22. August 2012

Merkel Riot Putin, der Elefantenmensch

Die Scheinmoral des guten Blicks, 's ist einfach und es kostet nix

Es ist immer gut, einen Packen der besonders in politischen Kreisen sehr beliebten Spielkarten aus dem „Feindbild“-Verlag vorrätig zu haben, wenn die heimische Pokerrunde um Macht und Moneten mal nicht so läuft wie erhofft. Wenn die Partygäste sich über unentwegte Verluste beschweren und dem Gastgeber zurecht vorwerfen, das Spiel manipuliert und gezinkte Karten ausgegeben zu haben, sollte man über ein breites Spektrum gut ausgearbeiteter Strategien verfügen, um grimmige Blicke vom Pokertisch ablenken zu können.

So hat sich nun auch Angela Merkel, Pressesprecherin Transozeaniens und Vorzimmerdame der Vomackermacher, einmal ganz entschieden zum Pfuiteufel-Urteil gegen die drei Damen vom Putingrill geäußert. Die Rechtsprechung, igitt, primitiver russischer Hinterwaldjuristen stehe, so der verbale Pussy Riot Merkels, nicht im Einklang mit europanischen, nein, USurpäischen, auch nicht, eumerikeuschen, ach, sagen wir einfach, Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zivilisatorisch weit überlegener, moralisch viel reiferer Geseilschaften.

Da ich als Bewohner eines solchen von christlichen Werten gesättigten und tief durchdrungenen Landes, in dem hochrangige Kirchenvertreter und Reporter ohne Schamgrenzen junge Frauen mit medialem Hirnschiss bewerfen und ermahnen, sie möchten doch bitte Reue zeigen und zur öffentlichen Selbstkasteiung schreiten, wenn sie Gefühle für falsche Menschen und andere Gottlose entwickeln, gemäß den tradierten Werten immer gerne auch das andere Ohr hinhalte, um zu lauschen, was sonst so in der Welt geschieht, wurde ich etwas stutzig.

Zunächst mal aufgrund eines mit der kritisierten Rechtsprechung merkwürdig artverwandten Paragraphen aus dem hiesigen Strafgesetzbuch, Paragraph 166 Strafgesetzbuch: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (Paragraph 11 Absatz 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Bis zu drei Jahren. Wumms.

Natürlich kann man sich darüber streiten, ob das verhängte Strafmaß wirklich angemessen ist. Herrje, es sind doch nur drei junge Mädels, die sich ein bisschen ausgetobt haben. Sie wollten damit, heißt es, gegen antidemokratische Tendenzen, gegen ein autoritäres System protestieren und für mehr Freiheit kämpfen. Auch ich finde das Strafmaß übrigens überzogen und bin der Meinung, dass man junge Leute – wer von uns hat in seiner Jugend nicht die eine oder andere Transgression gewagt, um, aus welchen Motiven auch immer, gesellschaftliche Regelwerke zu kitzeln – nicht gleich so hart angehen sollte.

Das ist aber nicht der Punkt. Entscheidend ist die mediale Ausschlachtung und Instrumentalisierung des Vorfalls, hinter der teilweise noch ganz andere Motive zu stecken scheinen als bloße Sympathie für jugendlichen Protest – siehe untenstehende Links „Wer hinter Pussy Riot steht“ sowie „Who or what is Russia's Pussy Riot?“. Im Kontext dieser beiden Artikel  dürfte interessant sein, dass erst vor wenigen Wochen dem russischen Staatschef unter großem Getöse vorgeworfen wurde, er wolle angeblich NGOs (Nichtregierungsorganisationen) verbieten. Wenn das kein Beweis für die politische Radikalisierung unter Putin ist! Vorsicht bitte: Nicht überall, wo NGO draufsteht, ist auch Unabhängigkeit drin.

Manchmal verbergen sich ganz andere Zielsetzungen dahinter. Zum Beispiel diejenige, eine Regierung  ganz gezielt in Misskredit zu bringen oder zu destabilisieren, die die Eroberungs- und Beutekriegspläne einer völlig außer Rand und Band geratenen, hochgradig korrupten und kriminellen politischen und merkantilistischen Führungsschicht, die ihre Weltherrschafts-, -gängelungs- und kontrollpläne mit Zähnen, Klauen, Bomben, Drohnen, Al-CIAda-Söldnern und angeheuerten islamistischen Freelancern durchprügeln will, nicht mehr länger hinzunehmen gewillt ist. Auch China bereitet der zunehmend aggressive, durchaus schon als extremistisch zu bezeichnende Staatsterrorismus und militärische „Amoklauf“ des „Westens“ – Westen steht dabei für die NATO unter Führung der USA – große Sorgen. Entsprechend deutliche Warnungen wurden von chinesischer Seite bereits ausgesprochen, und sie sind verständlich und auch berechtigt.  

Diverse Blogs sollten sich neunmalkluge Ermahnungen deshalb allmählich sparen. Man solle, wird dort wieder einmal als ganz große Weisheit ausgegeben, keinem „einseitigen“ Denken anheimfallen, keinen eindimensionalen „Antiamerikanismus“ oder ganz allgemein „westlichen Selbsthass“ verbreiten. Da ich nur für mich sprechen kann: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sofort dem „Westen“ die Schuld geben, wenn in einer südchinesischen Provinz ein Kind vom Fahrrad fällt, bin aber politisch und historisch auf jeden Fall gebildet genug, zu wissen, dass die, pardon, steindumme „Gut-und-Böse“-Propaganda, mit der wir ja nicht erst seit dem Libyen-Krieg unablässig gefüttert werden, auch kein sonderlich differenziertes Bild geopolitischer und -strategischer Interessenskonflikte abgibt. Soviel zu den schlaumeiernden Hinweisen, es gehe ja auch in Russland nicht alles mit rechten Dingen zu und auch China sei kein Freidenkerparadies. Danke. Alleine wäre ich darauf ja nie gekommen.

Warum also, muss man sich fragen, richtet Angela Merkel nun so drastische Worte an Wladimir Putin?  Liegt der Fall vielleicht viel einfacher, viel banaler? Ist das womöglich nur wieder eine dieser Jahrmarktsattraktionen, um den Blick der Masse auf einen grell überschminkten Elefantenmenschen zu richten, damit bloß nicht auffällt, dass neben dem eigenen Schuld- und Schuldenbuckel ein Quasimodo wirken muss wie ein Supermodel?

Interessant auch, warum Merkel nicht ebenso deutliche Worte zur unfassbaren Arroganz Großbritanniens gegenüber der diplomatischen Vertretung eines kleinen südamerikanischen Landes findet. Dort nämlich, in der Botschaft Ecuadors, hält sich Julian Assange auf, der sich für ein Verhalten verstecken muss, das eigentlich jeder Mensch mit Verstand an den Tag legen sollte: Aufdeckung staatlichen Schweinkrams! Bravo! Weiter so! Endlich unternimmt mal einer was gegen Kinderpornographie!

Wieso kein Wort über die unmenschlichen Verhältnisse in Guantánamo und anderen über die Welt verteilten Geheimgefängnissen, in denen – angebliche – Terroristen auf die Folter gespannt werden? Kein einziges aufstandsanständiges Wort zur schändlichen Behandlung Bradley Mannings?

Oder ist das mit den gemeinsamen Werten besser vereinbar?

Links

Wer hinter Pussy Riot steht

Who or what is Russia's ‚Pussy Riot’?


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