22. Oktober 2012

Libertäre Nazis? Gruß von Gandhi

Freiheitlich vs. totalitär

Nun ist es also soweit: Das Magazin eigentümlich frei wird neuerdings auf Wikipedia explizit in die rechte Ecke und damit unter latenten Totalitarismus-Verdacht gestellt. Dass dies haltlos ist, kann leicht gezeigt werden.

Man sollte bei dieser Widerlegung nicht stehen bleiben. Denn was hier und andernorts immer wieder zum Einsatz kommt, ist die erfolgreiche Taktik der Feinde der Freiheit, über die Besetzung BEIDER Enden des politischen Spektrums mit den eigentlichen Gegnern – und zwar den Freiheitsfreunden – Hase und Igel zu spielen. Das funktionierte bei der NSDAP, die von nicht Wenigen aus Angst vor dem Bolschewismus gewählt wurde. Ein paar Jahre später dann in der DDR, die sich maßgeblich über den Widerstand einiger ihrer Exponenten gegen das NS-Regime rechtfertigte. Und heute funktioniert es offenbar recht gut bei den Antifaschisten, die ihre totalitären Züge hinter einem – eigentlich völlig unzutreffenden – „Anti“ verstecken.

Es funktioniert auch bei weniger totalitären Mainstream-Politikern, die beispielsweise in den USA sowohl die „rechte“ als auch die „linke“ Partei dominieren und damit liberale Alternativen, wie sie der Freiheitsfreund Ron Paul im Vorwahlkampf der Republikaner anbot, erfolgreich unterdrücken.

Die Wirkungsweise: Im Kampf der beiden freiheitsfeindlichen Pole werden Liberale an den Rand gedrängt. Wahlweise werden sie ignoriert, ihre Lösungen in Anbetracht der aufgeputschten Bedrohung lächerlich gemacht oder sie werden sogar diffamiert, mit der jeweils anderen Partei im Bund zu stehen. Spielarten, die Mahatma Gandhi in den griffigen Satz fasste: „Erst ignorieren sie dich, dann machen sie dich lächerlich, dann bekämpfen sie dich, dann gewinnst du.” Ohne eine explizite Verschwörung zwischen den beiden totalitären Polen kommt es somit zu einer Stärkung kollektivistisch-totalitärer Ideologien.

Es lässt sich nicht leicht gegensteuern: Wenn man ruhig und sachlich bleibt, wird man überschrien und verliert auch meist den Kampf um die Emotionen. Wenn man sich aufregt und zum Gegenangriff übergeht, ist man immer nur der Zweite, denn die Aggression wurde ja vom totalitären Gegner initiiert. Vor allem besteht dann die Gefahr, dass man sich selbst vergisst und in ähnlich totalitäre Muster abgleitet. Was deshalb nottut, ist, das politische Koordinatensystem gerade zu rücken. Die Eindimensionalisierung von Politik (in „links vs. rechts“) ist ja eigentlich eine Beleidigung des menschlichen Verstandes. Wenn es aber partout so einfach sein muss, dann bitte entlang der Dimension „freiheitlich vs. totalitär“, denn die individuelle Freiheit ist die einzig wirksame Medizin gegen die totalitäre Beschränkung der menschlichen Handlungsoptionen. (Um den Unterschied zu „rechts vs. links“ deutlich zu machen, kann diese Kategorie als zweite Dimension beigefügt werden, siehe dann Nolan Chart unten)

Was ebenfalls nottut: Die Radikalität des Liberalismus zu betonen. Er ist aus gewisser Perspektive radikaler als die Brauntotalitären, die gewissermaßen am Status Quo nur Marginalien ändern wollen – zum Beispiel staatliche Diskriminierung von Ausländern statt Männern, Rassen- statt Gendergesetze, Verbot der einen statt der anderen Geisteshaltung, etc. Radikaler als die Rottotalitären, die die Staatsquote von ca. 50 Prozent auf vielleicht 80 Prozent (Beispiel UdSSR) erhöhen wollen, enteignen statt enteignungssimulierend besteuern, etc. Er ist dadurch auch die einzige ernst zu nehmende Bedrohung aller Spielarten des Totalitarismus – von Kollektivismus, Rassen-, Klassen-, Gender- oder sonst welcher Ideologien.

Aus dieser Perspektive erstaunt es schließlich auch nicht, dass das noch recht begrenzt massenwirksame Organ „eigentümlich frei“ offenbar bereits in der dritten Gandhi-Phase steht.

Für Uneingeweihte eine kurze Liste der Wünsche „libertärer Nazis“:

Erstens: Das „Non-aggression principle“ – keine Initiation von Gewalt – bildet die Grundlage libertärer Ethik. Das umschliesst „sogar“ Angriffskriege (selbst wenn diese professionell kaschiert werden) wie Irak 2003, Afghanistan 2001, etc. pp. Rote, braune sowie die Mainstream-Etatisten streiten sich dagegen meist nur um Häufigkeit und Ziele der „Machtprojektion“.

Zweitens: Freiheit der Wahl des „Rechtsanbieters“, also insbesondere des Staates. Das bedeutet auch unbeschränkte Migrationsfreiheit. Selbstverständlich aber nicht die Freiheit, sich als Sozialfall von den (auf Basis von Gewaltandrohung eingetriebenen) Steuergeldern aushalten zu lassen.

Drittens: Massiver Abbau beziehungsweise am Ende Aufhebung des Konglomerates „Staat“.

Viertens: Teilweisen Vorbildcharakter (im Sinne, „Wenn schon geringe Änderungen in unsere Richtung so gut funktionieren, …“) haben Staaten wie Liechtenstein, die Schweiz oder Singapur.

Fünftens: Undsoweiterundsofort.

Nur an einer Stelle liegen die totalitären Rezensenten – unfreiwillig – richtig: Libertarismus ist radikal.

Wikipedia

Nolan Chart


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Autor

Marc-Felix Otto

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