27. Mai 2012

Deutsche Eurovisionen Fremdschämen mit Anke Engelke

Nette Show

Anke Engelke hat den Song Contest gerettet. Schwärmt heute die deutsche Presse. "Danke Anke!", lautet die Schlagzeile.  Und Deutschland feiert sich mal wieder selbst.

Die anderen 41 Teilnehmerländer waren während der Punktevergabe des internationalen Schlagerwettbewerbs höflich gegenüber dem Gastgeber. Doch Anstand gehört nun nicht zu den deutschen Tugenden. Und so lobten alle anderen die Aserbaidschaner und ihre "amazing" und "exciting" Show. Anke aber rümpfte eher viertelnett das arische Näschen: "nice Show", nachdem sie erstmal die teutschen Techniker gelobt und gegrüßt hatte. Mit anderen Worten, liebe Dödel-Aserbaidschaner: Ohne unsere Entwicklungshilfe hättet Ihr das ja nie hinbekommen...

Und dann aber sprach sie: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich! Und hier sind die Ergebnisse der deutschen Jury…"

Mit anderen Worten: Ihr in Aserbaidschan mögt ja nur halb so viel Steuern und Abgaben zählen wie wir im öffentlich-rechtlichen Deutschland. Aber dafür sind wir doppelt so demokratisch und zeigen Euch deshalb ne lange Nase, bätsch!

Mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauer lauschten der politischen Belehrung von Oberlehrer Deutschland mitten in Europas größter Unterhaltungsshow. Und werden mitleidig gelächelt haben: So sind sie eben, die Deutschen! Mal heben sie zackig den rechten Arm, wenn normale Menschen Guten Tag wünschen. Dann fragen sie plötzlich: "Wo ist die Energiesparlampe?", wenn andere das Licht anmachen.  Und schließlich bekrittelt Anke Engelke "Die trennen aber den Müll nicht!", während höfliche Normaleuropäer die amazing und exciting Show des Gastgebers loben.

Es ging aber ja um viel mehr? Eigentlich sogar um alles? Also um Demokratie? Jeder in Europa weiß schließlich: Die Deutschen sind die größten Demokraten der Welt. Wenn was nicht stimmt, wählen wir die Piraten. Unsere Punktevergeberin lässt sich kein aserbaidschanisches x für ein demokratisches u vormachen. Und nimmt dafür notfalls auch ganz Europa in Schutzhaft.

Alles ist bei uns politisch. Auch der Kontrabass und die Kichererbsen. Bei Olympia vor zwei Jahren haben wir ja nochmal beide Argusaugen zugedrückt. Aber genug ist genug. Sagt heute unsere Anke dem europäischen Schlagerpublikum. Und morgen Philipp Lahm den Fußballfans in der ganzen Welt: Kiew und Baku nix gut.

Schade nur, dass die Titelgirls der ef-Maiausgabe nicht den Song Contest gewonnen haben. Sonst hätte die ARD beim nächsten Mal in Moskau gleich ein Band einlegen können. Andererseits: Die Schweden müssen irgend etwas falsch gemacht haben, wenn sie aus Deutschland in einem Jahr von uns Anke nur die international übliche Höflichkeit ernten.

Am deutschen Wesen soll wieder mal die Welt genesen. Danke, Anke!


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