15. Mai 2012

Verleihung des Henri-Nannen-Preises Nicht nur die „Bild“ hängt schief

Die Entrüstung über die Verleihung des Henri-Nannen-Preises an die „Bild“-Zeitung klappert hohl.

Schockschwerenot. Nun bekam die „Bild“-Zeitung, Deutschlands spannkräftigste Fäkalschleuder, die noch jeden Schlammcatching-Wettbewerb mühelos gewann, doch tatsächlich einen Preis. Hans Leyendecker lehnte es ab, zusammen mit ihr ausgezeichnet zu werden, eine Entscheidung, die immer noch für hitzig-amüsante Diskussionen quer durch Internet und Presse sorgt. Leyendecker soll die „Bild“ hinter den Kulissen als „Drecksblatt“ bezeichnet haben. So weit, so richtig und sicher allgemein zustimmungsfähig. Daran wäre noch nichts auszusetzen. Ich hätte noch ganz andere Bezeichnungen für Döpfners und Diekmanns Pitbullpostille parat. Möchte mich aber nicht strafbar machen. Leyendecker weiter: „Das ist eine gesellschaftliche Aufwertung der ‚Bild‘-Zeitung, die sich mit unserem Erlebnis von ‚Bild‘ nicht verträgt. Es ist eine Zeitung, die oft Menschen bedrängt, die Menschen verfolgt und bösartige Kampagnen macht“. Dieser Begründung kann ich allerdings nicht mehr folgen.

Denn üble Nachrede, Verfolgen und Bedrängen, Diffamierungen und Hetze gibt es schon lange nicht mehr nur in der „Bild“. Dergleichen findet sich heute in regelmäßigen Abständen in fast allen Zeitungen. Christian Meyer auf meedia.de: „Es ließe sich weiter fragen: Warum hat das ‚SZ‘-Team die Nominierung überhaupt angenommen? Es war lange bekannt, welche drei Medien für den Henri in der Sparte ‚Investigative Recherche‘ nominiert waren. War man sich sicher, die Boulevard-Kollegen ohnehin qua Jury-Entscheidung hinter sich zu lassen? Weil die Dokumentation der Aufdeckung der Formel-1-Affäre sehr viele Seiten umfasst und die des ‚Bild‘-Duos Harbusch/Heidemanns nur einige wenige Blätter? Weil man moralisch über der ‚Bild‘ steht?“

Nein, moralische Überlegenheit läßt sich kaum noch entdecken zwischen vielen anderen sogenannten Qualitätsblättern und der „Bild“. Stilistisch-formale sowie inhaltliche beziehungsweise substantielle dagegen natürlich schon: Der Informations- und Bildungsgehalt der meisten Artikel von „Zeit“ bis „FAZ“ übersteigt zweifellos denjenigen der minimalistischen Sprechbläschen über den Tittenbildchen und „Welcher Promiprinz pimpert welche Prinzessin“-Bett- und Unterwäscherecherchen der umtriebigen Springerteufelchen. Ist doch keine Frage. Aber sonst? Schließlich haben mittlerweile sogar führende Tageszeitungen von geistlos dahergemuhtem und ‑gemähtem Propagandageblöke, leichtem Umformulieren von „dpa“-Meldungen, Dauerauflegen von Populismus- und Rechtsextremismus-Schallplatten bei Abweichungen vom linksmetaphysischen Pathos der Zeit oder auch zum Überbrücken von Nachrichtenlöchern – ich warte eigentlich nur noch auf Schlagzeilen wie „Katze aus Baum gefallen – Ermittler vermuten rechtsextremistische Gravitationsmanipulation“ – über suggestiv formulierte Interviewfragen zum Zwecke persönlicher Diskreditierung, Meinungsmanipulationen jedweder Couleur in Text und Bild, hartnäckiges Ausblenden oder gleich Totschweigen unbequemer Informationen bis hin zu wochen- oder gar monatelangem Steinewerfen für die Auflage alles im Programm, was sich an journalistisch unseriösen, oftmals ideologisch motivierten Gaukler- und Gaunerstückchen, manchmal auch einfach nur ganz persönlichen Antipathien und Rachefeldzügen, ausdenken lässt.

Diesbezüglich hat den Preis für die menschlich schäbigste Entgleisung und größte qualitätsjournalistische Sauerei letztes Jahr wohl eindeutig die erschreckende Kaltblütigkeit gewonnen, mit der Publizist Henryk M. Broder unmittelbar nach Utøya – die Toten waren kaum erkaltet – zusammen mit dem Mörder Anders Breivik auf dieselbe Denkschulbank gesetzt werden sollte. Keine Sekunde Zeit hatten manche für Respekt vor den Toten übrig – galt es doch, die Leichen niedergeschossener Jugendlicher zu instrumentalisieren und genüsslich schmatzend auszuweiden, um einen Ungeliebten in Sippenhaft nehmen zu können. Wie auch immer man zu Broder nun stehen mag – sowas hat niemand verdient. Das war nicht einfach nur „daneben“, ein „Fehlgriff“ oder ein „Ausrutscher“, sondern an gezielter Boshaftigkeit nicht zu überbieten. Unterschied zur „Bild“? Selbst unter den derzeit stärksten Mikroskopen nicht mehr erkennbar.

Mal abgesehen davon spricht natürlich nichts dagegen, dass auch „Bild“-Redakteure eventuell mal eine anständige, informative und aufklärende Recherche zustandebringen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür sicher nicht allzu hoch sein dürfte. Der angebliche „Skandal“ oder „Eklat“ liegt nicht darin, überhaupt ein Boulevardmedium ausgezeichnet zu haben. Boulevardjournalismus muss schließlich nicht per se qualitativ minderwertig sein – eigentlich eine Binsenweisheit, die allerdings zu manchen noch nicht durchgedrungen zu sein scheint.

Viel bedenklicher ist, dass eine sogenannte investigative Leistung honoriert wurde, deren tatsächliche Motivation noch lange nicht ausreichend geklärt ist. Nur aufrichtige Aufklärungsabsicht? Ja, das kann man gerne glauben – Religionsfreiheit ist eine feine Sache. Sehr nachdenklich sollte man allerdings werden, wenn man den Zeitpunkt der Veröffentlichung bedenkt: kurz nach Wulffs ziemlich klaren Worten zur Rettungspolitik begann das monatelange Bauern- und Affentheater. Und kaum war Wulff erledigt und Gauck im Amt, empfahl dieser den Deutschen das Ermächtigungsgesetz namens „ESM“ auch schon artig als sinnvolle Maßnahme zur Förderung europäischer „Solidarität“. Kein Schelm, sondern Realist, wer Böses dahinter vermutet. Das wäre mal eine großangelegte Recherche, eine tiefergehende investigative Anstrengung wert gewesen. Zumindest hätte man sich die Mühe machen können – gerade in der Qualitätspresse, die nahezu geschlossen völlig kritik- und distanzlos auf den Zug aufsprang – angesichts der zeitlichen Auffälligkeiten und auch der grotesken Überspanntheit der Reaktionen (soviel Hysterie wegen lächerlicher 500.000 Euro, während im Hintergrund dem Volk Milliarden gestohlen und verbrannt werden), die Stirn in Falten zu legen. Stattdessen wurde nun ein nach wie vor fragwürdiges, zwielichtiges Manöver als große Rechercheleistung belohnt. Peinlicher ist sonst nur die Bambi-Verleihung.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige