Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Weltwirtschaft: Magere Zeiten voraus

von Andreas Tögel

Am Ende des Konjunkturzyklus

29. März 2012

Der kürzlich verstorbene Nationalökonom und Buchautor Roland Baader fasste die aktuelle Lage der Weltwirtschaft in seinem letzten, „Geldsozialismus“ betitelten Buch so zusammen: „Was wir in den letzten Jahrzehnten im Kreditrausch vorausgefressen haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten nachhungern müssen. Es wird furchtbar werden.“ Damit hatte er wohl recht! Denn Schulden – die Grundlage der vom Sozialstaat geschaffenen Wohlstandsillusion – müssen am Ende immer bezahlt werden: Entweder von den Schuldnern selbst, von den heute lebenden Kreditgebern, Sparern und Steuerzahlern, oder von für die prekären Umstände nicht verantwortlichen kommenden Generationen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg durfte jede der heute im „freien Westen“ lebenden Generationen mit einiger Berechtigung erwarten, dass es ihr materiell besser gehen würde als der ihrer Eltern. Die nach 1970 Geborenen werden – dank der zurückliegenden Schuldenexzesse – indes mit einem abnehmenden Wohlstandsniveau zurechtkommen müssen.

Nach dem Urteil von Systemmedien und beamteten Nationalökonomen sind es kollektive Gier, Spekulanten, verantwortungslose Banker, der „Neoliberalismus“ oder der „Turbokapitalismus“, denen wir die aktuellen Probleme zu verdanken haben. Nachdem – zum Verdruss der Masse der westlichen Intellektuellen – der Realsozialismus untergegangen ist, wurde, nach ihrer Meinung, durch die Krise nun die Marktwirtschaft diskreditiert. Daher erfährt die Suche nach einem „Dritten Weg“ gegenwärtig eine Renaissance. Unter den Etiketten „Ökosoziale Marktwirtschaft“, „Gemeinwohlökonomie“ oder „kreativer Sozialismus“ werden Konzepte präsentiert, die eine gerechtere Verteilung versprechen, leider aber allesamt auf eine zentral geführte Kommandowirtschaft hinauslaufen, die von den Produktiven zu den Unproduktiven umverteilt.

Der US-Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson stellte die Diagnose:  „Wenn es einen größeren Anreiz gibt, zu raffen als zu schaffen, stürzen Gesellschaften ab.“ An diesem Punkt sind wir inzwischen angelangt. Besonders die gut ausgebildeten Jungen verspüren wenig Lust, sich den Fährnissen des Marktgeschehens auszuliefern, da doch der Leviathan stressfreie Amtsstuben und erwerbslebenslang sichere Arbeitsplätze garantiert – zumal damit sogar höhere Lebenseinkommen verbunden sind (worauf Bernd Marin vom European Centre of Social Welfare Policy and Research nicht müde wird, hinzuweisen). Das Schaffen von Anreizen, welche die Zahl derjenigen, die von Steuern leben, zu Lasten derjenigen, die Steuern zahlen, laufend erhöhen, ist ein Verfahren, das langfristig sinkenden Wohlstand garantiert.

Dem Publizisten Kurt Tucholsky verdanken wir das Bonmot „Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.“ Josef Schumpeter qualifizierte die Nationalökonomie als „beobachtende und deutende Wissenschaft.“ Jedenfalls bedarf es, um die Ursachen der von der Politik offensichtlich nicht beherrschbaren wirtschaftlichen Fehlentwicklungen zu verstehen, der Einsicht in grundlegende ökonomische Zusammenhänge. US-Ökonom Thomas Sowell: „Die erste Lektion der Ökonomie ist die Knappheit: Es gibt niemals genug von irgendetwas, um alle befriedigen zu können, die es haben wollen.“ Die erste Lektion der Politik ist die Nichtbeachtung der ersten Lektion der Ökonomie.

Da der Zustand des Mangels die Regel, nicht die Ausnahme ist, gibt die politische Klasse vor, Unmögliches leisten zu können, indem sie behauptet, Knappheit und Mangel abschaffen zu können. Der ehemalige österreichische Finanzminister und Ökonomieprofessor Eugen Böhm von Bawerk stellte dazu fest: „Politische Macht vermag das ökonomische Gesetz niemals außer Kraft zu setzen.“ Am Beginn allen Unheils steht also stets der eitle Versuch der Machthaber, Naturgesetze außer Kraft zu setzen – wie jenes der Knappheit. Der Knappheit an Kapital wird durch eine „aktive Geldpolitik“ begegnet – durch Zinsmanipulation und Ausweitung von Geldmenge und Kreditvolumen.

