23. Januar 2012

Erste Vorwahlen der Republikaner Sprunghafter Zugewinn für Ron Paul

Die 89er-Generation fordert die Friedensdividende ein – und eine natürliche Ordnung

Nun also ist wieder Newt Gingrich dran, im US-Politzirkus den führenden Pausenclown zu spielen. Hinter uns liegt eine gefühlt endlose Reihe von medial künstlich hochgeworbenen Republikaner-Kandidaten ohne Basis und ohne Erfolgsaussichten – erinnert sei an Michele Bachmann, Herman Cain, Rick Perry und sogar die absolute Witzfigur Donald Trump noch vor der ersten Vorwahl, dann Rick Santorum vor Iowa und Jon Huntsman vor New Hampshire. Wird Gingrich am Ende doch der Präsidentschaftskandidat der Republikaner sein? Seit 1980 ist der Gewinner der Vorwahl in diesem Südstaat immer auch der spätere offizielle Kandidat der Grand Old Party geworden. Doch diesmal sind ernsthafte Zweifel angebracht.

Nie zuvor im gleichen Zeitraum wurden die ersten drei Vorwahlen von drei verschiedenen Kandidaten gewonnen – ein Zeichen tiefer Spaltung innerhalb der Partei. Und auch Gingrich hat keine zuverlässige Basis. In den ersten zwei Vorwahlen landete er unter ferner liefen. So schlecht organisiert ist der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, dass er in mehreren Bundesstaaten, unter anderen in seinem Heimatstaat Virginia, bei den Vorwahlen nicht einmal auf dem Wahlzettel steht. Gegen Barack Obama schneidet er in Umfragen derzeit durchschnittlich elf Prozent schlechter ab. Auch ex-Senator Rick Santorum hat es versäumt, in allen Bundesstaaten die Voraussetzungen zu erfüllen, um als Kandidat registriert zu sein. Von allen Bewerbern der Republikaner gelang dies nur Mitt Romney und Ron Paul. Und nur diese beiden haben Umfragen zufolge auch eine Chance, Obama zu schlagen – Romney, weil die Großbanken ihn ebenso lieben wie den gegenwärtigen Präsidenten, und Paul, weil er über die Parteigrenzen hinaus Unabhängige und sogar Demokraten binden kann.

Auf den ersten Blick ging die Vorwahl in South Carolina für Paul enttäuschend aus. Jedoch müssen neokonservative und linkslastige Medien entsetzt feststellen, dass ihre Schmierenkampagnen gegen den radikalliberalen Kongressabgeordneten aus Texas, ihre Ausblendungen und eklatanten Ungleichbehandlungen ihm gegenüber nur noch begrenzte Wirkung haben: An absoluten Stimmen gewann Paul im Vergleich zu 2008 in Iowa mehr als 100 Prozent und in New Hampshire mehr als 200 Prozent hinzu. In South Carolina erhielt er zwar nur 13 Prozent insgesamt, aber in diesem vergleichsweise kriegsbegeisterten Bundesstaat verbesserte sich der einzige Kandidat der Republikaner mit einer konsequent nichtinterventionistischen Außenpolitik von 16.000 auf 78.000 Stimmen – ein Anstieg von knapp 400 Prozent. Das medial ventilierte Schlagwort von der „Unwählbarkeit“ Pauls wirkt immer lächerlicher.

Zudem fördert eine genaue Wähleranalyse etwas zutage, was den Medien und dem US-Establishment insgesamt besonders bitter schmecken wird: Paul erhält einen gewaltigen Zulauf von jungen Wählern. In Iowa stimmten insgesamt 21 Prozent für Paul, unter den 17 bis 29-jährigen aber 48 Prozent, unter den 30 bis 39-jährigen 34 Prozent. In New Hampshire wiederholte sich das Bild: Paul erhielt insgesamt 23 Prozent, unter den 18 bis 29-jährigen 46 Prozent, unter den 30 bis 39-jährigen 35 Prozent. Selbst in South Carolina bekam er weit überdurchschnittlichen Zuspruch von der Jugend: Unter den 18 bis 29-jährigen 31 Prozent, unter den 30 bis 39-jährigen immerhin noch 19 Prozent. Mit Ausnahme dieses letzten Wertes gewann Paul bislang überall die höchste Zahl an Jungwählern.

