03. September 2012

Wikipedia Projektmanagement erklärt sich mit Feministinnen „auf einer Linie“

Wissenschaftler rufen zu Spendenboykott auf: „Keine Finanzierung von Ideologie“

„Stellen Sie sich vor“, heißt es in einer heute veröffentlichten Erklärung mehrerer Wissenschaftler, „sie nehmen den Volksbrockhaus zur Hand, schlagen unter Wolfgang Amadeus Mozart nach und lesen dort: 'Infantiler Möchtegern-Komponist, der bis zu seinem frühzeitigen Ableben in Salzburg und Wien dilettiert hat und in enger Verbindung zu feudalistischen Herrschern stand, die in Reichtum schwelgten, während um sie herum Kinder und Frauen an Hunger starben.' Wir sind sicher, diese Beschreibung würde Reaktionen nach sich ziehen, die wütend oder empört, in jedem Fall aber irritiert ob der Diskreditierung von Wolfgang A. Mozart als Komponist wären. Die beschriebene Form der Diskreditierung, allerdings von lebenden, nicht von toten Personen des öffentlichen Lebens, findet sich neben sachlich falschen und ideologisch verzerrten Inhalten in großer Zahl in der deutschsprachigen Wikipedia.“ Gegen diese Form der öffentlichen Herabwürdigung und ideologisch motivierten Irreführung richte man sich nun mit einem Aufruf zum Boykott von Spenden an die Wikimedia-Foundation Deutschland, „denn mit Spenden wird der Missbrauch von Wikipedia Deutschland als ideologische Plattform finanziert – Spender finanzieren damit ihre eigene Fehlinformation“.

Dem Aufruf vorangegangen waren Wortmeldungen aus der Wikimedia-Foundation, die zeigten, dass die Verfilzung der deutschen Wikipedia mit der feministischen Szene noch stärker ist, als bisher angenommen. Wie „eigentümlich frei“ berichtet hatte, war zunächst eine Reihe von Wikipedia-Artikeln so umgearbeitet worden, dass aus dem bisherigen Neutral Point of View eine feministische Perspektive geworden war. Beispielsweise waren hunderte von Studien zur häuslichen Gewalt aus der Online-Enzyklopädie getilgt worden, weil sie der feministischen Ideologie zuwiderliefen, und feminismuskritische Personen und Organisationen werden in der Wikipedia bis heute diffamiert.

Mehrere altgediente Wikipedianer hatten in den letzten Wochen erfolglos gegen diese wachsende Ideologisierung protestiert. Ein Teil von ihnen war daraufhin gesperrt worden, andere zogen sich frustriert zurück. „Ich bin bestürzt darüber, wie hier die Wikipedia missbraucht wird, um seine eigenen Ideologien durchzusetzen“ bekundete etwa der Wikipedianer El Capitan. „Dadurch wird das Ansehen der Wikipedia zusehends beschädigt. Wenn dieser Trend, Informationen nach seinem eigenen Gusto hinzubiegen, anhält, sehe ich schwarz für die Wikipedia. Die Zeiten, als ich noch gerne für Wikipedia gearbeitet habe, sind definitiv vorbei. Ich beschränke mich in Zukunft darauf, kleine Fehler, wenn ich sie finde, zu beheben. Zu allem anderen bin ich in der Tat nicht mehr motiviert.“ Der Wikipedianer Marcus Cryon zeigte sich ähnlich verbittert: „So langsam sehe ich eh jede Möglichkeit, das Gender-Thema einigermaßen konstruktiv anzugehen, als gescheitert an. Von Beginn an wurde das Thema in meinen Augen falsch angegangen. Nur eines war immer gleich: Schuld sind immer 'die Männer'. Ich bin es leid und habe es satt, aufgrund meines Geschlechtes der automatisch Schuldige für alle Probleme der Welt zu sein. Und muss mich fragen, warum ich doofer Mann überhaupt noch mitmache. Denn erwünscht fühle ich mich schon lange nicht mehr.“ Als Erwiderung wurde ihm von der feministischen Wikipedianerin und Journalistin Julia Seeliger eine „ruppig-abstoßende Sprache“ bescheinigt.

Im Blog „Kritische Wissenschaft“ des Bildungsforschers Michael Klein hatte ein offener Brief an die Leitung der Wikipedia die skizzierte Entwicklung zum Thema gemacht. Während es auf diesen Brief von den Verantwortlichen auch Wochen später keine Antwort gibt, dauerte es nur wenige Stunden, bis sich in einem Blogbeitrag der „Netzfeministinnen“ unter dem Motto „Jetzt erst recht!“ Nicole Ebber, die Projektmanagerin von Wikimedia-Deutschland, zu Wort meldete: „Wir sind inhaltlich mit euch auf einer Linie“ versicherte Ebber den Feministinnen, „und schätzen es sehr, dass ihr euch klar und deutlich einbringt. Die Anregungen werden definitiv in unsere weiteren Überlegungen einfließen. Wollen wir mal einen Hangout machen oder ein Treffen? Wir sind dankbar für alle Anregungen der interessierten Parteien.“ Ebbers eigenes Blog ist auf der Blogroll der Netzfeministinnen verzeichnet.

