20. August 2012

Eurozerrettung Fischers Joschka fischt tote Fische

Um Schuld und um Schuld und um Schuld herum

Gibt es eine mehrere Generationen umspannende Sippenhaftung für Verbrechen der Vergangenheit? Muss ein 18-jähriger, der heute seine Fahrprüfung ablegt, einige Zehntausend Euro Risikozulage für den Lappen drauflegen, weil sein Großvater vor vielen Jahrzehnten in eine Massenkarambolage verwickelt war? Sind heutige Kinder, Jugendliche oder Mittdreißiger, die sich angesichts der durch die Eurozerrettung – oder auch: Sozialisierung der Folgekosten einer auf unvernünftige, überhastete Weise und trotz besseren Wissens erzwungenen Währungsunion – für sie entstandenen Mehrbelastungen der nahen Zukunft berechtigterweise einige Sorgen machen, Erbsenzähler mit kleinkarierter Buchhaltermentalität? Müssen sie sich wirklich ermahnen lassen, sie sollten in puncto Zahlungsbereitschaft für das Projektil Euro (nein, nicht Projekt) doch bitte nicht so kleinlich sein, schließlich wären auf Deutschland noch ganz andere Reparationsleistungen zugekommen, hätte man wirklich gründlich dessen Kriegsschuld und die für Europa dadurch entstandenen Folgeschäden abgerechnet?

Der unverzichtbare Wirtschaftsweise, Elder Statesman und brillante Denker Joschka Fischer, dessen größte Karriereleistung darin bestand, auf den ohnehin von jedem Grundschüler leicht zu durchschauenden Photoshop-Trick mit Husseins Massenvernichtungswaffen nicht hereinzufallen und der sich heute, als Außenminister a.D., ab und an mit lauwarm dahinsprudelnden Wellnessfloskeln sanft in die Euro-Diskussion und die öffentliche Wahrnehmung massiert, aber auch gerne mal den rhetorischen Wachturm hochhält, damit er nicht völlig in Vergessenheit gerät, hat diese Frage, so ganz für sich, mit einem klaren „Ja“ beantwortet. „Der Euro ist viel mehr als ein Symbol. Und die Tatsache, dass wir für Europa bezahlen, halte ich für richtig, denn wir sind seine größten Gewinner. Zudem: Was hat Europa für uns nicht alles bezahlt! Es wird ja völlig vergessen, dass es 1952/53 eine Londoner Schuldenkonferenz gegeben hat, dass es keinen Friedensvertrag gegeben hat. Sonst hätten wir für alle Schäden, die wir vor 1945 angerichtet haben, noch weitaus mehr zahlen müssen. Insofern besteht wirklich kein Anlass, hier jetzt in buchhalterische Kleinkariertheit zu verfallen.“

Da war es wieder, das abgeschmackte Spiel mit der historischen Schuld, der wohlkalkulierte Appell ans deutsche Kriegsschuldtrauma, der nationalistisch-souveränitistisch-geschichtsvergessene Anti-Euro-Hassprediger und ganz allgemein „uns“ höchst schuldbeladene Europarty-Pooper zu betreten schweigendem Sparschweinschlachten motivieren soll. Schämt euch, fühlt euch schlecht und zahlt gefälligst. Da war sie wieder mal, die gar nicht so subtile Andeutung einer angeblichen Notwendigkeit ewiger Buße zur Legitimierung jedes noch so großen Blankoschecks, mit dem das schiefe Konstrukt Währungsunion – nicht Europa! – mit aller Macht in etwas umgebogen werden soll, das kompetenter Architektur zumindest aus großer Entfernung ähnlich sieht. Nebenbei: Was bedeutet „abgeschmackt“ eigentlich? Synonyme laut Wiki: „Abgestanden, banal, fade, flach, geistlos, geschmacklos, hohl, kitschig, platt, schal, töricht.“ Wow. Jedes Wort ein Volltreffer.

Wo ökonomisch fundierte, sachkundige Argumente Mangelware sind , muss man eben einen Köpper in die Vergangenheit machen: Dann müssen Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg als Moralinspritze herhalten, um jeden noch so großen Unsinn, jede noch so krasse und selbst von den größten Euro-Befürwortern längst nicht mehr geleugnete Fehlentscheidung in Sachen Zerrettungspolitik, jeden noch so fatalen politischen Starrsinn als kollektivdeutsches ethisches Erfordernis, als unhinterfragbare Bringschuld deutschen Gewissens auszugeben. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis man in solchen, die Geschichte buchhalterisch-zweckirrational verwaltenden und europolitisch bauernschlau ausschlachtenden Kreisen wahrscheinlich von „Europawandelleugnern“ spricht.

Nur: Was kann die heutige „Generation Schadensbegrenzung“ dafür, die, sollte so weiterzerrettet werden wie bisher, für die Fata Morgana Euro wahrscheinlich finanziell ausbluten wird wie ein abgestochenes Spanferkel? Wie will man ihr noch glaubhaft erklären, sie bräuchte die Einheitswährung angeblich zur Überwindung nationalistischer Ressentiments, Vorurteile und Borniertheiten, obwohl sie doch deutlich sichtbar das Gegenteil bewirkte? Ist es nicht eher umgekehrt? Führt ein sturköpfig und mit Hilfe finanzieller Artillerie napoleonesk erzwungenes „Zusammenwachsen“ vielleicht zum Gegenteil des Gewünschten und Ertagträumten, nämlich gerade dem Wiederaufbrechen „alter Wunden“, wie es sich in besonders krisengeschüttelten Ländern bereits beobachten ließ?

Sturköpfig? Antidemokratisch gar? Keine Spur, meint Fischer: „Wir haben ein repräsentatives System, und wir haben ein föderales System. Es wird bei uns dauernd abgestimmt. Es ist also nicht so, dass wir ein Defizit an Mitbestimmung hätten, dass über die Köpfe der Bürger hinweg gehandelt würde.“ So weit zur papiernen Theorie – Fischer scheint den einen oder anderen Blick in Grundgesetzbuch und Verfassung geworfen zu haben, gibt'n Fleißpunkt – von der die Praxis zwar nicht immer, aber immer öfter abzuweichen neigt. Die Mitbestimmung findet ja oft hinter verschlossenen Türen oder vorgehaltenen Händen auf Gipfelchen statt, unter Ausschluss der menschlichen Geldautomaten, die man euphemistisch „Bevölkerung“ nennt. Ganz zu schweigen davon, dass Bundestagspräsidenten sich auch schon mal Schelte einfahren, weil sie repräsentativen Dissidenten Redezeit gewähren. Kein Wunder, dass viele Schüler nicht mehr zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden können. Ich wage zu bezweifeln, dass es nur an Dummheit oder Unbildung ihrerseits liegt. Vera Lengsfeld traf den Nagel auf den Kopf, als sie den Bundestag mit der DDR-Volkskammer verglich. „Provokanter Vergleich!“, hieß es sofort in einigen Blättchen, kurz bevor sie durch das Einwickeln von Fischen qualitativ kräftig aufgewertet wurden.

In einem Punkt hat Fischer zwar durchaus recht: Das Krisenmanagement Merkels und Schäubles war wirklich nicht das allerglücklichste und hatte sicher auch seinen Anteil am Euro-Verdruss. Aber um das zu wissen, brauche ich keinen Joschka, der gerne in der Vergangenheit fischt, weil ihm überzeugende Argumente pro Sommerschlussverkauf fehlen.

Link:

Joschka Fischer: „Merkel für Europafeindlichkeit in Deutschland verantwortlich“


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