13. August 2012

Naziwahn „Ich kann nich‘ mehr, seltsame Stimmen aus jeder zweiten Toilette!“

E-Mail eines erbosten Zeitinsassen

Heute erreichte mich eine E-Mail eines gewissen Erwin Brügel-Knabe, von Beruf Sanitärinstallateur. Ich fand seine Bemerkungen ganz erfrischend und auch sehr amüsant, weshalb ich sie der Leserschaft nicht vorenthalten möchte – vor allem, weil sie etwas Licht in den derzeit wieder einmal grassierenden Nazispuk werfen können. Auf meine Frage, ob ich seinen Namen nicht lieber ändern solle – bei Äußerungen dieser Deutlichkeit stünden schließlich existentielle Konsequenzen zu befürchten – wiegelte der alte Knabe jedoch ab: „Wissense, ich geh‘ sowieso bald innen Ruhestand. Ich hab‘s satt, drauf gepfiffen. Sollen die doch meine Rente zwangsversteigern, wenn‘s ihnen nich‘ passt“.

Hier die Mail in ganzer Länge und im Original-Wortlaut:

„Hallo, mein Name is Erwin Brügel-Knabe, ich arbeite als Sanitärinstallateur bei ‘ner großen Firma, nen Job, bei dem ich viel rumkomm‘. In ganz Deutschland hab‘ ich schon gewerkelt, Badezimmer eingerichtet, Wannen, Duschen, Waschbecken und so weiter, Toiletten natürlich auch, eine nach‘er annern. In jüngster Zeit häufen sich schon wieder diese merkwürdigen Vorfälle, is‘ ja nich‘ das erste Mal, aber so langsam hab ich die Schnauze echt voll. Seit mehreren Wochen bekomm ich schon wieder ständich Anrufe von Journalisten, die sich über seltsame Stimmen aus ihren Redaktionstoiletten beklagen.

Wenn ich dann vor Ort eintreff‘ und die Anlagen überprüf‘, find ich aber nüscht. Nur‘n paar braune Bremsstreifen, weil irgendjemand wieder zu faul war – kennt man ja – auch mal die Klobürste inne Hand zu nehmen. Ich sach, tut mir leid, ich hör keine Stimmen, nein, auch kein ‚Heil Hitler!‘ oder so, da sind nur Bremsspuren. Die kullern dann immer ganz komisch mit den Augen und schauen mich an, als käm‘ ich vom Mars, oft krieg‘ ich auch vorgeworfen, ich sei wohl Teil einer deutschlandweiten Neonazi-Verschwörung, NSU und so. Ich sach, ja Moment, das war doch der Verfassungsschutz, deshalb ham die ja auch gleich die Akten geschreddert, wer weiß denn schon, was nu‘ wirklich dahintersteckte, is ja nie richtich aufgeklärt worden. Dann werden die aber erst recht sauer. Ich wolle es wohl nich‘ hör‘n, ob ich denn taub wär, es wär doch ganz deutlich. Ich sach, nee, ehrlich nich‘, ich hör‘ nüscht. Zuerst hat mir das natürlich ‘ne Heidenangst eingejacht, denn ich bin Sanitärinstallateur, kein ausgebildeter Psychiater, also wie soll ich mit solchen Irren umgeh‘n, die ihre eigenen Defäkationsgeräusche mit Nazichören verwechseln?

Mittlerweile isses wieder mal so schlimm, dass fast jede zweite Redaktionstoilette angeblich von solchen Stimmen heimgesucht wird. Ich komm‘ ja nich mehr hinterher. Naja, hat zwar auch was Gutes, wir ham deshalb neu eingestellt. Aber nich‘ nur ich, sondern auch die Kollegen, gerade die jüngeren, ham keine Lust mehr, sich ständich als Rechtsextremisten beschimpfen zu lassen, nur weil se nich‘ unter Halluzinationen leiden. Die Kleinen kriegen‘s dann wieder ab, die nur ihren Job machen, die großen, echten Extremisten kommen davon. War ja schon immer so.