Dass Ebber nicht nur für sich allein, sondern für die deutsche Wikimedia-Stiftung insgesamt sprach, wurde in einem Artikel von Torsten Kleinz in der Berliner „taz“ deutlich, der über eine „aggressive Kampagne gegen feministische Perspektiven“ in der Wikipedia wetterte. In diesem Artikel bezeichnete Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland, die Kritik an der feministischen Ausrichtung der Online-Enzyklopädie als „erschreckend“ und wies darauf hin, dass sich unter den Autoren der Wikipedia weniger Frauen befänden als Männer. Unterschwellig sollte damit wohl die Botschaft transportiert werden, dass Frauen und Feministinnen praktisch deckungsgleich seien; anscheinend wird eine Ideologisierung der Wikipedia insofern als Instrument zum Erreichen einer höheren Frauenquote hingenommen. Nach einer Strategie, die als „Blaming the victim“ bezeichnet wird, versuchte Kleinz zudem, den in der Wikipedia diffamierten Männerrechtlern den schwarzen Peter zuzuschieben. Außerhalb feministischer Kreise scheiterte diese Strategie jedoch: In der Kommentarspalte unter dem „taz“-Artikel wurde dieser von seinen Lesern weit überwiegend zerfetzt.

Tatsächlich geht die Formel „mehr Feminismus kommt allen Frauen zugute“ auch in der Wikipedia nicht auf. So war die Soziologin Dr. Heike Diefenbach aus der Online-Enzyklopädie ausgegrenzt worden, weil ihr wissenschaftlicher Beitrag nicht mit der feministischen Ideologie in Übereinkunft zu bringen war. Wer politisch nicht nachweislich links steht, muss offenbar generell damit rechnen, durch gehässige Einträge in der deutschen Online-Enzyklopädie gemobbt zu werden: Beispielsweise hatte in der Zeitschrift „The European“ die Journalistin Heather De Lisle, Anhängerin der US-amerikanischen Republikaner, beklagt, dass sie in der Wikipedia einem Rufmord ausgesetzt gewesen und es ihr nicht einmal gelungen sei, dort die korrekte Schreibweise ihres Namens durchzusetzen. „Verleumdung gehört nun mal zum Geschäft bei Wikipedia“ zog De Lisle im „European“ als Fazit.

Inzwischen wird der Ausbau der feministischen Ideologie in der Enzyklopädie weiter vorangetrieben. Am 28. August 2012 äußerte sich die Feministin Julia Kloppenburg, Projektassistentin des Vereins Wikimedia, im Wikimedia-Blog mit dem folgenden Statement: „Viel Wissen, auf welches heute am ehesten zugegriffen wird, ist aus einer weiß-männlich dominierten Wissensproduktion heraus entstanden. Bis heute bleibt dieses Wissen unmarkiert im Gegensatz zu anderen Wissensproduktionsformen, so gibt es 'Geschichte' dann zusätzlich als 'das Andere', aber mittlerweile beispielsweise Black History oder feministische Geschichte. In der jetzigen Verfasstheit der Wikipedia scheint es vorprogrammiert zu sein, dass weiterhin eher weiß-männliches Wissen wiedergegeben wird und alles, was dem widerspricht, noch umkämpfteres Terrain ist als ohnehin schon.“ Kloppenburg forderte die Einsetzung von „Awareness-Teams“ mit „Diskriminierungsbeauftragten“ in der Wikipedia, die als „Radar“ fungieren und „die Vorgänge auf Wikipedia beobachten und dokumentieren“ sollten, was allerdings voraussetze, „dass ein solches Team für die Themen sensibilisiert und/oder geschult ist“. Zudem lehnt Kloppenburg die Verwendung des generischen Maskulinums – also die gültige Rechtschreibung und Grammatik – in der Wikipedia ab; selbst verwendet sie in ihrem Beitrag Schreibweisen wie „Autorin_nen“ (sic!) und „Frauen*“ mit Unterstrichen und Sternchen als Bestandteil der Wörter. Die Vorstellung, dass in der Wikipedia zukünftig auch noch darüber gestritten wird, wohin in den jeweiligen Lexikoneinträgen solche Sonderzeichen gehören, dürfte nicht nur Antifeministen gruseln.

Internet

Genderama: Wikimedia erklärt sich mit Feministinnen auf einer Linie

Kritische Wissenschaft: Aufruf zum Spendenboykott der Wikipedia

The European: Ist der Ruf erst ruiniert


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