05. Juni 2012

Tag der Freiheit am 17. Juni Ein Feiertag von unten

Wenn Menschen darüber nachdenken, was Freiheit ist, wäre eine Menge erreicht

(ef-AFL) Ein Netzwerk von freiheitlich gesinnten Organisationen ruft für den 17. Juni zum zweiten Mal zum „Tag der Freiheit“ auf. eigentümlich frei sprach mit Christoph Widenhorn von der Organisation Freiheitswerk, die diese Initiative koordiniert.

ef: Herr Widenhorn, was steckt hinter dem „Tag der Freiheit“ am 17. Juni?

Widenhorn: Der Tag der Freiheit beruht auf einer Idee der Würzburger Freiheitsfreunde, einen Tag der Freiheit zu feiern. Man hört in den Nachrichten ja oft von fast schon amüsant detaillierten Jahrestagen wie dem Tag des Eichhörnchens oder der rechtsrheinischen Zuckerbäcker. Ausgerechnet für die Freiheit gibt es aber noch keinen Gedenktag. Wir finden, dass es Zeit ist, das zu ändern.

ef: Weshalb soll der Tag der Freiheit am 17. Juni begangen werden?

Widenhorn: In Deutschland hat der 17. Juni durch die Aufstände in der DDR im Jahr 1953 natürlich eine besondere Bedeutung. Lange Zeit wurde der 17. Juni deswegen als Tag der Deutschen Einheit gefeiert, bis dieser – von oben verordnet – auf den 3. Oktober gelegt wurde. Der Aspekt der „Einheit“ scheint erfüllt, die Frage der Freiheit ist aber immer noch virulent. Gleichzeitig hat der 17. Juni auch in anderen Ländern eine Bedeutung. An diesem Tag wurde zum Beispiel die Freiheitsstatue von Frankreich in die USA gebracht, an diesem Tag besetzte die Sowjetarmee das Baltikum, in Frankreich fand an diesem Tag die erste Nationalversammlung statt, und am 17. Juni haben sich die Isländer von der Fremdherrschaft befreit. Der 17. Juni schien uns deswegen für einen allgemeinen grenzüberschreitenden Gedenktag für die Freiheit gut geeignet. Abgesehen vom durch die UNO deklarierten „Welttag für die Bekämpfung der Wüstenbildung und der Dürre“ ist der 17. Juni in fast allen anderen Ländern auch noch nicht belegt, so dass Freunde der Freiheit fast überall den Tag der Freiheit am selben Tag feiern und damit einen neuen Gedenktag etablieren können.

ef: Auf Ihrer Internetseite feiern Sie den 17. Juni in Frankreich im Zusammenhang mit der Französischen Revolution. Ist das nicht eine Verhöhnung von Zehntausenden teilweise grausam von den neuen Machthabern ermordeter Opfer? Eine Verharmlosung auch des Völkermords in der Vendée?

Widenhorn: Auf der Internetseite zum Tag der Freiheit wird die Bedeutung des 17. Juni in verschiedenen Ländern dargestellt. Der 17. Juni 1789 hat insofern Bedeutung, als sich der „dritte Stand“, also die Bürger, in Frankreich zum ersten Mal zum Souverän erklärt. Damit ist keine Wertung über den späteren Verlauf der Französischen Revolution verbunden. Im Sinne der Initiative „Tag der Freiheit“ ist die Frage aber durchaus zielführend, weshalb die Französische Revolution mit einem hohen Blutzoll nur bedingt zur Freiheit führte. Vielleicht ein passendes Thema für eigentümlich frei, um zu dieser Frage einen Artikel am Tag der Freiheit zu veröffentlichen?

ef: Sie sagen selbst: Für alles erfinden Staaten neue Steuern hier und neue Feiertage dort. Warum beteiligen Sie sich nun auch an diesem Spiel?

