Carlos A. Gebauer

Jg. 1964, Rechtsanwalt und regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift eigentümlich frei.

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Make love not law: Kleines Lanzebrechen für Heckenschützen

von Carlos A. Gebauer

Gruß an Wikipedia und Co.

Wer kennt es nicht? „Fluppy12“ und „Dildo38“ lästern im Netz über einen Dritten. Ihren wirklichen Namen nennen sie nicht. Sie verstecken sich hinter der Anonymität des weltweiten Netzes. Was für Martin Luther als Junker Jörg oder Erich Kästner als Berthold Bürger notwendig war, um lebensbedrohlichen Repressionen zu entgehen, oder was für Charlotte Brontë alias Currer Bell überhaupt erst die Publikationsmöglichkeit eröffnete, ist heute zu einem Problem eigener Art geworden. Namenverbergendes Cyber-Mobbing beschäftigt die Gemüter.

Wikipedia beschreibt das Phänomen: „Mit Cyber-Mobbing werden Formen der Diffamierung, Bedrängung und Nötigung anderer mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet bezeichnet. Die Opfer werden durch Verbreitung falscher Behauptungen gemobbt. Täter werden als Bullies bezeichnet. Die Motive sind vielschichtig: Man versucht, Konkurrenz klein zu halten. Die Hemmschwelle, im Internet andere zu verhöhnen, ist gering. In der Anonymität muss ein Täter seinem Opfer nicht in die Augen blicken. Es ist einfach, Unwahrheiten zu äußern: Dieser Effekt wird als Online Disinhibition Effect (Enthemmungseffekt) bezeichnet. Es fällt Menschen, insbesondere Jugendlichen, schwerer, ihre Impulse zu zügeln, wenn soziale Kontrolle wegfällt.“ Generell müsse allerdings, heißt es weiter, „in der digitalen Wirklichkeit wie im analogen Leben das allgemeine Prinzip der Verantwortlichkeit gelten: Alle sind selbst für das verantwortlich, was sie sehen, tun (oder unterlassen), veröffentlichen.“ Grundsätzlich hätten die Betreiber von sozialen Netzwerken im Internet daher „ein starkes Interesse, Cyber-Mobbing einzudämmen, denn ihr Erfolg hängt entscheidend ab von ihrem guten Ruf“.

In der Tat. Anders als zu Zeiten Luthers und Kästners herrschen heute Presse- und Meinungsfreiheit. Sie schützen jeden, der sich äußert, vor Repression und Verfolgung. Zur Ehre eines jeden seriösen Meinungsinhabers gehört daher, mit offenem Visier zu argumentieren, Gesicht zu zeigen und Verantwortung für seine Äußerung zu übernehmen. Gerade weil Meinungsfreiheit für eine Demokratie „schlechthin konstituierend“ ist, wie das Bundesverfassungsgericht definiert hatte, sollen Äußerungen auf ihre Quelle zurückverfolgt werden können. Paragraph 8 des Landespressegesetzes Nordrhein-Westfalen bestimmt daher: „Auf jedem im Geltungsbereich dieses Gesetzes erscheinenden Druckwerk müssen Name oder Firma und Anschrift des Druckers und des Verlegers, beim Selbstverlag des Verfassers oder des Herausgebers, genannt sein. Auf den periodischen Druckwerken sind ferner Name und Anschrift des verantwortlichen Redakteurs anzugeben.“

Allerdings wird man fragen müssen, ob diese professionellen Maßstäbe auf Internetäußerungen angewendet werden können, die augenscheinlich von Urhebern zwischen früher Pubertät und später Adoleszenz stammen. Für jugendliche Autoren, die ihre ersten öffentlichen Gehversuche mit Meinungsäußerungen wagen, ist menschlich nur allzu verständlich, wenn sie sich nicht gleich drohender Lächerlichkeit preisgeben mögen.

So hat die anthropologische Besonderheit, dass Heranwachsende ausgerechnet zum Zeitpunkt ihrer maximalen intellektuellen Desorientierung auch den Höhepunkt ihrer emotionalen Gewaltpotentiale erreichen, den Gesetzgeber bewogen, mit dem sogenannten „Vermummungsverbot“ bei Demonstrationen auf eine gezielte Reduzierung des von Wikipedia beschriebenen „Enthemmungseffektes“ hinzuwirken. Nach Paragraph 17a Absatz 2 Versammlungsgesetz gilt bei öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel: Es ist verboten, an derartigen Veranstaltungen in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen oder den Weg zu derartigen Veranstaltungen in einer solchen Aufmachung zurückzulegen.