Wissense, der Putin zum Beispiel, ich weiß, gehört jetz‘ nich‘ direkt zum Thema, aber das muss mal raus, der Putin is‘ der ganz böse Autokrat, total undemokratisch, schon klar, während sich bei uns die größten Autokraten und denkbar undemokratischsten Steuersünder und -verbrecher ja leider nich‘ selber anzeigen, sondern als Rettungssanitäter tarnen, obendrein untertänigst arschgeküsst von denselben Schreibnutten, die Stimmen aus ihrem Klo hör‘n und mir dann ständig erzählen woll‘n, wie beliebt doch die Führer beim Volk wär‘n. Wie glaubhaft is‘ das denn? Als wüsst ich‘s nich‘ besser. Fragense mal meine Kollegen, also ich kenn‘ keinen, keine Sau, niemanden, der wirklich hundertpro zufrieden wär mit den Spinnern da. Was macht man gegen diesen Extremismus? Nüscht. Muss ja nich‘ immer Links- oder Rechtsextremismus sein, man kann ja auch mal gegen extreme Dummheit vorgehen, aber nix passiert.

Aber wehe einer sacht ma‘ ‚zurückgeritten‘, schon hagelt‘s in allen Klugscheißerblättchen aufklärungsbeflissene Hinweise auf‘n geschichtlichen Ursprung, wo das herkommt, als hätt‘ ich nie ‘ne Schule besucht. Derselbe Wortlaut überall, wennse mich fragen, sind die alle geklont, alles Dollyschafe, oder vielleicht schreibense auch nur voneinander ab oder sind wikipediasüchtig. Aber jetz‘ sagen se denen mal, wisster was, irgendwie kommt ihr mir extremer vor als die annern, nee lassenses lieber. Ich versteh‘ wie gesacht nich‘ viel von Psychologie, aber eins versteh‘ ich: dasses in Deutschland grade ‘ne kleine Gruppe inne Medien und auch im Bundestach gibt, und die sind die wahren Verrückten, nur merkenses nich‘. Das is‘ wie ‘ne geschlossene Anstalt, wo alle Insassen glauben, nur sie wär‘n normal und die ganze restliche Welt verrückt. Zurückgeritten, mein Gott, das war‘n Scherz. Habter das nich‘ mitgekricht? Deshalb häng‘ ich mir doch nich‘ gleich nen Hitlerfoto ins Wohnzimmer. Dann geht ‘ne Ruderin ‘ne Beziehung mit jemanden ein, den die nich‘ mögen, schon rufen se mich wieder an und jammern, Herr Knabe Herr Knabe, ich halt die Stimmen ausser Toilette nich‘ mehr aus, die spielt jetz‘ sogar Wagners Walkyrenritt. Oh man. Ich sach nur ‚Aklopalypse Now!‘.

Und dann sacht so ‘ne junge Maus ‚Arbeit mach‘ frei‘, zack, Job wech. Auch die Assistentin, die so ‘nem zugenähten Anus von Anrufer geraten hatte, Mensch, nehmenses doch mit Humor, wuppdich, ab vor die Tür. Wieso hat man da nich‘ ersmal gerüffelt? Sorgense bitte dafür, dass sowas nich‘ mehr vorkommt? Das könnt‘ ich ja noch verstehn. Nee, muss natürlich gleich der Job wech. Warum? Weil man wär ja ganz stark gegen Rechtsextremismus engagiert. Gong!

Nen Bekannter von mir is Ami, der fasst sich an den Kopf. Ob wir keine annern Probleme hätten, fracht der mich, bei uns entsteht grade nen totalitärer Überwachungs-, nen faschistischer Polizeistaat, alle werden überwacht und abgehört und jetz‘ Videostars, pausenlos fallen Bürgerrechte Beschneidungsgesetzen zum Opfer, und Krieg Krieg Krieg und Propaganda 24 Stunden am Tach, wie in dieser Fernsehserie. Und was euern eigenen Extremismus angeht, diese Brüsseldiktatur, dagegen mal was zu sagen, habter auch keine Eier. Ihr haut lieber zwei jungen Frauen das Dach überm Kopp wech und lasstes anner Ruderin aus. Was is‘ mit den wahren Extremisten? Werden DIE gleich gefeuert? Irgendwie werd ich aus euch Krauts noch immer nich schlau.

Jo, sach‘ ich ihm, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind ja auch alle sauer, aber keiner sacht was, ‚kann man ja nich‘ offen sagen, sonst is‘ man gleich Nazipopulist‘. Mir macht das ja nüscht mehr, ich geh‘ eh bald in Rente, drauf gepfiffen. Ich hab auch schon den Schreibnutten gesacht, wisster was, rührt doch morgen früh einfach mal weniger LSD innen Kaffee, dann hörter auch keine komischen Stimmen mehr und seht wieder nen bisschen klarer.

MfG,

Erwin Brügel-Knabe“


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