Manche Hauptstrommedien tun diesen Umstand als Zeichen der Naivität der Jugend ab. Andere vermuten dahinter Idealismus – junge Leute fänden sowas gut. „Es muss diese Unbedingtheit sein, die bei Jungen aller Couleur so Eindruck macht“, findet Uwe Schmitt in der „Welt“. Wiederum andere meinen etwas abstrakt: „Freiheit ist eine junge Idee, nur etwa 200 Jahre alt. Junge Menschen haben eben ein offeneres Ohr für junge Ideen.“ So äußert sich auch gelegentlich der Kandidat selbst. Es ist wahr, und auch das macht die Medien ziemlich nervös: Pauls Wähler stimmen in erster Linie für seine Ideen, nicht für den Mann. Am plausibelsten ist aber jener Faktor, den der ehemalige Frauenarzt ebenfalls gelegentlich hervorhebt, und den Altmedienvertreter wie Schmitt aus berechtigter Angst lieber verschweigen: Das Internet. Weit überdurchschnittlich holen sich junge Menschen ihre Nachrichten aus dem World Wide Web – und zwar ausschließlich dort. Das heißt, sie empfangen Nachrichten aus selbst gewählten, unabhängigen Quellen. Und sie forschen nach, wenn ihnen etwas unklar ist. Wenn irgendein Bericht nicht richtig Sinn ergibt. Sie tun es, weil es kosten- und mühelos ist.

Besonders verstörend muss diese Entwicklung auf den Staat und all seine Helfershelfer in Behörden, subventionierten Unternehmen und Medien deswegen wirken, weil die jungen Wähler ja gearde erst aus ihren geschlossenen Gehinwaschanlagen, auch Schulen genannt, entlassen worden sind. Wo ihnen selbständiges Denken und Wissbegierde planmäßig eigentlich hätten abhanden kommen sollen. Plötzlich pfeifen die Leute auf staatskonformes Denken und politische Korrektheit. Selbst Militärangehörige zeigen kein Interesse mehr daran. Auch hier sind es hauptsächlich wieder die Jüngeren, jene also, die in die Konflikte seit dem 11. September 2001 hineingezogen wurden, „aktive Militärangehörige“ also. Diese haben Paul in der jetzigen Wahlsaison bisher mehr als doppelt soviel Spenden zukommen lassen als allen anderen republikanischen Kandidaten zusammengenommen, und das schließt selbst jene ein, die inzwischen aufgegeben haben. Sogar wenn man Spenden für Obamas eigenen Wahlkampf hinzuzählt, hat Paul allein immer noch genausoviel von Militärangehörigen erhalten wie der gesamte Rest.

Diese „Ron-Paul-Generation“ ist jene, die kurz vor dem Fall der Mauer geboren wurde oder danach. Sie kennt den Kalten Krieg nicht aus eigenem Erleben und fordert jetzt ganz selbstverständlich die 89/90 angekündigte Friedensdividende ein, vielfach ohne jemals von ihr gehört zu haben. Schon vor vier Jahren war diese Generation bei der Wahl Obamas ein mitentscheidender Faktor. Doch vom Amtsinhaber im Weißen Haus sieht sie sich getäuscht und schaut dem „Hope and Change“-Kandidaten genauer auf die Finger. Das ist ja heutzutage, siehe oben, kosten- und mühelos. Und sie entdeckt in Paul – jemand, der selbst unter größtem Druck sein Leben lang seinen Überzeugungenen bei Abstimmungen treu geblieben ist und der von keinem Lobbyisten Geld nimmt – einen weitaus solideren Hoffnungsträger.

