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Beschneidung im Judentum: Symbolhandlung gegen das Kindesopfer

von Gunnar Heinsohn

Warum es in der aktuellen Debatte auch um Leben oder Tod geht

23. September 2012

Anders als die heutigen Monotheisten kennen ihre altisraelitischen Vorfahren noch kein Bluttabu. Aus ihm erwächst die Heiligkeit des Lebens als „goldene Regel“ für sämtliche Richtungen des Judentums jenseits aller sonstigen Kontroversen: „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute. / Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst“ (5. Mose 30: 15/19).

Im Altertum staunt man über diesen Rigorismus. Hekateios von Abdera (um 300 vor Christus) stellt das jüdische Kindstötungsverbot mit Bewunderung gegen das griechische Recht auf Aussetzung. Tacitus (58-120 nach Christus) – kein Freund der Juden – stellt diese exotisch anmutende Praxis seinen Landsleuten als Vorbild gegen Entvölkerung hin: Es ist bei den Juden „eine tödliche Sünde, ein ungewolltes Kind zu töten“. Gleichwohl wird die Macht über Tod und Leben seiner Familie noch Jahrhunderte lang als Grundrecht des freien Römers erbittert verteidigt. Als Christen das jüdische Verbot annehmen und es zum Gesetz des Imperiums machen, muss man vom eisern fortgesetzten Töten ungewollter Kinder durch entehrende Todesstrafen abschrecken. Kindsmörderische Väter – das sind sie jetzt – werden nicht ritterlich enthauptet, sondern zusammen mit Schlangen und Ungeziefer in einem Sack erbärmlich ersäuft.

Als dann nach vielen Jahrhunderten im Deutschland Hitlers Kindestötungen – gegen vermeintlich innere Schwächungen durch Behinderte – und Genozide zur endgültigen Ausschaltung äußerer Gegner wieder zu Grundrechten werden, bringt man auch christlichen Widerstand gegen die Euthanasie schnell zum Schweigen: „Das fünfte Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ ist gar kein Gebot Gottes, sondern eine jüdische Erfindung.“

Wohl wahr! Und es ist dieser Gott der Lebensheiligkeit, mit dem Juden durch Beschneidung („mila“) einen Bund („brit“ oder „berit“) des Gehorsams eingehen, damit sie nie wieder auf den alten Blutkult verfallen.

Doch wie hält man die noch altisraelitisch erzogenen Eltern in Schach, während die Völker ringsumher fortsetzen, was für das nun entstehende Judentum verboten ist? Die Kindesopfer Kanaans (der Phönizier beziehungsweise Punier) gehen – gut belegt für Karthago – mindestens bis 146 vor Christus weiter. Nachbarn der Juden leben also immer noch wie Altisraeliten nach Gesetzen, „durch die sie kein Leben haben konnten, / weil sie unrein wurden durch ihre Opfer, als sie alle Erstgeburt durchs Feuer gehen ließen“ (Hesekiel 20: 25f.). Das ist vor der Zeit eines namenlosen Allherrschers, vor dem Himmelskörper zu Nichtsen werden. Seinerzeit gilt die angstvolle Verehrung „Jahwe und seiner Aschera“ – kosmischen Verstörern à la Baal und Astarte oder Merkur und Venus, vor denen die Altisraeliten nicht weniger Furcht hegen als die übrigen Völker.

Nun jedoch gibt es „himmlischen Frieden“, wie die Chinesen sagen. Vorbei ist das „Zeitalter des Opfers“ der altindischen Texte oder – modern gesprochen – der Bronzezeit mit ihren grundstürzenden Katastrophen, auf die zuerst der Elsässer Claude Schaeffer 1948 aufmerksam macht. Die heilig-heilende Blutopfer-Medizin für die erschütterten Menschen wird überflüssig, verliert deshalb aber noch lange nicht ihren Zauber. Ohne Verhandlungen kommen die Pioniere der Opferverwerfung nicht voran. Der achte Lebenstag für die Hingabe Erstgeborener lebt in der Beschneidung, aber eben nicht mehr Tötung der Söhne weiter. Auch im letzten verbliebenen Tempel zu Jerusalem müssen die Lämmer und Zicklein sieben Tage unter der Mutter bleiben, bevor sie geopfert werden dürfen (2. Mose 22: 28f.).

