06. März 2012

Putin und die Deutschen Angst und Neid auf Gegenseitigkeit

Hoch die internationale Solidarität!

Die Bande um Putin und Medwedew und ihre Helfershelfer werden nun auch die nächsten sechs Jahre das große Russland regieren und sich selbst bereichern. Wirkliche Opposition gegen die Machtclique wurde von Wahlkommissionen und Systemmedien in den letzten Monaten ein ums andere Mal krass übervorteilt. Sie hatten keine Chance. So in etwa der Tenor in den deutschen Mittelstrommedien.

Falsch ist das alles nicht. Nur: Ist es bei uns so anders? Ist eine Journaille, die ihr Mütchen immer nur dann kräftig kühlt, wenn der Gegner 1.800 Kilometer entfernt sitzt oder mehr als 60 Jahre tot ist, „kritisch“? Oder tatsächlich nur noch lächerlich?

Geht es echten Oppositionellen gegen unsere Classe politique und deren Helferkaste in den etablierten Medien anders als denen in Russland? Damit sind nicht etwa Scheinoppositionelle wie die Piratenpartei gemeint. Die gibt es in Russland auch. Schirinowski wird von den dortigen Staatsmedien genauso gehyped. Lieber frage man einmal Ron Paul in Amerika. Oder Eva Herman und Martin Hohmann nach ihren hiesigen Erfahrungen. Oder neue konservative Parteien. In ARDZDF-Wahlsendungen, vor jeder Wahl genau genommen immer eine, in der „Sonstige“ überhaupt vorkommen, wird ihnen mit lüstiger Jazz-Musik nach knapp einer Minute Schnellredezeit feixend das Wort entzogen. Den Rest erledigt das johlende, „gegen rechts“ stets handverlesen-zuverlässige Publikum. Da können selbst die russischen Propagandafunker noch was lernen.

Und die unfaire Wahlzulassung? Man befrage dazu einmal Marine LePen in Frankreich, die im übrigen dieselben Erfahrungen seit Jahren auch mit ihren Medien macht. Im Vergleich mit ihr oder der BNP in England werden russische Oppositionelle von den dortigen Journalisten und Behörden zuvorkommend und höflich behandelt.

Deutsche Zuschauer und Zeitungsleser werden am Sonntagabend ihren Augen kaum getraut haben. Seit Wochen wird ihnen das nahe Ende Putins vorgegaukelt – und nun gewinnt der ausgemachte Verlierertyp mit knapp 64 Prozent die Wahl. Fälschung! Schreien nun unsere Gazetten und Sender. Und berichten über ein paar aufgebauschte Zwischenfälle mehr als über den großen Wahlsieger. Das hat durchaus System.

Vorgestern am Wahlabend zum Beispiel bejubelten mehr als 100.000 Anhänger Wladimir Putins Tränen- und Kampfrede in Moskau. Von der Träne abgesehen eine Nischenmeldung hierzulande. Gestern protestierten wenig mehr als ein Zehntel davon gegen Putin. Hauptschlagzeile. Auch ohne Träne. So kennen wir das bereits aus Ungarn. Deutsche Journalisten stehen an der Propagandafront in der ersten Reihe. Wenn‘s nichts kostet.

Sonntagmittag vor dem russischen Konsulat in Bonn – und vermutlich auch in den anderen Außenstellen der Botschaft und den ganzen Tag über – standen mehrere Tausend in Nordrhein-Westfalen lebende Russen in einer endlosen Schlange, um wählen zu dürfen. Die Wartezeit betrug mehr als zwei Stunden. Nebenbei: Massen sind per se kein schöner Anblick. Demokratie – also die Mitbestimmung des Nachbarn über den eigenen Lohn – wird aus der Nähe betrachtet so kenntlich und fragwürdig wie in all den Nahaufnahmen bei Diskussionssendungen vor Wahlen, sei es im Ersten Russischen oder im Zweiten Deutschen Fernsehen. Aber: Hat man hierzulande jemals so etwas erlebt? Warten aufs Wählen? Zwei Stunden? Das Gemurmel in der Reihe drückte unüberhörbar deutliche Sympathien für Putin aus. Ihn haben sie auch und gerade hier in übergroßer Mehrheit gewählt. Warum sonst hätten sie solche Strapazen auf sich nehmen sollen? Und was wäre stärkere Motivation gewesen als die ständigen Halbwahrheiten in den deutschen Medien?