Hat ein Jugendlicher allerdings erst einmal ein solches Stadium erreicht, in dem er zu körperlichen oder verbalen Aggressionen aus der vermummten Anonymität heraus bereit ist, dann fällt es schwer, ihn wieder auf den Pfad eines intellektuell redlichen und herrschaftsfreien Diskussionsbetriebes zurückzuführen. Der FID-Verlag in Bonn jedenfalls ist auf seiner Seite elternwissen.com, einem „kompetenten Eltern-Ratgeber rund um Kindergesundheit, Lernen, Schule und Freizeit“, sicher, dass schon früher in der Erziehung angesetzt werden sollte, um die Frage zu beantworten: „Wie wachsen Kinder zu anständigen, ehrlichen, liebevollen und friedfertigen Menschen heran?“

Der Ratgeber erläutert: „Kinder kommen als kleine Egoisten auf die Welt, die anfangs nur ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Jüngere Kinder sind noch nicht in der Lage, zwischen Mein und Dein unterscheiden. Wenn ein Kleinkind versucht, die Welt kennenzulernen, kann es das nur, indem es so tut, als sei alles seins. Bis zum Alter von drei bis vier Jahren ist dieses Verhalten keine böse Absicht, sondern schlicht die einzige Möglichkeit, sich zu entscheiden. Erst danach, mit zunehmender sozialer Erfahrung, steigt auch die Fähigkeit des Kindes, bei persönlichen Entscheidungen die Interessen anderer Kinder und Erwachsener mit einzubeziehen. Erst im Vor- und Grundschulalter können Kinder also die moralische Dimension ihres Handelns erkennen.“

Ebenso sieht dies das „Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt“, das auf buendnis-toleranz.de sein Projekt „Balu und Du. Oder wie können Kinder Toleranz und Demokratie schätzen lernen?“ vorstellt. Dort heißt es: „Welche Erfahrungen sollte ein Kind im Alter von sechs bis zehn Jahren machen, um als Jugendlicher und Erwachsener eine aktiv demokratische, tolerante und partizipative Lebenseinstellung zu erlernen? Das Programm Balu und Du vermittelt Erlebnisse, Lerninhalte oder Einsichten, die dem Verstehenshorizont eines Grundschulkindes entsprechen und die mit der Hoffnung verbunden sind, dass sich Gewalt, Extremismus, Rücksichtslosigkeit und Intoleranz in unserer Gesellschaft gar nicht erst etablieren. Mit dem Mentorenprogramm Balu und Du soll benachteiligten Grundschulkindern der Start ins Leben einfacher gemacht werden. Kinder erhalten die persönliche Betreuung durch einen jungen Erwachsenen. Dieser große Freund, der Balu, trifft das Kind, den Mogli, um es in seiner Entwicklung zu fördern. Die Gründe für die Aufnahme in das Mentorenprogramm sind unterschiedlich. So beispielsweise, wenn Kinder oft alleine zu Hause sind. Manchmal fallen sie als Mobber auf und ihre Sozialentwicklung gibt Anlass zu Sorge. Oft haben Kinder auch bizarre Vorurteile. Die wöchentlichen Tagebücher der Balus stellen einen Erfahrungsschatz bezüglich der kindgemäßen Vermittlung von tolerantem und partizipativem Verhalten dar. Es handelt sich dabei um Vorformen oder auch Voraussetzungen für spätere Demokratie und Toleranz. Diese sind einfache Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Perspektivwechsel, respektvoller Umgang, Entscheidungen treffen, unterschiedliche Normen respektieren. Die Tagebücher zeigen, dass sozial benachteiligte Kinder vieles im Alltag erst noch lernen müssen.“

Erwachsene sind demnach wohl gut beraten, das Verhalten mobbender Internet-Autoren im Entwicklungsstadium der Vor- und Grundschule nicht mit den strengen Augen des Gesetzes zu betrachten, sondern allen Bullies, denen das Toleranz- und Demokratieerlernen mit einem liebevollen Balu versagt geblieben ist, ein wohlwollendes Friedenssignal zu senden: Ich weiß, dass Dein Verhalten keine böse Absicht ist. Du kannst es einfach noch nicht besser. Du musst auch keine Angst haben. Lass uns einfach darüber reden. Gemeinsam entdecken wir die moralischen Dimensionen Deines Tuns.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 128

23. November 2012

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