20. August 2012

Wissenschaftsblog „Deutsche Wikipedia wird als Plattform von Ideologen missbraucht“

Indizien sprechen für bezahlte Auftragsarbeit in Online-Enzyklopädie

Das von dem Bildungsforscher Michael Klein geführte Blog „Kritische Wissenschaft“ stellt eine zunehmende ideologische Ausrichtung von Einträgen in der deutschen Sektion der Internet-Enzyklopädie Wikipedia fest. So ergaben exemplarische Gegenüberstellungen von Beiträgen in der deutschen Wikipedia mit Beiträgen zum selben Thema im englischen Vorbild, dass die deutschen Einträge von der feministischen Ideologie verzerrt und einseitig dargestellt werden. Solche Misstände waren vor allem bei Wikipedia-Einträgen zu Geschlechterthemen aufgefallen. Dass dies seit einiger Zeit problemlos aufrechterhalten wird, legt allerdings nahe, dass es in der Online-Enzyklopädie auch bei anderen Themen mit dem „Neutral Point of View“, mit dem sich die Wikipedia gerne brüstet, nicht weit her ist, sondern stattdessen Ideologen auf die Online-Enzyklopädie massiven Einfluss nehmen.

Den Darlegungen in „Kritische Wissenschaft“ zufolge wächst sogar der Verdacht, dass die Manipulationen der Wikipedia-Einträge von Interessengruppen als bezahlte Auftragsarbeit finanziert werden. So weist Michael Klein darauf hin, dass ein einzelner Wikipedianer in einem Zeitraum von 44 Tagen 2.500 Einträge, Änderungen, Meldungen und Diskussionsbeiträge durchführte, womit der Betreffende rund zehn Stunden am Tag ausschließlich mit der Wikipedia beschäftigt gewesen sein müsse. Ein Wikipedia-Protokoll der ausgeführten Arbeiten zeigte, dass diese Tätigkeit sowohl wochentags als auch am Wochenende zwischen 9:00 Uhr und 10:00 Uhr morgens aufgenommen und mitunter erst nach 3:00 Uhr morgens wieder beendet wurde. All das legt für Klein den Verdacht nahe, dass hier in Wahrheit ein Kollektiv tätig sei. Nachdem dieser Verdacht laut wurde, zog beziehungsweise zogen sich der oder die betreffende(n) Wikipedianer in einem melodramatischen Abgang, begleitet von Faschismusvorwürfen, aus der Online-Enzyklopädie zurück. Im Anschluss daran wurde augenblicklich die Einrichtung eines von der Wiki-Stiftung bezahlten „Antidiskriminierungsrates“ gefordert. Michael Klein zufolge begünstigt die Wikipedia durch ihr Prinzip der Anonymität aller Beitragsleistenden manipulative Eingriffe stark.

Zu den Misständen, die eine Analyse der so intensiv bearbeiteten Wikipedia-Einträge ergab, gehören Diffamierungen und verleumderische Darstellungen von politischen Minderheiten und politisch unliebsamen Personen sowie eine Verwendung von ideologischen Kampfschriften als Beleg von Tatsachenbehauptungen – und zwar auch in Fällen, in denen Fachleute diese Schriften längst als pseudowissenschaftlich zerpflückt hatten. Von anderen Wikipedianern eingebrachte Verweise auf diese Demontagen wurden aus den Wikipedia-Einträgen regelmäßig getilgt. Tatsächliche Experten in einem Fachbereich wie die Soziologin Dr. Heike Diefenbach wurden an der Mitarbeit in der Wikipedia gehindert, weil ihre Arbeit wissenschaftlichen Standards, aber nicht der feministischen Ideologie entspricht. In einem besonders eklatanten Fall ließen feministische Wikipedianer Hunderte internationaler Studien aus dem Wikipedia-Eintrag zu häuslicher Gewalt verschwinden. In einem weiteren Fall löste ein Wikipedianer das Problem, dass es für seine Thesen keine unterstützende Literatur gab, auf kreative Weise: Er verfasste diese Literatur selbst und ließ sie dann von Gesinnungsgenossen als „Quelle“ in die Wikipedia einbinden. Es war derselbe Wikipedianer, der die Einrichtung eines bezahlten „Antidiskriminierungsrates“ in der Wikipedia forderte.

Dass solche Abenteuerlichkeiten bis heute Bestand haben, wird durch eine weitere Praktik gesichert: Missliebige Personen, die die Ideologisierung der Wikipedia intern kritisierten und die Enzyklopädie wieder einem „Neutral Point of View“ zuführen wollten, wurden über ihre IP zügig für unbefristete Zeit gesperrt. Das Problem liegt also nicht mehr wie bisher darin, dass in der Wikipedia schlicht Menschen mit unterschiedlichen Meinungen in Konflikte geraten. Stattdessen werden diffamierende Darstellungen und willkürliche Benutzersperren von offenbar entsprechend ideologisierten Administratoren der Wikipedia gestützt. In Online-Foren, wo diese Entwicklung diskutiert wird, ist inzwischen von einem „Filz von Administratoren und Benutzern, die Partei ergreifen und sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen“, die Rede.

„Da Wikipedia als öffentlich zugängliche Informationsquelle dienen will“, argumentiert Michael Klein, „ist die Richtigkeit der Artikel von allgemeinem Interesse, ebenso wie es von allgemeinem Interesse ist, dass die Artikel der Wikipedia keine ideologischen Pamphlete darstellen“. Während die Wikipedia-Stiftung mit großem Eifer engagiert sei, wenn es um das Sammeln von Spendengeldern gehe, habe sie zu seinen Hinweisen seit Wochen keine Stellung genommen und glaube offenbar, „Kritik und Hinweise auf Fehlentwicklungen aussitzen zu können“.

 Vor diesem Hintergrund nimmt der Unmut über die Online-Enzyklopädie immer mehr zu. Für einiges Aufsehen sorgte etwa die Publikation eines Offenen Briefs von Michael Klein und dem eigentümlich-frei-Mitarbeiter Arne Hoffmann an den Wikipedia-Begründer Jimmy Wales. Dieser Brief, der den kläglichen Zustand der deutschen Wikipedia im Vergleich mit ihrem englischsprachigen Vorbild bemängelte, wurde bereits von mehreren Websites übernommen. Aktuell stellt das Blog „Kritische Wissenschaft“ ein Banner zur Verfügung, das gegen die zunehmende Ideologisierung der Wikipedia protestiert und das sich jeder herunterladen und in eine eigene Website einbinden kann.

Link

Kritische Wissenschaft: Die Wikipedia-Files


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