22. Juni 2012

Make love not law Tolle deutsche Ranz

Plädoyer für die Gleichbehandlung von Rauchern und Homosexuellen

Als ich geboren wurde, saßen erwachsene Männer mit Zigarren in ihren Kneipen und hielten allein die Idee eines Schwulenclubs für völlig absurd. Nur wenige Jahre später brach – praktisch zeitgleich mit der seinerzeit noch freiwilligen Entscheidung meiner Eltern, mich einem Kindergarten mit professionell qualifiziertem Personal anzuvertrauen – die 1968er-Revolution aus. Deutschland beschloss, toleranter zu werden. Was Männer mit Männern in ihren Schlafzimmern taten, musste den Staatsanwalt bald nicht mehr interessieren. Die Liebe wurde frei, der Schwangerschaftsabbruch gesellschaftsfähig und auch ein geschiedener Politiker durfte endlich Minister werden.

Unter Miniröcken wurde nun unmöglich, dass sich tausendjähriger Gesellschaftsmuff weiter aufstaute. Der Pillenknick entwickelte sich zur bildungsoffensiven Lehrerschwemme und in den Clubs der Kommunarden rauchte man nicht mehr nur kubanische Zigarren. Statt eines „Ho-Chi-Minh!“ skandierte die zunehmend akademisierte Menge bald „Legalize!“, und selbstverwaltet geführte Kinderläden erzogen ihre Kunden antiautoritär zu selbstbestimmten Staatsbürgerdemokraten. Das strahlende Reich der lohnfortgezahlten Willy-Brandt-Arbeitnehmer hatte das dunkle Reich der Adolf-Hitler-Volksgenossen schuldbewusst hinter sich gelassen. Die Reiseweltmeister eroberten mit ihren Pkws westwärts die Welt, während ihre Vertreter ostwärts Entspannungspolitik übten. Freie Fahrt für freie Bürger, es sei denn an autofreien Sonntagen.

Je toleranter das Land für die Lebensentwürfe seiner Bürger wurde, desto toleranter mussten seine Bürger über die Zeit allerdings auch für die Gesellschaftsentwürfe ihrer Politiker werden. Denn ein zentral sozialversichertes Gemeinwesen konnte schon zum eigenen Selbsterhalt auf Dauer nicht dulden, wenn einzelne Saboteure den einmal errungenen gesellschaftlichen Fortschrittsgrad wieder in Frage stellten. Also schickte sich eine von allem reaktionären Spießertum befreite neue Politikergeneration an, die gewonnenen administrativen Freiheiten und Sicherheiten sorgsam und lückenlos einzuhegen. Die vormals größten Kritiker der Elche wurden nun zügig wieder selber welche. Das Verbot von Raucherclubs und Raucherkneipen betrieben sie emsig, ebenso wie das Gebot, Dreijährige doch bitte allerschnellstens den staatlichen Kinderkrippen zu überstellen. „Wir lassen kein Kind zurück“ nannte die Folgegeneration der Antispießer nun ihr wiederbelebtes Prinzip des Wir-kriegen-euch-alle.

Um allerdings sicherzugehen, dass Männer mit Männern in ihren Schlafzimmern keine Terroranschläge planten, erfand man bald vorsorglich den Bundestrojaner, den behördenvernetzten Datenabgleich und den finanzamtlichen Kontencheck. Ganz desinteressiert an amourösen Entgleisungen der Betrachteten, es sei denn in Klosterschulen, ließen sich nun der Kauf und Konsum unerlaubter Substanzen ebenso wie der Einsatz gewaschenen Geldes überprüfen. An wieder autotauglichen Sonntagen beschworen Politiker in ihren Reden gleichwohl die antiautoritären Segnungen der tolerant-freien Gesellschaft und besangen vor ihrem selbstverwirklichten Publikum die Vorzüge der Zwangsversicherungssysteme in der geheiligt demokratieähnlichen Europaunion.

Aus dem Kampf gegen die Unfreiheit waren ein Kampf gegen rechts und ein Kampf für Toleranz fast ohne Ansehen der Person geworden. Selbst jugendliche Kiffer begrüßten dieses Respekt-Konzept, während sie ihre Kippen vor dem Betreten eines Hauses – respektvoll – löschten. Der konföderierte und konformierte deutsche Transferunionbürger zahlt demgemäß nun seinen emissionsoptimierten Kerosinzuschlag und seine Sicherheitsgebühr für die globale Urlaubsreise, leuchtet sein Heim glühbirnenfrei aus und leistet durch Trinken des richtigen Bieres weißblechfrei einen ökologisch korrekten Beitrag zur Rettung des südhemisphärischen Regenwaldes.

In dem dankbaren Bewusstsein, nicht als kleiner, unerkennbarer Fleck auf den Bildern von Massenaufmärschen eines Reichsparteitagsgeländes unterzugehen, sondern als freier Bürger mit Sozialversicherungs- und Steueridentifizierungsnummer biometrisch erfasst auf staatseigenen Personalausweisen individuell abgebildet zu sein, greift der neue deutsche Unionsbürger zu seinem kindergesicherten Feuerzeug, nimmt sich verstohlen eine brandschutzoptimierte Zigarette aus dem Schächtelchen mit Steuerbanderole und Gesundheitswarnung, entzündet den teils subventioniert angebauten Qualitätstabak und inhaliert an einsamer Stelle unter rauchmelderfreiem Himmel verstohlen den Duft der weiten Welt. Währenddessen denkt er an die spiegelverkehrte Zeit seiner Jugend, als Schmuddelhefte am Kiosk unter und Zigaretten über der Theke verkauft wurden.

Merkwürdig all dies. Einerseits herrscht toleranter Konsens, dass es den Gesetzgeber nicht zu interessieren hat, was Männer mit Männern und Frauen mit Frauen in trauter Zweisamkeit einvernehmlich und freiwillig intim mit ihren Körpern treiben. Andererseits mag eben dieser Gesetzgeber seinen Bürgern in wachsender Intoleranz nicht zugestehen, wenn sie in trautem Einvernehmen freiwillig beieinander sitzen und eben diesen Körpern anstelle von hormonellen Glückszuständen etwas Nikotin beibringen. Auf der Suche nach einem rationalen Erklärungsmuster für derlei Differenzierung kann man nicht anders als sich verlaufen. Ein Kampf gegen Gesundheitsrisiken jedenfalls gibt dieser Gesetzgebung nicht die Richtung. Soweit nämlich ersichtlich, haben nicht einmal Experten vom Schlage der Rahmstorfs oder Schellnhubers bislang argumentiert, Tabakgenuss ohne Zigarettenspitze verbreite HIV.

Es bleibt also durchaus Hoffnung, dass Schwulenclubs und Raucherclubs von unserem Gesetzgeber doch noch friedlich nebeneinander toleriert werden könnten, bevor meine Generation dereinst von ihren Kindern in ein von ungelernten Aushilfskräften betriebenes Altersheim gebracht wird. Es bedarf nur einer konsequenten Rückbesinnung auf wirkliche Toleranz anderen gegenüber. Denn: Wäre es nicht schön, wenn ein jeder Bürger wirklich selbstverwaltet mit seinem Körper nach seinem eigenen selbstbestimmten Belieben verfahren darf? Wäre es nicht anstrebenswert, einen solchen Gleichklang der Toleranz gegenüber der jeweils variierenden Körpernutzung der anderen zu erleben? Und wäre nicht dann zumindest einer der Träume von 1968 insoweit einmal wirklich im Ansatz konsequent erfüllt?

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30  Juni erscheinenden Juli-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 124


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