01. Februar 2012

US-Vorwahlen Baby-Boomer im Abwehrkampf

In Amerika tobt ein neuer Generationenkonflikt

Wieder einmal erweist sich ein kurzer anonymer Kommentar als interessanter und informativer als der kommentierte Artikel eines Hauptstrom-Mediums.

In „Spiegel-Online“ schreibt Marc Pitzke heute über den US-Vorwahlkampf in Florida, als berichte er von einem Gladiatoren-Zweikampf: „Romney und Gingrich bekämpften sich hier mit einer Brutalität, die selbst Republikaner schockierte.“ Zum Kommentar dazu gleich mehr. Außen vor bleibt im Hauptartikel die Beobachtung, dass der programmatisch-inhaltliche Abstand dieser beiden Politiker zueinander, wie auch zu Barack Obama, ziemlich gering ist. Außen vor bleibt auch die Beobachtung, dass der eine programmatische Alternative vertretende Ron Paul, der als einziger Republikaner nicht aktiv im Vorwahlkampf in Florida teilnahm, trotzdem sieben Prozent der Stimmen erhielt. Gemessen an null Dollar Ausgaben für Eigenwerbung schon beachtlich. Und ein Zuwachs von 3,7 Prozent im Vergleich zu 2008 – in absoluten Zahlen 55.000 Stimmen mehr. Mitt Romney dagegen musste für jede seiner 700.000 Stimmen im Südstaat etwa 21 Dollar an Werbung ausgeben. Paul hat übrigens sein millionenschweres Pulver, das er dank einer Unzahl von Klein- und Kleinstspenden zusammentragen konnte, für die jetzt kommenden Vorwahlen aufgehoben, wo er in den Umfragen besser dasteht und, im Gegensatz zur Alles-oder-Nichts-Wahl in Florida, tatsächlich entscheidende Delegiertenstimmen gewinnen kann. Kein Wort darüber, dass schon allein die durch nichts umzustimmenden sieben Samurai-Prozent in Florida – traditionell ein entscheidender „swing state“ bei den Präsidentschaftswahlen – im November durchaus wahlentscheidend sein könnten. Wenn Paul nicht der Kandidat der Republikaner wird, so hört man überall in den einschlägigen Foren und in Interviews mit seinen Unterstützern, werden diese Hartgesottenen weder für Romney, noch für Gingrich, noch für Rick Santorum stimmen. Auch nicht für Sarah Palin oder wen auch immer die Parteiführung noch aus dem Hut zaubern mag. Selbst dann nicht, wenn der endgültige Kandidat Pauls Programm Wort für Wort übernimmt. Kein Wort schließlich darüber, dass Paul, wie schon in den drei Vorwahlen zuvor, auch in Florida gerade bei den Jungwählern wieder überdurchschnittlich absahnte: 25 Prozent der 18 bis 29-jährigen im Sonnenstaat waren es laut CNN, 15 Prozent der 30 bis 44-jährigen.

Zu genau diesem Punkt findet man jedoch unter den Kommentaren zum Pitzke-Artikel einige sehr kluge Gedanken. Dort schreibt „henniman“:

„Tatsächlich offenbart die GOP-Partei dieser Tage ihre Kaputtheit in vollem Masse. Die Partei scheint unversöhnlich.
Da die Demokraten dank Amtsinhaber diesmal nicht durch die Vorwahlen müssen, bleibt ihnen eine ähnliche Entblößung erspart. Die grundlegende Frontlinie zwischen etatistischem Establishment und libertären Revolutionären gibt es aber auch dort.“

henniman hat Recht: Man denke nur zum Beispiel an die Occupy-Bewegung, die derzeit mit stillschweigender Zustimmung des Friedensnobelpreisträgers im Weißen Haus brutal niedergewalzt wird. Allerdings finden auch bei den Demokraten Vorwahlen statt. In New Hampshire erhielt der Präsident 49.000 oder knapp 82 Prozent der Stimmen. Kein allzu glänzendes Zeugnis für den Amtsinhaber. Schlimmer noch: Der Zweitplazierte war nicht etwa ein anderer Demokrat, sondern – Ron Paul! Sein Name wurde von knapp 2.300 demokratischen Wählern per Hand auf den Wahlzettel geschrieben. In den USA ist das zulässig.