Die von Ludwig von Mises im Rahmen seiner Habilitationsschrift „Die Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ vor exakt 100 Jahren entwickelte Konjunkturtheorie erklärt das Phänomen zyklisch auftretender Krisen. Seine Wirtschaftstheorie lehnt staatliche Interventionen rundweg ab. Sie setzt auf freie Entscheidungen selbstverantwortlicher Bürger. Aus Sicht der Politbüros bedeutet das eine unerträgliche Herausforderung ihres Selbstverständnisses als unfehlbare Führer.

Vereinfacht dargestellt besagt diese „österreichische“ Konjunkturtheorie folgendes: Die Wirtschaft kennt keine stabilere Konstante als die der Veränderung. Alles befindet sich ständig im Fluss. Unternehmerische Entscheidungen sind stets auf eine ungewisse Zukunft gerichtet und bedeuten ein unvermeidliches Risiko. Jeder wirtschaftlich handelnde Mensch ist ein „Spekulant“, der hofft, ihm zum Vorteil gereichende Entscheidungen zu treffen. Mit seiner „Spekulation“ kann er natürlich falsch liegen.

Die für den Erfolg von Unternehmen maßgebliche Einschätzung der Nachfrageentwicklung kann danebengehen. Es gibt daher für keinen Betrieb eine dauerhafte Erfolgs- oder Bestandsgarantie. Es ist unvermeidlich, dass immer wieder Firmen in den unterschiedlichsten Branchen scheitern. Andere Betriebe entstehen dafür neu. Josef Schumpeter prägte für dieses Phänomen den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“. Wenn – wie es in Krisenzeiten der Fall ist – rund um den Globus, zeitgleich, Unternehmen massenhaft in Schwierigkeiten geraten, müssen dafür besondere Gründe vorliegen. Weder die „neoklassische“ oder monetaristische Theorie, noch die der Keynesianer bietet dafür eine plausible Erklärung. Dass über Jahre hinweg künftige Konsumentenerwartungen korrekt antizipierende und erfolgreich agierende Unternehmer exakt zur selben Zeit allesamt die gleichen unternehmerischen Fehler begehen, die sie in existentielle Notlagen bringen, ist nur dann zu erklären, wenn es einen Anlass für ihr kollektives Fehlverhalten gibt. Murray Rothbard bezeichnete diesen Fall als „plötzliche allgemeine Häufung unternehmerischer Fehler“. Der gegenwärtig an der Universität von Angers in Frankreich Volkswirtschaft lehrende Guido Hülsmann spricht in diesem Zusammenhang von „Fehlerzyklen“ („error cycles“).

Den Ausgangspunkt für kollektive unternehmerische Fehlentscheidungen bildet die Manipulation des Zinses. Auf dem freien Markt gebildete Zinsforderungen sind der Tatsache geschuldet, dass Menschen die Möglichkeit zur augenblicklichen Verfügung über ein Gut einer zukünftigen grundsätzlich vorziehen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der „Zeitpräferenz“. Je höher die Zeitpräferenz, desto eher ist man bereit, für sofortigen Konsum mehr zu bezahlen. Wer seine Konsumwünsche zu verschieben bereit ist, fordert ein Entgelt für seinen momentanen Verzicht und den dadurch möglich werdenden Verleih seiner Mittel. Seinen Niederschlag findet die Zeitpräferenz in der Höhe eines Aufschlags auf den Preis des Geldes – eben den Zins. Der Zins ist somit ein natürliches Phänomen, das in einer freien Wirtschaft ausschließlich vom Aggregat der Zeitpräferenzen der Konsumenten bestimmt wird.

