewichtverlieren“ oder „Kochen Kochkurse Kochbücher alles übers Kochen“. Früher nannte man sowas noch Autismus.

Vollends falsch liegt Schirrmacher aber, wenn er das Emanzipationsversprechen der Neuen Medien abwinkt und die Ökonomisierung des Netzes dafür verantwortlich macht beziehungsweise den Emanzipationsgedanken darauf beschränkt. Die Erkenntnis, dass Fleiß, Originalität, Kreativität, Qualität (wie auch immer man diese definieren will) keine bombensichere Erfolgsgarantie darstellen, ist einigermaßen banal. Es soll beispielsweise schon gute Schriftsteller gegeben haben, von denen man trotzdem nicht viel hörte, die es nicht „geschafft haben“, weil sie dummerweise außerhalb der politisch korrekten Konsensmatrix zu denken wagten, während (übrigens auch dank der „FAZ“-Literaturkritik, ironischerweise) allerlei Prä- bis leicht Postpubertäres aus nicht ganz trockenen Gebieten gerne in literarisches Weihwasser umparfümiert wird.

Oder, um ein weiteres Beispiel zu geben, honorige Journalisten, die, ihre Blogs auf eigene Kosten betreibend und ohne je wirklich in die schwarzen Zahlen zu kommen, trotz seriöser Recherchen und ständiger Hinweise auf andere mögliche Motive hinter manchen aktuellen militärischen Konflikten abseits derjenigen, die dem Volk von Politik und journalistischem Mainstream offiziell verkündet werden, von selbigem (zu dem längst auch die „FAZ“ gehört) mit einer ans Pathologische grenzenden Ignoranz durch beharrliche Nichterwähnung meistens in genau dem Nischendasein verbleiben, für das der Herausgeber der „FAZ“ nun fälschlicherweise ausschließlich die Ökonomisierung des Internet, gescheiterte Geschäftsmodelle oder gebrochene Heilsversprechen neuer Technologien verantwortlich machen will.

Obendrein nicht ohne eine gehörige Portion dessen, was eine deutsche Wirtschaftszeitung, wenn auch in anderem Zusammenhang (nämlich mit „FAZ“-Leithammelartikeln und spöttischen Bildchen zur irrtümlicherweise als „Griechenland-Krise“ bezeichneten Altersvorsorgesicherung von Goldman-Sachs-Bankern) ganz vortrefflich als „Altherrenhäme“ bezeichnete, eines Tonfalls, den man auch heute früh wieder in all seiner strahlenden Blasiertheit unter einem abiturscherzhaft tendenziösen Foto zum selben Thema gleich auf der ersten Seite genießen durfte.

Und so fragt Schirrmacher: Ja wo bleiben sie denn, die neuen Pulitzers oder Augsteins? Pulitzer, okay. Ob wir allerdings unbedingt einen neuen Augstein brauchen, gerade in der heutigen Presselandschaft, die vor Augstein-Klonen nicht nur wimmelt, sondern schier explodiert, sei mal dahingestellt. Und ob solche Anspielungen heuer überhaupt noch verstanden werden, auch im Hause „FAZ“?

Ich möchte zunächst einige Beispiele geben, wie die Zukunft des Journalismus, um die sich Schirrmachers Artikel leider nur extrem peripher und sehr eindimensional dreht,  meiner Meinung nach nicht aussehen sollte.

Ich wünsche mir, in Zukunft in einem Qualitätsblatt keine, gelinde gesagt, oberflächlichen Analysen mehr lesen zu müssen wie zum Beispiel diejenige – obendrein nicht aus der Feder eines blutjungen Volontärs, sondern eines gestandenen Auslandskorrespondenten (!) –, der Mittelostkonflikt beanspruche nun mal „Amerikas Aufmerksamkeit“. Wenn eine Zeitung, die im Kartoffeldruck hergestellt wird und, wenn die Verkäufe mal richtig gut laufen, eine Maximalauflage von zehn Exemplaren erreicht, sowas abdruckt, interessiert das keinen Sittich. Wenn aber ein Qualidaidsblatt sowas bringt, ist das nicht nur peinlich, sondern ein Armutszeugnis.

Ich möchte keine hochqualitativen Liberalismusdefinitionen mehr lesen müssen, angesichts derer selbst Dingsda-Kinder einer Zwerchfell-Notoperation unterzogen werden müssen: „Liberalismus bedeutet, alles zu dürfen.“ Yabbadabbadoo. Die Schlussfolgerung hatte es mir dann besonders angetan: Da in unserer Gesellschaft ohnehin schon so gut wie alles erlaubt sei, dürfe man sich nicht wundern, wenn er keinen hohen Stellenwert mehr genieße. Aus welcher Lego-Schachtel fallen solche Argumentationen?