Widenhorn: Man könnte auch sagen, dass der Tag der Freiheit das Spiel, wie staatliche Feiertage zustandekommen und gefeiert werden, durchbricht. Der Tag der Freiheit ist nicht von oben verordnet, sondern Menschen schließen sich an, wenn sie die Initiative gut finden. Damit ist es eine zivilgesellschaftliche Initiative, die privat und nicht durch Steuergelder finanziert ist. Ziel des Tags der Freiheit ist auch nicht, einen gesetzlichen Feiertag zu etablieren, an dem dann alle zwangsweise frei haben, sondern einen Feiertag, der ein Feiertag ist, weil er von vielen begangen wird.

ef: Wurde der Tag im letzten Jahr denn auch in anderen Ländern gefeiert?

Widenhorn: Der erste Tag der Freiheit ist im letzten Jahr aus einer spontanen Idee heraus kurzfristig ins Netz gestellt worden. Wir hatten dann trotzdem schon 13 Feiern auf der Seite, mit ersten unterstützenden Organisationen aus Deutschland, der Schweiz, Argentinien, Brasilien und Estland. Geplant ist, Jahr für Jahr weitere Organisationen in jedem Land mit einzubeziehen und in jedem Jahr mit mehr Menschen den Tag der Freiheit zu feiern.

ef: Haben Sie eine Erklärung, weshalb es bisher noch keinen Gedenktag für die Freiheit gegeben hat?

Widenhorn: Man darf vielleicht nicht erwarten, dass Regierungen, die sich in der Geschichte oft als große Gegenspieler der Freiheit erwiesen haben, selbst einen Tag der Freiheit ins Leben rufen. Das müssen schon die Bürger tun. Mit dem Tag der Freiheit wollen wir einen Feiertag von unten etablieren, der seine Legitimation dadurch erhält, dass er von möglichst vielen begangen wird, die in Freiheit leben wollen und sich gegen Freiheitsbeschränkungen wenden.

ef: Befürchten Sie nicht, dass sich Organisationen dem Tag der Freiheit anschließen könnten, mit denen Sie sich nicht identifizieren können?

Widenhorn: Nicht wirklich. Auf der Seite des Tags der Freiheit ist unsere Vorstellung von Freiheit beschrieben und was wir mit dem Tag der Freiheit bezwecken. Jeder, der die Ziele der Initiative unterstützenswert findet, kann diese unterstützen. Dies bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass die teilnehmenden Unterstützer sich mit den sonstigen Zielen anderer Unterstützer identifizieren müssen. Der Tag der Freiheit kann nur wie gedacht funktionieren, wenn er als Tag für sich steht, wie zum Beispiel Weihnachten, das man ja sowohl mit der Familie als auch gleichzeitig mit dem ungeliebten Nachbarn feiert. Der Tag steht im Mittelpunkt, nicht der Nachbar. Auf der Projektseite liegt es außerdem für den Fall der Fälle in der Hand der unterstützenden Organisationen, wer als weiterer Kooperationspartner akzeptiert wird.

ef: Sie vergleichen den von Ihnen ausgerufenen „Feiertag“ mit Weihnachten. Sie begeben sich da auf eine gefährliche Ebene: Die französischen Revolutionäre haben einst auch den Kalender und sogar die Wochentage neu erfinden wollen. Wäre es nicht auch und gerade im Sinne von Friedrich August von Hayek freiheitlicher, die von den immer neuen säkularen Staatsfesten verdrängten traditionellen und gewachsenen Feiertage wieder stärker ins Bewusstsein zu holen und andererseits etwa den 1. Mai, der von den Nazis zum Feiertag gemacht wurde und von SPD und Gewerkschaften zelebriert wird, zu hinterfragen?

