12. April 2012

Rezension
Politische Philosophie eines modernen Idealismus

Ein Buch von Wolfgang Caspart

1992, ein Jahr nach dem Untergang des Sowjetsozialismus und dem scheinbar endgültigen, globalen Triumph der US-Version einer „liberalen Demokratie“, verkündete der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“. Die Bipolarität der Welt des kalten Krieges war schließlich zu Ende. Die ganze Erde stand – zumindest für einige Zeit – unter der unangefochtenen Führerschaft der einzig verbliebenen Weltmacht. Dass das US-Imperium – und mit ihm der vom ihm verkörperte und aller Welt oktroyierte politische Entwurf – bereits zu dieser Zeit auf unsicherem Boden stand, war damals wohl nur wenigen Zeitgenossen bewusst. Heute sieht sich die von den USA geführte „freie“ Welt mit ungeahnten Herausforderungen konfrontiert, die nur auf den ersten Blick in der zunehmenden internationalen Bedeutung asiatischer Riesennationen oder der wachsenden Aggressivität der Sphäre des Halbmonds besteht. In Wahrheit sind die Probleme der westlichen Welt – namentlich jener Europas – allesamt hausgemacht.

Gibt es den Königsweg, der aus der Krise herausführt?

Der Philosoph Wolfgang Caspart unternimmt in seinem jüngsten Buch den Versuch, aufzuzeigen, wie die nach seiner Überzeugung hauptsächlich durch die Fixierung maßgeblicher gesellschaftlicher Kräfte auf platte Ideologien und durch eine fehlerhafte Technik zur Auswahl politischer Eliten bedingten Verwerfungen zu überwinden sind. In einer Rückbesinnung auf den (deutschen) Idealismus – also auf „Ganzheitlichkeit, Willensfreiheit, Verantwortungsethik, Geist und Metaphysik“ – soll die Wende bewerkstelligt werden.

Der Autor schlägt in dem in drei Teile gegliederten Text (Teil eins widmet sich der Ideologiekritik, Teil zwei der Politikwissenschaft und Teil drei dem Staatsdenken) einen großen Bogen von den Natur- zu den Sozialwissenschaften: Alle komplexen dynamischen Systeme werden durch (außenwirksame) Kontrollparameter und (innenwirksame) Ordnungsparameter bestimmt. Das gilt auch für menschliche Gemeinschaften. Indem die ständig vom Streben nach kurzfristigen Erfolgen getriebene politische Klasse den Fehler begeht, laufend an den Ordnungsparametern zu manipulieren, anstatt sich darauf zu beschränken, die Kontrollparameter entsprechend zu setzen und das System sich selbst zu überlassen, driftet dieses infolge seiner Überregulierung in Richtung Chaos. Casparts Befund deckt sich in diesem Punkt mit jenem der „Österreichischen Schule“, die von einer verhängnisvollen „Interventionsspirale“ spricht. Die ausschließliche Gültigkeit positiven Rechts bei gleichzeitiger Verneinung naturrechtlicher Prinzipien stellt für den Autor eine maßgebliche Voraussetzung der aktuellen Fehlentwicklungen dar.

Dass die USA – und nicht Europa – seit Jahrzehnten die Führung der westlichen Welt behaupten, liegt nicht nur an der zurückliegenden Selbstzerfleischungstendenz der Alten Welt. Bedeutend sind vielmehr das Selbstverständnis der politischen Eliten Amerikas und deren vergleichsweise überlegene Qualifikation. Nicht stumpfe Bürokraten, sondern erfolgreiche Geschäftsleute prägen dort – im Inneren wie nach außen – die Politik. Deren erste Priorität galt und gilt stets der Wirtschaft – nicht sozialromantisch motivierten Utopien.

Das in Europa herrschende politische System entlarvt Caspart als „Pöbelherrschaft“. Kaum einer der hier politisch Verantwortlichen war jemals außerhalb seiner Parteihierarchie – produktiv – tätig. Bei Wahlen geht es lediglich um die Gewichtsverteilung innerhalb eines immer gleichen Klüngels von Funktionären. Zu glauben, mit seinem Stimmzettel tatsächlich etwas verändern zu können, ist illusorisch. Caspart: „Die ochlokratische (pöbelherrschaftliche) Parteienwirtschaft löst keine Probleme, sondern schafft sie und ist das Problem.“

Jede zentral geführte politische Organisation tendiert mit wachsender Größe zur immer weiter gehenden Entmündigung ihrer Untertanen. Das war am Beispiel des Aufgehens der einst unabhängigen Bundesstaaten der USA in einem zentralistisch geführten Imperium zu beobachten – und das wiederholt sich soeben bei der Umformung Europas in ein von Bürokraten (für die im Hinblick auf ihre Qualifikation dasselbe gilt wie für die Politikerkaste!) beherrschtes, bürgerfeindliches Monstrum.

Caspart sieht den Ausweg in einem Übergang zur politischen Führung durch eine „Aristokratie“ der Verdienstvollsten – ohne allerdings konkrete Vorstellungen zu unterbreiten, auf welche Weise eine (unblutige!) Ablösung der regierenden Negativauslese vonstatten gehen sollte. Denn die herrschende Ochlokratie wird, im instinktiv richtigen Bewusstsein, außerhalb ihrer parasitär lebenden Gemeinschaft – dort, wo das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt – keinerlei Chance zu haben, ihren Lebensstandard auch nur annähernd zu halten, alle Register ziehen, um ihre Ablöse durch „verdienstvolle Männer“ zu verhindern. Hierzulande sind die offensichtliche Unmöglichkeit einer Verwaltungsreform und die blitzartig unterdrückten Debatten um eine Verkleinerung des Nationalrats oder die Abschaffung des völlig nutzlosen Bundesrats schöne Belege dafür, mit welcher Zähigkeit die fragwürdige „Elite“ an ihren Ämtern klebt.

Wolfgang Caspart dürfte nicht den Anspruch erheben, mit seinem Buch einen Leitfaden zur Herstellung einer besseren Welt zu präsentieren. Als treffsichere Analyse des beklagenswerten Istzustandes Europas und als kritischer Anstoß zum Denken außerhalb der ausgetrampelten Pfade des politischen Hauptstroms ist der Text aber zweifellos bemerkenswert.

Caspart, Wolfgang: Politische Philosophie eines modernen Idealismus (amazon.de)


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