Widerstand gegen die Frauenquote sei eine „rein männliche Angelegenheit“ – eine Behauptung, die schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des betreffenden „FAZ“-Artikels nachweislich falsch war. Auch sowas dünkt mich eher weniger zukunftsorientiert. Sicherheitshalber nochmal: Wenn „Goldene Post“ oder „Praline“ sowas veröffentlichen, ist das schnurzpiepenbrink. Treten solche Meisterleistungen aber – mehr als nur einmal – in einer Qualitätszeitung auf, ziehen sich wohl wirklich dunkle Wolken am Horizont des Journalismus zusammen.

Ebenfalls ungeeignet, diesen in eine Blütezeit zu führen, sind Artikel wie derjenige, der mir unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen auf Utøya kredenzt wurde und dessen Autor auf eine schlicht skandalöse Art die Morde vor den Trabbi seiner persönlichen politischen Präferenzen spannte, indem er ohne zu zögern Antimarxisten zu Breivik in die Zelle setzte, sie ins Reich des Manischen schmierte, als potentielle Amokläufer und Mörder fingerfarbig zu skizzieren versuchte. Angesichts einer so skrupellosen, eiskalten Nutzung von „Gelegenheiten“ frage ich mich überdies, wer da wirklich in eine Gummizelle gehört.

Oder wie wär's mit einem Interview mit Karl-Albrecht Schachtschneider, in dem der Interviewer ganz eindeutig versuchte, den Euro-Kritiker zu diskreditieren, indem er allen Ernstes die handfeste und mehr als berechtigte Forderung nach soliden Staatshaushalten in den Bereich des „Abstrakten“ („Aber ist das nicht etwas abstrakt?“, surreales Zitat Ende) zu schwurbeln, Schachtschneider somit zu einem bloßen Theoretiker ohne Wirklichkeitshaftung zu erklären versuchte. Und das über den gesamten Interviewverlauf: Alles war halt irgendwie so schön abstrakt hier – dank welcher Pillen, wurde bis heute nicht geklärt. Merkel-Spezial-Dragées?

Viele Leser werden es sicher auch nicht als sonderlich vertrauenserweckend empfinden, wenn Redakteure – auf zwar sehr eloquente und ganze Füllhörner humanistischer Gymnasial- und höherer Universitätsbildung zu wunderhübschen Wortgirlanden windende Art – diverse Politiker wie zum Beispiel Peerela Steinerkel oder Jürgen Trittbrück dermassen beweihräuchern, dass man ihre mystischen Elogen nur mit ABC-Schutzmaske zu Ende lesen vermag. Umständlich. Etwas umgangssprachlicher: Sie fühlen sich verarscht, wenn sie mit einer so schlüpfrigen Kleinmädcheneuphorie übergossen werden, als handele es sich bei harmlosen Systemlingen um die geilste Girlgroup-Sensation nach den „No Angels“.

Ganz zu schweigen von Auftragsarbeiten wie den „populistischen Euro-Skeptikern“. Ob sie vielleicht die Folge einer Einladung ins Bundesabkanzelamt sind, wo man dann gemeinsam über eine möglichst effiziente Desinformationspolitik gegenüber der Bevölkerung debattiert?  Da kann man wohl nur spekulieren. Ich hätte noch ein paar Dutzend weiterer Beispiele allein aus dem letzten sowie dem noch laufenden Jahr, aber es soll nicht zu lang geraten, außerdem wurden sie schon oft genug erwähnt.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Schirrmacher von einer „Pawlow“-Öffentlichkeit spricht. Ich wiederum spreche von Pawlow-Journalismus, der die laut Werbeslogan hinter der Zeitung steckenden klugen Köpfe sukzessive mit papageienhaftem Nachkrächzen diverser Diskreditierungs- und Diffamierungsfloskeln zu vertreiben droht, sobald bestimmte deutsche Reizwörter fallen. Ich denke dabei – als letztes und gutes Beispiel jüngeren Datums – an die Kontroverse um ein angebliches Gedicht von Günter Grass, um dessen Inhalt es hier nicht geht. Sondern darum, dass unmittelbar, nachdem Grass den von sehr vielen Menschen geteilten Eindruck ausgesprochen hatte, er habe es in Deutschland mit einer „gleichgeschalteten“ Presse zu tun, gleich in drei oder vier Tageszeitungen dieselbe Textpassage erschien, die durch den Verweis auf die Herkunft des Begriffes „erweisen“ sollte, er würde nur von Nazis verwendet. Solche Peinlichkeiten und Dummheiten, wegen deren Häufung über die Zukunft des Journalismus diskutiert wird, sind nicht die Folge einer totalen „Ökonomisierung“ und lassen sich auch nicht auf naive „Heilige Versprechen“ abwälzen, die sich nicht erfüllt hätten, sondern schlicht eines fragwürdigen Journalismus. Der hat den Anschluss verpasst, der hat verschlafen.

