22. März 2012

Mohammed Merah ist tot Nordine und Anders haben einen Nachfolger

Die fast unbemerkte Gemeinsamkeit fast aller Terroristen

Der Terrorist Mohammed Merah ist tot. Zuvor hatte er in und um Toulouse sieben Menschen ermordet. Vor drei Monaten tötete Nordine Amrani im belgischen Lüttich sechs Unschuldige. Vor acht Monaten brachte es Anders Behring Breivik im norwegischen Oslo und auf Utoya mit 77 Opfern zu trauriger Berühmtheit.

In Oslo ging die Presse zunächst von einem islamistischen Attentat aus. In Frankreich nun jagte man ein rechtsextremes Phantom. Es war am Ende umgekehrt. Doch das kranke Motiv ist zumindest für die Opfer völlig unwichtig.

Manch einer freut sich: Jetzt kochen sie wieder ihr perverses politisches Süppchen auf den Scheiten toter Kinder und verzweifelter Eltern. Nach Norwegen waren es die Linken, die flugs alles „Rechte“ unter Terrorverdacht stellten und die entsprechenden Meinungen der Andersdenkenden zu kriminalisieren suchten. In der Folge von Lüttich war die Stunde gleich aller Staatsgeilen geschlagen, die im Windschatten neuer Morde glaubten, die restlose Entwaffnung der europäischen Zivilbevölkerung jetzt endlich durchsetzen zu können. „Restriktivere Waffengesetze“ – als wenn sich da je ein Mörder dran gehalten hätte. Nun, nach den schrecklichen Ereignissen von Toulouse, wittern jene „Islamkritiker“, die nach Utoya noch selbst unter Anklage standen, Morgenlandluft und kriminalisieren mal eben eine ganze Weltreligion.

Tatsächlich haben Merah, Amrani und Breivik mehr gemeinsam, als alle skrupellosen Politsuppenköche wahrhaben wollen. Zum Beispiel das: Alle drei wuchsen ohne einen Vater auf.

Man erfährt wieder nur ganz am Rande der Nachrichtenströme, dass Merahs Mutter alleinerziehend war, wie jene von Breivik. Amranis Eltern waren beide tot, er verbrachte seine Kindheit in einem staatlichen Waisenhaus.

Das heißt natürlich nicht, dass jeder junge Mann, der ohne Vater aufwächst, zum Terroristen wird. Auch nicht jeder Bursche, der in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, macht später dasselbe mit Kindern. Aber umgekehrt wird ein fruchtbar drückender Schuh daraus: So gut wie kein Sexualstraftäter wurde als Kind selbst nicht sexuell missbraucht.

Ein wenig Historie: Der Vater von Andreas Baader stirbt, als der Sohn zwei Jahre alt ist, in russischer Kriegsgefangenschaft. Ulrike Meinhofs Vater erliegt, als sie sechs Jahre alt ist, einem Krebsleiden. Die Eltern des Oklahoma-City-Bombers Timothy McVeigh lassen sich scheiden, als dieser zehn Jahre alt ist. Hitler war 14, als sein vorher abwesender oder prügelnder Vater starb, Stalin zehn. Der Vater hatte die Mutter des wohl größten Massenmörders der Weltgeschichte bereits verlassen, als Stalin fünf Jahre alt war.

Alles nicht so schlimm? Dann muss uns auch nicht bekümmern, dass unser Sozialstaat systematisch die Kinder Alleinerziehender belohnt und entsprechend millionenfach heranzüchtet. Man frage im Hartz-IV-Milieu nach den durchschlagenden Anreizen. In England sind es bereits mehr als die Hälfte der Kinder, hierzulande ein knappes Drittel, das ohne Vater groß wird. Tendenz stark steigend. Denn wir „leben schließlich nicht mehr im Mittelalter“.

Eine Zeitbombe? Quatsch. Familie war vorgestern. Dafür haben wir heute Vater Staat. Man muss im Übrigen nur die Waffengesetze weiter verschärfen, konservative Meinungen oder auch mal eine ganze Religion kriminalisieren, dann wird alles, alles gut.

Literatur

André F. Lichtschlag: Kaputte Familien als Ursprung des Bösen: Liebe und Hass, in ef 115, Seite 42.

Internet

Verwehrte Liebe, verehrter Hass: Kindheit in kaputten Familien

Kaputte Familien aus Ursprung des Bösen?: Die gesellschaftlich relevante Dimension


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