08. April 2012

Statt einem Ostergedicht Zuviel Grass geraucht?

Die Kaste leiert wieder

In Deckung, Deutschland hat wieder Probleme. Ursache: ein Gedicht des 84jährigen Schrifstellers Günter Grass. Meiner Meinung nach kein sonderlich gutes, keines, das soviel Aufregung verdient hätte. Ein Großteil der medialen Kaste leierte und jaulte aber – gewohnheitsgemäß und aufmerksamkeitsökonomisch durchaus effizient – wieder so schrill und bediente sich stellenweise dermassen dümmlicher Diskreditierungsmethoden, dass die junge Generation eigentlich angewidert die Koffer packen und das Land verlassen müsste.

Nicht, dass Grass‘ Erguss nicht kritisierbar wäre. Aber es ist der Ton, der die Musik macht, und manche Töne waren, wie auch nicht anders zu erwarten war, geeignet, Fensterscheiben zerspringen zu lassen.

Henryk M. Broder: „Früher war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer“. Die Formulierung legt nahe, Grass habe rein gar nichts aus seiner Vita gelernt, er sei noch derselbe Nazi wie damals; ein SS-Mann, der insgeheim wohl immer noch von der Vernichtung aller Juden träume. Eine ganze Schriftstellerkarriere, ein Menschenleben im Vorbeigehen reduziert auf einen Fehler. Das schießt nicht nur über das Ziel berechtiger Kritik an Grass‘ Zeilen weit hinaus, sondern ist schlicht schäbig. Wie es scheint, hat Broder aus den nicht weniger schäbigen Angriffen auf seine Person nach Utoya nicht allzu viel gelernt. Schade.

 Viel interessanter aber sind die Reaktionen der Durchschnittspresse auf eine andere, völlig berechtigte Äußerung Grass‘, die über den Disput um seinen Text weit hinausreicht: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht“. Was daran nun auszusetzen ist? An einer Beobachtung, die ganz sicher nicht nur der Eitelkeit oder Gekränktheit eines Schriftstellers angesichts mancher harschen Kommentare entsprang? „Welt Online“ erklärt es uns: „Der Begriff Gleichschaltung entstammt der Terminologie der Nationalsozialisten, die damit die Beseitigung der pluralistischen Gesellschaft durch die Auflösung oder Unterstellung ehemals freier Medien, Vereine, Gewerkschaften oder Organisationen unter die NS-Herrschaft bezeichneten.“

Derselbe Text (und im gleichen Zusammenhang) fand sich auch in einem Artikel der „FAZ“. Allerdings muss man in diesem Fall gar nicht von „Gleichschaltung“ sprechen; „Abschreiben“ tut´s auch. Hallo Wiki. Aufgemerkt: Weil das Wort „Gleichschaltung“ von den Nazis stammt, kann jeder, der es benutzt, ganz eindeutig nur ein Nazi sein oder zumindest jemand, der der NS-Ideologie sehr nahe steht. Auf diese bauernschlau-lümmelhafte Art kann man intelligente Leser natürlich auch beleidigen und für sinkende Auflagen sorgen. Man muss schon sehr unbedarft sein, zu glauben, es habe sich dabei nur um einen dezenten, harmlosen etymologischen Hinweis gehandelt, der rein zufällig gleich in mehreren Zeitungen auftauchte. Mit welcher Tapsigkeit sie ihn damit bestätigt haben, das verdient Mitleid.

Dass es eine geistige „Gleichschaltung“ gibt, sobald es um bestimmte Themen geht – keine Frage. Es gibt zwar keinen Propagandaminister mehr, aber der wäre ohnehin überflüssig, denn diese Funktion üben heute Kollektivismus, der grüngallige Konformitätsdruck politischer Korrektheit und ein Abschreiber- und bewusstloses Nachquakertum aus. Wer das bezweifelt oder gar für Paranoia hält, möge sich das schiefe Jukeboxgeklingel anhören, sobald jemand es wagt, Begriffe wie „Liberalismus“, „neoliberal“ oder „konservativ“ in den Mund zu nehmen. Oder, Pressegott behüte, „Kapitalismus“.

Immer, wenn es auch nur entfernt um die deutsche Vergangenheit geht, sind sie alle Experten, Erinnerungskulturpfleger, Warner und Mahner, die klügsten Textexegeten und Psychoanalytiker, die genau wissen, was in einem Kopf vor sich ging. Sie sind progressiv, haben ihre Vergangenheit bewältigt und sind über moralische Zweifel erhaben. Ein Viertes Reich? Sowas kann ihnen nicht passieren. Gleichschaltung? Das ist Nazideutsch! SS-Mitgliedschaft? Ausgeschlossen, das könnte ihnen nie passieren. Weshalb ja auch Werbung für den Kommunismus gemacht wird. Mit einem hübschen Frauengesicht. Und nächste Woche: Ein Topmodel im Hakenkreuzbikini, Überschrift: „Nationalsozialismus ist sexy“. Ganz zu schweigen vom unentwegten „Aller Zeiten“, dem alltagssprachlichen Pendant zur politischen „Alternativlosigkeit“.

Zu kryptisch? Das auszubaldowern, werden unsere Helden womöglich schon in naher Zukunft Gelegenheit haben. Jede Schwarzgeldwette.


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