Bevor diese Kritik den falschen Eindruck erweckt: Ich will die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ganz sicher nicht als durchweg mieses Blatt hinstellen, das sie natürlich nicht ist. Ich lese sie sehr oft mit Gewinn. Beispielsweise, wenn es um noch weitgehend unbekannte Maler aus dem 16. oder 17. Jahrhundert geht, sehenswerte Vernissagen, solide geschriebene Artikel über Architektur, Mode, Literatur, Filme. Nähert man sich dem aktuellen Weltgeschehen, dunkelt der ansonsten sehr gute bis exquisite Eindruck jedoch etwas ein. In diesem Bereich meine ich, ein gewisses Hinken wahrzunehmen.

Kurz, es geht mir lediglich um den aus meiner Sicht merkwürdigen Unwillen des Herausgebers zur Selbstreflexion und -kritik. Denn sollte etwas schief  laufen, wiederholt Schirrmacher gebetsmühlenartig: It's the economy, stupid! Auf die Idee, dass nicht wenige Leser von journalistischen Phänomenen wie den eben aufgezählten abgeschreckt werden könnten, scheint er nicht zu kommen. Meine zweifellos etwas polemische Antwort, die selbstverständlich nicht nur für Schirrmacher und die „FAZ“ gilt: It's the cowardice of politically overcorrect Golden-Retriever-Journalism, stupid!

Diese politische Überkorrektheit, der vorauseilende Gehorsam gegenüber diversen Zeitgeist-Doktrinen, die (zu Recht) vielzitierte „Schere im eigenen Kopf“, die Unfähigkeit (oder der Unwille?), auch mal über die Ränder liebgewonnener Erklärungsmuster, weltbildlicher Konventionen oder abgestandener, veralteter politischer Lösungsansätze hinauszudenken – deshalb sind viele Leser beileibe nicht nur der „FAZ“ vom Vorübergehen der Gitterstäbe geistiger Unbeweglichkeit, arroganter Besitzstandswahrungsansprüche und politischer Dauerbückerei so müd geworden, dass sie manche Zeitungen nicht mehr halten können. „Outside the box“ denken, progressiv? Zu mühsam. Stattdessen gibt's Werbung für den Kommunismus und anderen systemischen Retro-Chique.

Wer all das zu verdrängen versucht, indem er lieber auf die Neuen Medien und ihre „Verschlafenheit“ eindrischt, es nur auf wirtschaftliche Fehlentwicklungen schiebt oder auf die sicher etwas voreilige Verklärung und quasimystische Überhöhung technologischer Innovationen, macht es sich zu einfach, viel zu einfach. Das Gegenteil ist doch der Fall: Gerade dank des Internets durfte die Öffentlichkeit von Ereignissen und Zusammenhängen erfahren, über die sich der Mainstream oder vielleicht besser: die Etablierten, gut Eingesessenen, bekanntlich kontinuierlich ausschweigen. Allerdings, das sollte man fairerweise erwähnen, scheint im Augenblick tatsächlich eine Öffnung stattzufinden, ein Um- oder Weiterdenken ist zu spüren: Immerhin werden in der Leitpresse mittlerweile äußerst wichtige Fragen gestellt, wie unlängst zum Beispiel im „Focus“ diejenige, in wessen Auftrag Mario Draghi eigentlich handele. Weiter so. Jetzt geht dieser unfassbaren Schweinerei doch mal endlich auf den Grund, deckt die Verbrechen dieser irren Clique schonungslos auf, statt wie geköpfte Hühner den Ereignissen immer nur hinterherzulaufen.

Und genau darin liegt das großartige emanzipatorische Potential. Denn zu verdanken haben wir das der unermüdlichen Informations- und Aufklärungsarbeit derjenigen alternativen Medien, die Schirrmacher nun vorschnell abwatschte und ihnen wirtschaftliches Scheitern vorwirft. Nichts für ungut: Es geht nicht vorrangig darum, ob man damit Milliardär werden kann. Sondern um etwas, das in unserer Zeit leider etwas verloren gegangen zu sein scheint, etwas, das ganz in der Tradition eines Pulitzer steht: Aufklärung.

Link

Frank Schirrmacher in der „FAZ“: „Das heilige Versprechen“

28. November 2012

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