Der Schritt zum absoluten Lebensschutz ist also nur um den Kompromiss der Beschneidung zu haben. Aber die wird flankiert von einer seitdem kaum übertroffenen Überwachung der Eltern. Selbst wenn sie Bauern sind und von eigenen Tieren leben, dürfen nicht sie diese schlachten. Die Aufgabe fällt allein Spezialisten zu, die so streng unter Aufsicht stehen, dass sie das Schächten nicht zu einem Opferakt verfälschen können. Zugleich wird der überkommene Opfertag so strikt mit Verboten umstellt, dass er zum nahezu bewegungslosen Sabbat wird. Niemand darf mehr hinauf auf die Höhen (Tophet), wo Brandaltäre errichtet und Opfertiere geschlachtet wurden. Deshalb werden selbst das Entzünden eines Feuers und das Halten eines Messers verboten. „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer“ (Hosea 6:6) wird das neue Credo, und das Recht auf Leben als erstem der Menschenrechte gerinnt zur ethischen Tiefenstruktur des Abendlandes.

Selbst das noch bis zur Tempelzerstörung im Jahre 70 nach Christus fortgesetzte Tieropfer kann diese Richtung nicht untergraben. Davon lässt sich auch Eduard Meyer im Jahr 1923 mitreißen, der zuweilen für sehr ungerechte Urteile über das Judentum zu Buche steht: „Was den Ungläubigen vom Judentum geboten wurde, war in der Tat etwas ganz Eigenartiges. Diejenigen Elemente der Religion und des Kultus, die sonst überall im Mittelpunkt standen, waren hier völlig weggefallen: Es kannte weder Tempel, noch Götterbilder, noch Opfer mit Ausnahme von Jerusalem. Tatsächlich wurde der Opferdienst dadurch für den weitaus größten Teil des Judentums aufgehoben. Darauf beruht es, dass der Tempel mit allen Einzelheiten des Opferdienstes den Juden, wenn sie nach Jerusalem kamen, einen so gewaltigen Eindruck gemacht hat. Einen Kultus ohne Götterbild und Tempel gab es sonst nirgendwo in der Kulturwelt.“ Doch auch die zum Tempel noch Stehenden – was Max Weber verblüfft – stehen damals schon einsam unter den Blutritualen der Völker: „Dem täglichen Opferdienst in Jerusalem stand gegenüber, dass der Einzelne nunmehr überhaupt aufhörte zu opfern.“

Damit das Opfer auch nicht unter dem Deckmantel der Geburtenkon-trolle durch die Heiden sich fortsetzt, wird das jüdische Kindestötungsverbot so streng ausgelegt. Und noch immer werden all diese Aufsichten über die Erwachsenen nicht als ausreichend empfunden. Selbst das Züchtigen der Kinder wird ihnen jetzt entzogen. Es erfordert einen regelrechten Prozess, der meist zum Freispruch der Kleinen führt.

Natürlich steht auch die Beschneidung nicht in der väterlichen Macht, sondern obliegt öffentlich überwachbaren Spezialisten, damit Rückfälle aufs Opfer unterbleiben. Es ist gerade die „berit mila“, die den Nachwuchs unberührbar machen soll – zu Kindern Gottes eben. Seitdem und wohl bis heute gehören jüdische Kinder zu den bestgebildeten überhaupt. Selbst in der Not fürs eigene Leben wird jede von antijüdischen Häschern gewährte Atempause für das Errichten von Schulen verwendet.

Aber kann das Voranweisende des antiopferlichen Kinderschutzes nicht rückständig werden? Wenn einmal alle Kinder den Schutz ihrer jüdischen Altersgenossen genießen und alle Juden den der übrigen Menschen, wird auch innerhalb des Judentum über weitere Schritte diskutiert. Mehrfach schon ist es zu solchen Debatten gekommen. Immer jedoch beginnt irgendwo eine neue Verfolgung, in der die Aufgabe des Bundeszeichens nur als Verrat am Höchsten des Lebensschutzes empfunden werden kann. Deshalb steht man zusammen. Wird man diese Einheit aufkündigen, wenn nicht-jüdische Scharfmacher ihr Vorgehen gegen die Beschneidung nur als weitere Verfolgung anlegen?

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 28. September erscheinenden Oktober-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 126

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