19. Juli 2012

Euro-Zwischenbilanz Öfter mal was Altes

Nightmare on Debt Street – Folge X

Was Platon wohl zum derzeitigen Zustand der EU zu sagen hätte? Vielleicht würde er sich beim Anblick des politischen Führungspersonals schmunzelnd an sein Höhlengleichnis erinnern. Vielleicht würde er aber auch deprimiert zu harten Drogen greifen – so habe er sich das ja eigentlich nicht vorgestellt mit der weltlichen Umsetzung der reinen Ideen. Welch unästhetische Folgen manche Ideale doch haben können, werden sie nur stur genug ins Reich der Lebenden gezwungen. Koste es, was es wolle! Francis Bacon wiederum würde wahrscheinlich argumentieren, die Wahrnehmung der Politiker sei von zu vielen falschen Idolen besetzt, die ihnen eine klare Erkenntnis der Situation verwehrten. Und der Weltmeister im Schurkentilgungsmarathon, John McClane? Er würde das ganze Euro-Chaos wohl mit einem lässig an der Zigarette im Mundwinkel vorbeigeschobenen „Yippie Ki-yay, Motherfucker!“ kommentieren.

Eigentlich wollte ich auch auf den „Libor“-Skandal näher eingehen, aber das lohnt nicht. Denn dass man täuschen, tricksen, lügen und kräftig manipulieren muss, um die Folgen eines desaströsen Falschgeldsystems möglichst lange vertuschen zu können – aus höchst berechtigter Angst, die Leute könnten sonst ganz schnell ihr Vertrauen in das ungedeckte Dünn&Dürftig-Ponzipopopapier verlieren und in echte Werte flüchten –, ist doch versteinerter Kaffee. Kenner der Funktionsweise dieses Geldwesens wissen das längst und haben sich, an-dau-ernd quertreibend, aufrichtig bemüht, ihre Mitmenschen darüber aufzuklären. Aber welcher politisch korrekte Mensch hört schon gerne auf den Rat niederste Instinkte bedienender Rechtsextremisten oder, was den Widerstand gegen den europäischen Schuldenfallen-Mechanismus betrifft, deutschnationaler „Souveränitisten“, wie Volker Beck vom Schrecknis 90/Die Lügner die Kläger auf hierzulande ja einschlägig bekannte, gewohnt totschlagwortonanierende Art zu beflecken trachtete? So nicht, mein Libor. Sei‘s drum, den Klägern dürfte es egal sein. Was kratzt es denn die Eiche, wenn Zwergpudel sich ein bisschen an ihr reiben?

Es ist der größte Hohn, der perfideste, abgefeimteste Trick, die denkbar unverschämteste Tatsachenverdrehung, zu fordern, die Staaten Europas sollten mehr und mehr Haushaltssouveränität bei der Brüsseler NWO-Zweigstelle abgeben und als Begründung anzugeben, es habe sich doch eindeutig gezeigt, dass sie zur Bewältigung der Krise alleine nicht in der Lage seien. Einer Krise, die gerade durch das Euro-Benzin ja erst richtig Flammen schlug. Niemand sollte mehr auf die dreiste Lüge hereinfallen, ohne den Euro hätte es keine europäische Integration gegeben. Das Gegenteil ist der Fall. Ohne den Euro wäre sie höchstwahrscheinlich sehr viel gedeihlicher voran- beziehungsweise schon viel weiter fortgeschritten. Dazu hätte es gar keiner Einheitswährung bedurft, die noch mehr Ungleichgewichte zwischen vielen Staaten Europas, mehr wirtschaftliche und damit auch soziale Not, mehr Ungerechtigkeit geschaffen hat, als Europa stärker zusammenzuführen. Auch wenn man sich natürlich darüber streiten kann, ob die staatlichen Verschuldungs- vulgo Wählerbestechungs- oder auch in Geldgeschenkpapier gewickelten Wahlmanipulations- und Massenverarschungsorgien ohne den Euro lediglich etwas länger gebraucht hätten, um ihr ganzes „demokratisches“ Entwöhnaroma zu entfalten und das OneClick™-Schuldgeldmehrungs-Komasaufen des Bankensystems nicht ohnehin irgendwann für den erwartbaren Monsterkater gesorgt hätte.

Glücklicherweise scheinen immer mehr Menschen zu bemerken, dass sie einem großen Betrug aufgesessen sind, dass man sie unverfroren abgezockt hat. „Ohne Eurozone können wir nicht gemeinsam unsere Werte, unsere Vision, unsere Ideale präsentieren“, so Angela Merkel. In Spanien zeigt sich nun immer deutlicher oben erwähnter Vertrauensverlust in die visionäre Präsentation gemeinsamer Ideale: Schon im ersten Quartal 2012 sollen laut Angaben der spanischen Zentralbank mehr als 120 Milliarden Euro von Investoren, Unternehmen und privaten Anlegern abgeflossen sein. Die Kapitalflucht mache insgesamt (aufs Jahr hochgerechnet) ungefähr 50 Prozent des BIP aus. Die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Man benötigt also keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorhersehen zu können, dass es bei den bisher veranschlagten 100 Milliarden an Hilfsgeldern wahrscheinlich nicht bleiben wird. Noch vor der Auszahlung der ersten Tranche wurde jetzt bekannt, dass statt 100 wohl eher 155 Milliarden nötig sein dürften. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Analog zu Griechenland kann man also Wetten abschließen, wie lange es wohl dauern wird, bis die spanische Regierung und die dortigen Banken zugeben müssen, sich „verrechnet“ oder die Lage nicht „ernst genug“ genommen zu haben und ein paar tausend Millionen zusätzlich überwiesen werden müssen.

Dazu kommen erwartungsgemäß einige weitere Kandidaten: Die öffentliche Verschuldung Belgiens liegt bei etwas über 100 Prozent des BIP, sie stieg auf 377 Milliarden Euro – trotz korrekt berechneter Krümmungswinkel von Bananen und Gurken. Zypern wird sich demnächst wohl doch unter den Rettungsschirm stellen, Frankreich droht ein gewaltiger Stellenabbau von bis zu 80.000 Arbeitsplätzen mit allen zu erwartenden Folgen für die französische Volkswirtschaft und somit natürlich auch den ohnehin schon fragilen Staatshaushalt – Präsident Hollande hat bereits eine drastische Erhöhung der Vermögenssteuer angekündigt –, Slowenien wird schon als nächster „Bailout-Kandidat“ gehandelt, auch Griechenland meldet sich mal wieder zu Wort: Noch vor der nächsten Auszahlung aus dem Hilfspaket könnte dem Land, Götz von Berlichingen nochmal, das Geld schon wieder ausgehen.

Yippie Ki-yay, Scripted Reality.


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