21. Februar 2012

Gauck als Röslers Streich Die Methode Columbo

Unterschätzt zuschlagen: Eine neue FDP?

„Na, wie haben Sie denn Ihr Haus finanziert?“ Mit viel Chuzpe begrüßt FDP-Chef Philipp Rösler am Sonntagabend Joachim Gauck. Den Mann, den er gerade vermeintlich mit allen anderen, tatsächlich aber gegen alle anderen, zum Präsidenten gemacht hat. SPD und Grüne waren verdutzt in ihre eigene Grube geplumpst. Sozialdemokraten und Ökopaxe können es bis heute kaum fassen. Sigmar Gabriel steht nun dort im Regen und lächelt aufgesetzt zum bösen Spiel des lustigen FDP-Zwergs.

Die CDU, und das heißt Merkel, hatte sich gewehrt. Sie wollte dem vermeintlichen Koalitionspartner im Endstadium einen Ökoideologen (Töpfer) oder einen Linksprotestanten (Huber) vorsetzen. Man erwartete von den Gelben, dass sie selbst noch den nächsten Koalitionspartner der Schwarzen mit inthronisieren. Die verstoßene, aber noch im Haus geduldete Ehefrau sollte der künftigen Braut das Essen servieren. So dreist waren Merkel und Co. mit Westerwelle und Lindner stets umgesprungen. Und immer hat es bei ihnen funktioniert.

Sogar Kandidaten mit SPD-Parteibuch wollte Merkel notfalls offerieren, nur um den womöglich liberalkonservativen Gauck als Präses-Präsi zu verhindern. Dann, an jenem denkwürdigen Sonntagnachmittag, gelang Philipp Rösler der große Coup, als er plötzlich verkündete, die FDP stünde geschlossen hinter Gauck.

Merkel hatte die Zeit gegen sich (kurz darauf traf man sich in großer Runde mit FDP, Grünen und SPD). Die Sphinx der Macht verstand nun, dass sie verloren hatte. Gegen einen Scherzbold mit Schülergrinsen. Ausgerechnet jetzt, wo sie in Umfragen persönlich so unangefochten dastand wie nie zuvor. In der Partei regiert sie lange schon durch. Symptomatisch, dass ihr in der Parteitelefonkonferenz noch Sonntagnachmittag niemand widersprochen haben soll, als sie die Wahl Gaucks ausschloss und ihre Getreuen auf Töpfer oder Huber, notfalls auch SPD-Voscherau einschwor. Was hat diese Frau nur aus der CDU gemacht, die unter Kohl noch Steffen Heitmann vorschlug und Roman Herzog wählte. Zwei Liberalkonservative mit Niveau. Heute undenkbar im auf links gedrehten Merkelschen Kanzlerwahlverein. 

Und die FDP? Gab es die überhaupt noch? In Umfragen war sie seit Wochen unter den messbaren Bereich gerutscht. Niemand hat mehr einen Pfifferling auf sie gewettet. Dann machten Philipp Rösler und wohl auch sein neuer Generalsekratär Patrick Döring ihr kleines taktisches Meisterstück. Was die Vorgänger Westerwelle und Lindner in weit wichtigeren Fragen nie riskierten, taten Rösler und Döring jetzt einfach so: Sie wagten den Koalitionsbruch, setzten alles auf eine Karte. Und gewannen. Gelber Stinkefinger. Gegen alle.

Das alleine wird die FDP nun nicht wieder stark machen. Aber es gibt Selbstvertrauen und macht Lust auf mehr. Westerwelle der Peinliche und Lindner der Poser wurden von Journalisten stets überschätzt, als sie ihre Partei prinzipienlos zugrunderichteten und ihre Wähler restlos verrieten. Rösler und Döring wurden zuletzt stark unterschätzt. Mal schauen, wo das noch hinführt. In wichtigeren Fragen.


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