Besonders gefährlich für das Establishment ist, dass Paul die Überzeugung gerade unter jungen Menschen verbreitet, dass das Zentralbankensystem die Wurzel vieler moderner Übel sei und wir zu einem warengeldbasierten System zurückkehren sollten. Dass er sie über die wahren Ursachen der Konjunkturzyklen und Wirtschaftsabschwünge aufklärt. Dass sie lernen, dass Zentralbanken im Grunde monopolistische Gelddruckmaschinen zur Bereicherung einer winzigen Oberschicht sind. Dass dem Staat ohne dieses Monopolgeld die Mittel für seine end- und sinnlosen Kriege schlicht fehlen würden. „End the Fed“, der inzwischen bekannte Schlachtruf der Paul-Anhänger, muss in den Ohren dieser Oberschicht klingen wie ein unablässiger Hammerschlag, der die Errichtung von Guillotinen während der Französischen Revolution begleitete. Gingrich hat bereits begriffen, wohin der Hase läuft. Er forderte vor einigen Tagen die Rückkehr zum Goldstandard. Das glaubt ihm zwar keiner, der wesentliche Punkt aber ist: Gingrich glaubt, damit Stimmen sammeln zu müssen.

Sowohl angeblich progressive wie auch angeblich konservative Medienvertreter, die Sprachrohre des Establishments, werden angesichts ihrer zunehmenden Impotenz fuchsteufelswild. Doch ihre hinterhältigen Methoden und Waffen sind stumpf geworden. Die Newsletter von vor 20 bis 30 Jahren, deren Inhalte Paul noch vor vier Jahren begrenzt zum Problem wurden, scheinen heute keinen mehr wirklich zu interessieren. Der ebenfalls wiederholte Versuch, Paul mit einem landesweit bekannten Bordell in Verbindung zu bringen, schockiert nur noch die Unvernetzten – eine bedrohte Spezies. Selbst hier in Deutschland müssen Redakteure vorsichtiger agieren als vor vier Jahren, wenn sie Paul ans Bein pinkeln wollen. Das musste kürzlich Uwe Schmitt von der „Welt“ erfahren, als er am 28. Dezember gedanken- und recherchelos die Story von den Newslettern für eine Leserschaft abstenographierte, die, wie die Kommentarspalten bewiesen, ihm an Informiertheit um Lichtjahre voraus war. ef-online berichtete. Am 14. Januar kroch Schmitt, wiederum in der „Welt“, mit einem viel positiveren Bericht über Paul zu Kreuze – das Zitat weiter oben stammt aus jenem Bericht –, konnte sich aber selbst dann einen Seitenhieb auf „Verschwörungsahnungen“ nicht verkneifen, obwohl er zugestehen musste, dass Paul mit seiner jahrelangen Vorhersage einer Finanzkatastrophe recht gehabt hatte.

„Wir sind gefährlich für den Status quo“, triumphierte Paul nach der Vorwahl in New Hampshire, wo er den zweiten Platz errang, bejubelt von der Generation seiner Enkel. Das Internet begünstigt offenbar die Rückkehr zur natürlichen Ordnung. Durch die Vernetztung von Computern hat „Information“ eine Aufwertung erfahren. Gleichzeitig wird der relative Wert des oberflächlichen Scheins gesenkt. Im Gegenzug relativ aufgewertet werden Weisheit, Intelligenz, Güte, Ehrlichkeit, Treue – alles Eigenschaften einer natürlichen Autorität, die Paul ausstrahlt. Werte, die hoch im Kurs standen, bevor der Staat alle Grundfunktionen der Gesellschaft nahezu oder vollständig monopolisierte und/oder korrumpierte: Geld, Bildung, Kommunikation. Relativ abgewertet werden jetzt perfektes Aussehen, Gerissenheit, Redegewandtheit, Unverfrorenheit, Falschheit. Noch gewinnen die Träger letzterer Eigenschaften. Aber, und das ist Schlussfolgerung aus den ersten Vorwahlen dieser Saison: Nie seit Beginn des Fernsehzeitalters haben sie es schwerer gehabt als heute, gegen die Werte der natürlichen Ordnung zu obsiegen.


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