12. März 2012

Filmkritik Die Eiserne Lady

Meryl Streep brilliert in einem antisozialistischen Portrait von Phyllida Lloyd

Meryl Streep hat für ihre Rolle der Margaret Thatcher kürzlich mit Recht den Oscar erhalten. Doch das deutsche Einheitsfeuilleton urteilt hart aber herzlich: Ja, Streep sei gut, doch der Film ist schlecht, er schone die Vita der doch „so umstrittenen Politikerin“, wobei er sich politisch mehr oder weniger enthalte, immerhin. 

Das Zentralorgan der deutschen Lehrerschaft geht etwas weiter: „Der Film ist ein politisches Ärgernis“, meint „Die Zeit“. Schließlich sei Thatcher doch die „Domina der Gier“ gewesen. Die Eiserne Lady so soft anzupacken, das sei deshalb unsexy. Und Thatchers Ehemann Dennis „als eine Art herzensguten Clown“ darzustellen und nicht etwa „als der spießbürgerliche Clubmensch mit extrem rechten politischen Ansichten, der er“ in der hochgradig differenzierten Weltsicht der „Zeit“ doch „in Wirklichkeit war“, ist nun aber auch richtig pöse. Und dann noch dies: Der Film, so die sonst gerne auch feministisch-korrekte „Zeit“, verdecke doch tatsächlich, dass Lady Thatcher als berufstätige Frau dazu neigte, „ihre Kinder zu vernachlässigen“. Aua.

Bei soviel falscher Kritik von der richtigen Seite muss an dem Film etwas dran sein. Tatsächlich ist er ein Meisterwerk! Entgegen den Beschwichtigungsversuchen der deutschen Sozialjournaille ist der Streifen der britischen Film- und Theaterregisseurin Phyllida Lloyd politisch. Thatchers Begeisterung für den freien Markt sprüht uns geradezu aus jeder der vielen Rückblenden entgegen. Ihr Abscheu gegen den Sozialismus wirkt in jeder Filmsequenz echt, von Herzen kommend und zuweilen auch begründet. Bei Thatchers Machtübernahme 1979 ist England von den Sozis auf das Niveau eines Drittweltlandes heruntergewirtschaftet. London erstickt im Müll, als gerade mal wieder gestreikt wird, wie so oft in dieser Zeit. Die Konservativen suchen den Kompromiss mit den gewerkschaftlichen Erpresserbanden, als Thatcher einwirft, dass dies „sicher die falsche Strategie“ sei. Bis heute profitiert Großbritannien davon, dass sich die Eiserne Lady den übermächtigen britischen Gewerkschaften in den Weg stellte und den Kampf gewann. Was für eine Frau! Atemberaubend – gerade in diesen unseren, mal wieder von Verständnis für die Erpresserbanden geprägten Warnstreiktagen im Deutschland des Jahres 2012.

Margret Thatcher kam aus einfachen Verhältnissen. Sehr anschaulich zeigt der Film, warum gerade sie den freien Markt hochhält, auch und insbesondere gegen das schlechte Gewissen der alten englischen Oberschicht, die jederzeit mit den Plünderern paktieren möchte. Als die reichen Senioren mal wieder zum Kompromiss drängen, verweigert sich die Eiserne Lady „im Namen derer, die hart gearbeitet haben und jeden Penny ihres ehrlich erworbenen Einkommens verdienen.“ Am Ende scheitert Thatcher unter anderem mit der Kopfsteuer, die sie ebenso vehement und aus Prinzip verteidigt. Zum Vergleich: Weicheier wie Westerwelle haben nicht mal die Traute, einen einheitlichen Steuersatz (Flattax) gegen die inzwischen verwirklichte progressive Einkommensteuer aus der Giftküche des Kommunistischen Manifests zu verteidigen. Lady Thatcher aber forderte einen einheitlichen Steuerbetrag!

Im Stimmenkaufbusiness der Parteiendemokratie muss so viel Mut scheitern. Bereits kurz nach der Machtübernahme 1979 wendeten sich im ersten Gegenwind und Stimmungstief die lieben Parteifreunde von Thatcher ab. Da kamen ihr unverhofft die argentinischen Generäle zu Hilfe. Thatcher setzte alles auf eine Karte. Und gewann den kurzen Falklandkrieg. Damit hatte sie den nächsten Wahlsieg in der Tasche und die lieben Parteifreunde bis auf weiteres hinter sich. Die ansonsten im Film durchweg als schreiender Pöbel dargestellte sozialistische Opposition ist für einen kurzen geschichtlichen Augenblick sprach- und machtlos.

Thatchers Credo – und Meryl Streep bringt dies grandios rüber – lautete, dass jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist. Und auch das brachte ihr Vater, der Kolonialwarenhändler, ihr bei: „Gehe nie mit der Masse!“

Natürlich hat der Film Lücken. Der Einfluss Friedrich August von Hayeks auf das Denken der Eisernen Lady fällt in der Kürze der Zeit ebenso dem Schneidetisch des Drehbuchs zum Opfer wie Thatchers bedauerlicher, durch die dargestellten Kriegserlebnisse aber verständlicher Hass auf die Deutschen und so einige andere spannende Details. Dafür gelingt es Lloyd und Streep im anderen Teil des nur zur Hälfte rückblickenden und dort so politischen Streifens, ein zutiefst emotionales Portrait einer von Demenz heimgesuchten rührigen alten Dame zu zeichnen.

Das macht denn auch die Mehrheit der deutschen Journaille einigermaßen sprachlos, ist doch eine alte, schwache Person des ohnehin kaum kritisierbaren weiblichen Geschlechts vor ihrem Anwurf per se geschützt. Vielleicht benutzen sie deshalb in ihrer Not auffällig häufig den neudeutschen, an ein Tofu-Schwein erinnernden Ausdruck „Biopic“ für diese meisterhafte Filmbiographie.

Bleibt die Frage, wann endlich mutige deutsche Filmschaffende das ebenso außergewöhnliche Leben des großen Ludwig Erhard entdecken, anstatt den 68. Film über Baader oder Meinhof zu drehen. Dann passt’s auch mit dem „Biopic“, liebes Feuilleton.


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