Weiter schreibt henniman:

„Der Riss geht quer durch ganz Amerika. Er geht zwischen Bewahrern des Status Quo und libertären Revolutionären. Offenbar leben die Republikaner-Mitglieder in den Südstaaten des Ostens noch in ihrem alten Wolkenkuckucksheim und scheuen nichts mehr als einen grundlegenden Wandel. Sie wollen auf ihre alten Tage keine Umstürze mehr und verlieren lieber mit einem aalglatten Romney die Wahl im Herbst, als einen Ron Paul alles umkrempeln zu lassen.“

Und nun kommt der anonyme Leser zu seiner Kernaussage. Seiner Meinung nach geht es bei der US-Präsidentschaftswahl 2012 um folgendes:

„Es ist ein Kampf zwischen den Alten (Baby Boomern) und den Jungen, die endlich ihren Platz in der Gesellschaft haben wollen. Die Baby Boomer haben der jungen Generation ein Trümmerfeld von astronomischen Schulden, kaputter Industrie, maroder Infrastruktur und wertlosem Geld hinterlassen. Auf ihre alten Tage wollen sie Ruhe im Karton und nach ihnen die Sintflut.
Amerikas junge Generation muss jetzt wissen, was sie will. Wollen sie sich den alten Bewahrern auf ewig ausliefern oder suchen sie eine Entscheidung ? Diese Wahl dürfte ihre letzte Chance sein, denn weitere 4 Jahre hält diese dauernde Improvisation nicht mehr.“

Der Generationenkonflikt mit den Baby-Boomern wurde lange vorhergesagt. Kein Kulturkampf, sondern ein Verteilungskampf. Aber er hat das Potential zum Kulturkampf. Ausgelöst durch unverantwortliche, blinde, ruinöse oder gar bösartige Finanz- Geld- und Außenpolitik auf der Grundlage eines Glaubens, dass man aus Nichts Geld und aus Steinen Brot zaubern kann – auch Keynesianismus genannt. Dass die Gebote „du sollst nicht stehlen, kein falsches Zeugnis reden, nicht morden“ für alle gelten, nur nicht für Politiker und Beamte. Das geht irgendwann schief. Und irgendwann ist jetzt, zumindest in den USA. Bezeichnend in diesem Zusammenhang: Der sportive 76-jährige Paul ist kein Baby-Boomer.

In einem späteren Kommentar auf der selben Seite überträgt henniman seine vorangehenden Überlegungen auf die Situation diesseits des Atlantiks und sinniert:

„Ich fürchte, wir haben in Europa ähnliche Voraussetzungen, höchstens abgemildert durch sozialstaatliche Maßnahmen weniger explosiv.
Auch hier haben wir eine satte Baby-Boomer-Generation, die ihre Immos abbezahlt hat, meistens im Vorruhestand mit dicker Rente lebt, samstags Mondpreise auf dem Bio-Wochenmarkt bezahlen kann, und sich alle 3 Jahre einen bar bezahlten Neuwagen zulegt. Das alles begleitet von edler philantrophischer Weltsicht.
Diese Leute stört auch schon mal ein neuer Bahnhof, wenn er 8 Jahre Großbaustelle vis-a-vis der teuren Altbau-Eigentumswohnung verheißt und man 60 Jahre alt ist. Da werden einem doch glatt die schönsten Rentnerjahre verdrießt.
Die Jungen hierzulande hangeln sich von Projekt zu Projekt, bestenfalls, sonst eher von Praktikum zu Praktikum, oder Kellner- zu Fahrradkurierjob. Oft mit Stundenlöhnen von einem Zehntel derer ihrer 30-40 Jahre älteren Elterngeneration (Baby-Boomer gebaren halt spät).
Wir haben die gleichen Risse hier und eine revolutionäre Entwicklung in Amerika würde unweigerlich zu uns hinüberschwappen. Mag die CDU sagen, was sie will: Amerika bleibt eben Leitkultur.“  

„Dollars, Dreck und Demagogen“, hatte Pitzke geschrieben. Auf den Gedanken, seine Reihung mit dem Wort „Demographie“ abzuschließen, ist der Spät-Boomer nicht gekommen. Dazu bedurfte es eines kompetenten Beobachters des Zeitgeschehens, der in seiner Freizeit kostenlos seine Meinung kundtut. Die Torwächter des Informationskartells versehen weiterhin ihren Dienst. Allein, es nutzt nicht mehr viel: Seine Mauern sind längst eingerissen.

Internet:

Kommentare zum „Spiegel-Online“-Artikel „Dollars, Dreck und Demagogen“

RT-Interview mit Ron Paul-Unterstützerin


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