Die Höhe des Zinses bestimmt die Antwort auf die Frage, ob eine geplante unternehmerische Investition sich lohnen wird oder nicht. Niedrige Zeitpräferenzen der Konsumenten manifestieren sich in hohen Sparquoten und niedrigen Zinsen. Die Unternehmer empfangen die Botschaft: Die Konsumenten verfügen über Reserven und sind bereit, ihre Konsumwünsche auf später zu verschieben. Dies führt zu einer Konzentration von Investitionen in „Güter höherer Ordnung“ (auf solche, die nicht dem augenblicklichen Konsum dienen). Das heißt, dem Konsumenten werden erst nach dem Bau entsprechender Fabriken oder der Entwicklung neuer Produkte Güter angeboten und verkauft werden können. Es kommt zu einer Verlagerung des Investitionsschwerpunkts von der Konsum- zur Kapitalgüterindustrie. Die in Boomphasen zu beobachtende steigende Bewertung von Aktien entsprechender Industriebetriebe, die Steigerung von Immobilienpreisen und Baubooms, sind Symptome dafür.

Das alles ist in Ordnung, wenn die Konjunktur bei den Investitionsgütern durch real gebildete Ersparnisse angetrieben wird. Dann haben die Unternehmer richtig gehandelt: Die künftig angebotenen Güter werden auf kaufkräftige Nachfrage treffen. Ist der Boom indessen auf aus dem Nichts geschaffene Kredite gegründet (was in den der Krise vorangehenden Jahren der Fall war), verhalten sich die Unternehmer fehlerhaft, weil sie Investitionsentscheidungen aufgrund nicht gegebener Voraussetzungen treffen. Investitionen in Güter höherer Ordnung gehen vielfach verloren, weil die produzierten Waren auf keine kaufkräftige Nachfrage treffen, da die vermuteten Ersparnisse niemals gebildet wurden. Die Folge sind kostenintensiv aufgebaute Überkapazitäten. Ein als Bürohaus geplanter, halbfertig gebauter Wolkenkratzer ist kaum anderweitig verwertbar und daher abzuschreiben. Die in gescheiterte Vorhaben investierten Mittel hätten – auf andere Weise eingesetzt – den allgemeinen Wohlstand mehren können.

Fazit: Nach Abschluss des „Boom-Bust-Zyklus“ befindet sich das Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft, infolge des Totalverlustes der Fehlinvestitionen, auf einem niedrigeren Niveau, als wenn dieser Zyklus niemals in Gang gesetzt worden wäre.

In einem warenbasierten Geldsystem mit 100 Prozent Deckungserfordernis (zum Beispiel einer Goldwährung) ist die Schöpfung „billigen“ Geldes („Fiat money“) oder von Krediten aus dem Nichts unmöglich. Die zur Verfügung stehende Geldmenge kann nur in jenem Ausmaß gesteigert werden, den die weltweite Goldförderung möglich macht.

Ludwig von Mises meinte: „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher, durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll.“

Die Regierenden haben – nachdem sie ein Meer aus Papiergeld geschaffen haben – die Wahl: Entweder sie versuchen, den Brand mit Benzin zu löschen und die am Ende des Konjunkturzyklus eintretende Rezession durch eine weitere Geldmengenexpansion („Reflation“) abzuwenden. In diesem Fall werden die Staaten sich noch weiter verschulden und diese Schulden direkt oder indirekt monetarisieren – also in Liquidität transformieren und über die Geschäftsbanken in Form von Krediten in die Wirtschaft pumpen. Oder sie enthalten sich jeder Intervention und lassen eine scharfe, über Jahre anhaltende Rezession zu.

Die politische Klasse hat sich – rund um den Globus – für Variante eins entschieden und damit Zeit gekauft. Zeit – wofür? Wodurch die Nomenklatura ein Problem zu lösen gedenkt, zu dessen Wurzeln sie aus offensichtlichen Gründen nicht vorzudringen im Sinn hat, liegt völlig im Dunkeln.

Denn ohne eine nachhaltige Korrektur der Zahlenverhältnisse von Produktiven zu Unproduktiven (von Fahrradbeauftragten, Antidiskriminierungsagenten, Klimaalarmisten und Quotenwächtern geht nun einmal keine Wertschöpfung aus!) und ohne ein Ende hoheitlicher Interventionen in die Wirtschaft – vor allem aber ohne die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols und die Rückkehr zu einem nicht manipulierbaren, intrinsisch werthaltigen Geld – wird die Sanierung der Weltwirtschaft nicht gelingen.

Da die politische Klasse weiterzumachen gedenkt wie bisher, ist mit einer Verlängerung der Krise auf unabsehbare Zeit zu rechnen – mit etwas Pech aber auch mit einem totalen Systemcrash…

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