Es ist ja tatsächlich nicht alles falsch, was uns da erzählt wird. Jüngere, hoch gebildete Städter, die unter Medwedew-Putin heute sehr gut verdienen, sind plötzlich gegen ihn. Ausgerechnet der neue, einst von den Kommunisten restlos vernichtete, nun aufstrebende Mittelstand des Landes wendet sich gegen die Macht der Patriarchen. Ja, es geht ihnen prächtig, sagen sie. Und aber: „Putin muss weg!“ Doch – und selbst das verschweigen unsere Medien ja nicht mal – sie kennen auch keinen besseren. Ist es womöglich gerade der Wohlstand, der sie anders als Millionen konservativere Russen abseits der Metropolen zu waghalsigen Experimenten verleitet, deren Ausgang sie insgeheim sogar fürchten? Nie ging es beispielsweise der deutschen Jugend besser als Mitte der 60er Jahre. Und gerade dennoch: Mehr als 30 Jahre lang war sie politisch nicht mehr so experimentierfreudig gewesen wie just da, in der Zeit des größten Wohlstands.

So gesehen wäre Putin nicht das erste Opfer des eigenen Erfolgs. Wenn denn tatsächlich seine Zeit ablaufen würde. Doch genau das ist seit vorgestern noch unwahrscheinlicher als zuvor, da mögen ARD und  „Spiegel“, „Bild“ und ZDF senden und drucken, was sie wollen. Wo ist eigentlich Gerd Ruge? Und Gabriele Krone-Schmalz? Schämen sie sich für ihre Nachfolger?

Es gibt zu Putin in Russland schlicht keine Alternative. Am zahlreichsten und lautesten sind noch Kommunisten und Ultranationalisten. Doch will man die im Westen wirklich lieber sehen? Wie in Libyen die Mörderbanden und Foltertrupps gegen und nach Gaddafi? Hat auch dieser Zynismus System?

Der Hass der deutschen Politiker und Journalisten auf Wladimir Putin hat wenig mit einem verlängerten „kalten Krieg“ zu tun. Und er kommt auch nicht zufällig. Putin ist ein hoch intelligenter, nichtlinker, kulturkonservativer, stark religionsverbundener Autokrat mit Stolz auf sein Reich und persönlichem Charisma. Das genaue Gegenteil also von Merkel, Gabriel und Co. in Berlin samt ihrer eben doch nur noch lächerlichen Huldigungstruppen. Nur wenige auf der Welt sind mit diesem Putin vergleichbar. Am ehesten noch Recep Tayyip Erdogan. Beide haben in vielerlei Hinsicht einen Vorgänger: Francisco Franco. Der war sowas wie ein Ersatzkönig im Zeitalter der Massenideologien Sozialismus-Nationalismus-Demokratie. Wie Erdogan Sultan und Putin Zar. Und er war genauso verhasst beim politmedialen Establishment, obwohl er zum Beispiel Hitler und Churchill gegeneinander ausspielte und sein Volk mit großem Geschick vor Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg bewahrte. Oder gerade weil er das tat?

In Deutschland liegen die psychologischen Verwerfungen seither besonders tief. Eine nationale Interessen- oder Außenpolitik findet im Land der einstigen Dichter, Denker und Kaisertreuen lieber gar nicht mehr statt. Klar, dass hier ein selbstbewusster Sultan oder Zar Angst- und Neidgefühle weckt.

Und umgekehrt? Neidisch sind die Russen immer schon auf Deutschland gewesen. Und wie sagte der Schriftsteller Wladimir Kaminer neulich? „Das Bild von der deutschen Staatlichkeit schreckt sehr viele Russen ab. Sie haben Angst vor der Verweichlichung der Staatsgewalt. In Russland müssen ehemalige Offiziere, am besten Oberste an der Macht stehen. Und wer schmeißt hier in Deutschland den Staat? Eine Tante, ein Schwuler und ein Rollstuhlfahrer! Davor haben die Russen Angst, das könnte in Russland nicht der Fall sein. Und deswegen wählen sie eben auch Putin. Nicht alle, aber nach wie vor sehr viele.“ 


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