Widenhorn: Der Vergleich mit Weihnachten soll nur verdeutlichen, dass der Tag der Freiheit eine Initiative sein soll, der sich jeder anschließen kann, der das Bedürfnis nach Freiheit teilt, also genauso wie Weihnachten von unterschiedlichsten Menschen in verschiedenen Ländern gefeiert wird, unabhängig von anderen, die am selben Tag feiern. Die von Ihnen angesprochenen traditionellen Feiertage haben eine Wurzel, die meist unabhängig davon ist, ob der Staat daraus gesetzliche Feiertage gemacht hat. Das Prinzip, das mit dem Tag der Freiheit verfolgt wird, dass ein Feiertag dann existiert, wenn er von Menschen gefeiert wird, könnte auch für alle anderen Feiertage gelten. Christen feiern weltweit ja auch zum Beispiel christliche Feiertage und Juden jüdische Feiertage, unabhängig davon, ob der jeweilige Staat allen Bürgern an diesem Tag freigibt. Und wenn jemand einen Tag der Arbeit dadurch feiern will, dass er nicht arbeitet, spräche nichts dagegen, wenn er sich dafür einen Tag frei nimmt, wenn ihm das Anliegen wichtig ist. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Feiertagen entsteht immer dann, wenn alle staatlich verordnet mitmachen sollen, auch wenn sie mit dem Anliegen an sich nichts anfangen können. Die Botschaft des Tags der Freiheit ist, dass die Freiheit sofort gelebt und gefeiert werden kann, auch ohne verordneten gesetzlichen Feiertag, und wir freuen uns über jeden, der diesen Funken aufgreift und am Tag der Freiheit mitfeiert.

ef: Wie kann der Tag der Freiheit gefeiert werden?

Widenhorn: Jeder soll den Tag der Freiheit auf seine Weise feiern können, es gibt da keine Vorgaben. Auf der Initiativenseite selbst wurde die Möglichkeit geschaffen, sich als Unterstützer einzutragen, eigene Feiern einzustellen, zu sagen, was Freiheit für einen bedeutet, und einiges mehr. Man kann den Tag zum Beispiel auch als Anlass nehmen, selbst Artikel zum Tag der Freiheit oder zum Thema Freiheit zu veröffentlichen. Im letzten Jahr war von der einfachen Unterschrift oder Logoverlinkung über das „Begehen des Tags der Freiheit im Biergarten“ bis zu einer Gedenkveranstaltung alles dabei. Dieses Jahr wird es mit den Aktionen „17 Zeilen für die Freiheit“ und  „Freiheitslicht“ zwei weitere Komponenten geben. Wir sind selbst schon gespannt, was sich Freiheitsfreunde überall noch so ausdenken.

ef: Auf Ihrer Webseite werben Sie mit einer Weltkarte, auf der „freie“ und „unfreie“ Länder verzeichnet sind. Tatsächlich sind es offenbar demokratisch verfasste Staaten, die dort als „frei“ gelten, während autoritäre Regierungen als „unfrei“ markiert sind. Die Steuern und Abgaben zum Beispiel liegen in vielen demnach „unfreien“ Ländern weit unter denen der angeblich „freien“ Länder. Was zählt?

 Widenhorn: Die Weltkarte, die Sie ansprechen, ist eine Karte der Organisation „Freedom House“, die beim Tag der Freiheit als Informationsressource verlinkt ist. Freedom House hat einen Index zur Freiheit erstellt, der Länder nach bestimmten Kriterien bewertet. Ihre Frage „Was zählt?“ betrifft die Auswahl und Gewichtung von Kriterien, die man unterschiedlich vornehmen kann. Beim Tag der Freiheit gibt es noch keinen eigenen Index, der vielleicht anders gewichtet wäre. Es ist richtig, dass die individuelle Freiheit im Sinne der negativen Freiheit sowohl in Demokratien wie auch unter autoritären Regimes eingeschränkt werden kann, und dass es in allen politischen Systemen Prinzipien gibt, die zu Freiheitseinschränkungen führen oder genutzt werden können. Wenn der Tag der Freiheit dazu führt, dass Menschen darüber nachdenken, was Freiheit eigentlich ist und welche Faktoren zu Freiheit oder Unfreiheit führen, wäre schon eine Menge erreicht.

Links:

Die Internetseiten des Tags der Freiheit:

tag-der-freiheit.org

worldlibertyday.org

Die Internetseite des Freiheitswerks:

freiheitswerk.org


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige