26. März 2012

ef 121 Editorial

Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen

Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen. Dieser Satz wird mal Thomas Jefferson, mal Benjamin Franklin zugeschrieben. Beide gehörten zu den legendären US-Gründervätern, unter denen sich nicht ein einziger Demokrat befand. Wie auch die griechischen Philosophen lehnten die „Founding Fathers“ die Demokratie als – bestenfalls – Herrschaft des Mittelmaßes scharf ab. Eine Staatsform, die früher oder später in einer Ochlokratie, der Herrschaft des Pöbels, enden müsse. Den historisch und philosophisch geschulten Männern schwebte eine Monarchie oder Republik vor, geführt von natürlichen Eliten.

Schauen wir auf die vorstehenden Vertreter der politischen Kasten unserer Tage, so haben sich manche Warnungen bestätigt. Im Laufe der Jahrzehnte hat die demokratische Negativauslese solche nach oben gespült, die allenfalls noch die Karikatur einer natürlichen Elite sind. Es ist im günstigen Fall noch der kleine dumme Gauner, womöglich aber auch bereits der durchtriebene Schwerkriminelle, der uns regiert. Christian Wulff war noch die eher harmlose Ausgeburt des Inzuchtprogramms unserer Parteiendemokratie, das zuweilen auch ganz andere Kaliber im US-Kongress, Bundestag oder EU-Parlament nach oben spült. Nie zuvor war das Volk deshalb so frustriert und abgrundtief „politikverdrossen“ wie heute. Und dennoch wurde die Demokratie zum Fetisch, ja zur Ersatzreligion. Verkündet von der neuen Priesterkaste in den Massenmedien und pädagogischen Lehranstalten. Alleine: Wo sind die Kritiker? Die Ketzer des Systems?

Es gibt sie scheinbar nicht. In Schulen, Universitäten, Medien und Parlamenten nicht. Und von Seiten radikaler, außerparlamentarischer politischer Gruppen schon gar nicht. Denn Linksradikale wie „Rechtsextreme“ sind sich auch einig darin, selbst erst die wahre und vor allem noch mehr Demokratie anzustreben.

Kritik? Es gibt sie. Und sie ist wohlbegründet. Freiheit und Demokratie sind nicht die Brüder, als die sie uns verkauft werden. Liberal und demokratisch sein schließt sich aus – Selbsteigentum hier, Mitbestimmung des Nachbarn über das eigene Einkommen dort. Der Ökonom und Philosoph Hans-Hermann Hoppe schrieb vor mehr als zehn Jahren das Standardwerk „Demokratie: Der Gott, der keiner ist“. In diesen Tagen ist ein Nachfolgeband mit dem vielsagenden Titel „Der Wettbewerb der Gauner“ erschienen. Wir drucken einen Auszug. Zwei Niederländer haben sich ebenfalls dem Thema gewidmet. Die erste Auflage ihres bislang nur auf Englisch erschienenen Buches war in wenigen Tagen vergriffen. Lesen Sie einen längeren Auszug in erstmaliger deutscher Übersetzung in dieser Ausgabe.

„Irren ist menschlich, lügen demokratisch.“ Schrieb der Philosoph und Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila über die Zumutungen vor und nach demokratischen Wahlen. Jedes Jahr verabschiedet alleine der Bundestag 150 neue Gesetze, von Verordnungen auch auf Landesebene ganz zu schweigen. Einst galt Jahrhunderte, was Recht und Unrecht ist. Aufgrund eines naturrechtlichen Ansatzes, den Papst Benedikt XVI. im letzten Jahr im Bundestag wieder anmahnte. Und ohne den, so Benedikt, die Politik zur Räuberbande verkommt. Heute ändert sich die Gesetzeslage jeden Tag. Das Rechtsempfinden der Bürger ist dabei längst auf der Strecke geblieben. Inzwischen halten es viele sogar für rechtens, wenn irre gewordene Politiker bis hin zu Glühbirnen-, Rauch-, Ess- oder Trinkverboten noch in die letzten privaten Rückzugsräume unseres Lebens hineindiktieren.

Bleibt die Frage, so kritikwürdig die Demokratie also doch ist: Gibt es eine realistische Alternative? Vom Briten Winston Churchill stammt der schlaue Satz: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“ Anarchie hat in der Praxis nie funktioniert. Machtanmaßung ist offenbar eine Grundkonstante im menschlichen Zusammenleben. Wo ein entsprechendes Vakuum entsteht, füllt es sich schnell und brutal. Monarchie von Gottes Gnaden? Die Französische Revolution ist 220 Jahre her. Ein einfaches Zurück kann es nicht geben. Eher schon viele kleine Schritte, die sich anarchischen Ideen, der republikanischen Praxis und dem monarchischen Geist (wieder) annähern. Schritte, die jeder Einzelne für sich gehen muss. Das Motto dabei: Weniger Politik wagen! Hin zu kleineren, überschaubaren politischen und wirtschaftlichen Einheiten. Eigentum statt Mitbestimmung. Freiheit statt Demokratie. Ein langer Weg. Der sich aber lohnen könnte. Und mit Demokratiekritik in den Köpfen beginnen muss.

Am Ende gilt wie immer, liebe Leser: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern unter allen bunten Fahnen der Demokratie! Mehr netto!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 31. März erscheinenden April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 121


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