04. Juli 2012

ESM Das Bundesverfassungsgericht als Marginalie auf dem Weg zur Knechtschaft

Es gauckelt und schnarrt in deutschen Landen, gehüllt in den Dunst von greisen Granden

Helmut Schmidt ist 93. Als ehemaliger Kanzler dieses Landes bezieht er eine stattliche Pension, verdient mit regelmäßigen Vorträgen bescheidene Sümmchen dazu, war publizistisch bei der „Zeit“ tätig und vieles mehr, kurz: Er muss sich gewiss keine Sorgen mehr um sein Auskommen machen. Man könnte auch flapsig sagen, er habe es „hinter sich“. Im Gegensatz zur jungen Generation, die noch sehr viel vor sich hat, derzeit in eine ungewisse europäische Zukunft schaut, mit der Angst eines Kollapses der Finanzsysteme leben und sich fragen muss, wie viel Zeit ihres Lebens sie wohl mit dem Abbau von Schuldenbergen verbringen darf, die andere aufgehäuft haben. Diese jungen Leute müssen sich nun von einem materiell bestens abgesicherten Altbundeskanzler ermahnen lassen, sie möchten doch bitte mehr „Opferbereitschaft“ für Europa an den Tag legen. Sie sollten „ihr Herz über die Hürde“ werfen, eine Hürde, die auch Schmidt nebst politischen Nachfolgern im Schulterschluss mit anderen klammen Kleptokraten aus dem Monopoly-Spielgeld-Unwesen sehr gekonnt vor ihnen hochgezogen hat. Eine Hürde und währungspolitische Bürde, die – so „gut gemeint“ ihre Konstruktionspläne auch immer gewesen sein mögen (Waren sie das tatsächlich? Diesbezüglich kursieren einige alternative, sehr nachdenkenswerte Erklärungsversuche) – sich heute, begleitet von tagtäglich lauter werdendem Tatütata, als ideologische Straßensperre, als politisches und wirtschaftliches Minenfeld, ja immer unverhohlener als Despot erweist, dem die Opfergaben der von ihm in den Armutsschmutz Befohlenen diverser europäischer Nachbarländer herzlich egal zu sein scheinen.

Bei allem Respekt vor einem „Elder Statesman“: Dann auch noch dem Bundesverfassungsgericht Lektionen erteilen, ihm erklären zu wollen, wie es seinen Job zu machen habe, das ist – ich bitte um Vergebung, eure Eminenz – schon ein wenig übergeschnappt. Dass die Gäste der Veranstaltung der „Transatlantik-Brücke“, die am Montag im Deutschen Historischen Museum in Berlin nicht nur ihren 60. Geburtstag feierte, sondern auch einen ihrer Vordenker und Weggefährten, Helmut Schmidt, mit dem „Eric-M.-Warburg-Preis“ auszeichnete, jedes Wort des deutschen Politpapstes beklatschten, dürfte sich von selbst verstehen. Laut einem „Handelsblatt“-Artikel („Warnung vor der Euro-Apokalypse“) sollen sie sogar zu Schmidts BVG-Tadel applaudiert haben. „Handelsblatt“: „Er macht keinen Hehl daraus, wem er in der Krise noch vertraut und wem nicht. Es ist der Euro-Kurs der Kanzlerin, den er unterstützt, und es sind die Karlsruher Verfassungsrichter, denen er einen derben Rüffel für ihr andauerndes Euro-kritisches Dazwischengrätschen verpasst.“ Was soll man dazu noch sagen? Es stimmt ja: Auch ich habe mir in den Jahren seit der Einführung des Euro irgendwann die Ohren zugehalten, weil ich die ständigen Euro-feindlichen Quertreibereien der Karlsruher Verfassungshüter einfach nicht mehr hören konnte. Es verging ja kein Monat, in dem sie nicht an-dau-ernd, pausen- und atemlos, ja mit geradezu krimineller Energie die Währungsunion zu zerschlagen, den Euro zu zersetzen versuchten, diese schäbigen, an-dau-ernd dazwischengrätschenden Lumpen.

Auch Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, rechnet nicht damit, dass die Karlsruher den Selbstbedienungsplänen maßlos arroganten europäischen und mit ihm eng verbandelten transatlantischen Machtmissbrauchs eine Abfuhr erteilen. Außerdem, so schnarrt‘s aus dem Justizministerium, müsse man darüber nachdenken, den Bürgern in Zukunft mehr Mitspracherechte zu geben, mehr „direkte Demokratie“ zuzulassen. Die Devise scheint zu lauten: Besser zu spät als gar nicht. Cleverer Trick: Erst steckt man Wähler in eine Zwangsjacke und legt ihnen Fußfesseln an. Dann offeriert man ihnen regelmäßigen freien Ausgang auf dem Gefängnishof. Danke auch.

Zum vorgeblich ganz freiheitlich gesinnten Gauckler der Nation möchte ich nicht zu viele Worte verlieren. Es ist bekannt – zumindest denjenigen, deren Gehirne sich noch nicht im Rauch der massenmedialen Nebelkerzen aufgelöst haben –, warum er Bundespräsident wurde, es ist ebenfalls bekannt, dass von ihm – übrigens einem Menschen, der sich selbst als „Christ“ bezeichnet – kein Widerstand gegen den antidemokratischen, -freiheitlichen, -christlichen und -aufklärerischen Brüsseler Totalitarismus zu erwarten war. Genau deshalb wurde er ja eingesetzt. Gauck im Gespräch mit Tendenzen Online (Überschrift des Interviews, in diesem Zusammenhang hochinteressant: „Man muss die Begeisterung verweigern. Der erste Schritt zum inneren Widerstand in einer Diktatur“): „Bekennender Christ bin ich geblieben, und das ist mir heute sehr oft hilfreich. Christ zu sein bedeutet für mich nicht, jegliche Schuld kommentarlos zu vergeben, insbesondere nicht, wenn dadurch Menschen an Leib und Seele zu Schaden gekommen sind.“ Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass jemand, der sich um die Aufarbeitung der SED-Diktatur bemühte, nun einer anderen das Wort spricht.

Und ich dachte immer, ich sei Atheist.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige