Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Vortrag: Finanzkrise – Fakten statt Mythen

von Andreas Tögel

Christian Helmenstein im Club Unabhängiger Liberaler

Am zurückliegenden Donnerstag hielt der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein, im Wiener Club Unabhängiger Liberaler unter dem obenstehenden Titel einen Vortrag zur Währungs- und Schuldenkrise. Wir hätten es dabei, so die vorherrschende Meinung, mit einem „Drama in fünf Akten“ zu tun. Begonnen habe im Jahr 2008 alles mit einer Bankenkrise, gefolgt von Firmenzusammenbrüchen. Die Entgleisung der öffentlichen Budgets und die Etablierung der Zentralbanken als „lender of last resort“ wären gefolgt. Im fünften und letzten Akt müsse nun die offensichtlich gescheiterte marktwirtschaftliche Ordnung entsorgt werden.

Genau das sei, so Helmenstein, allerdings nicht der Fall. Daher wäre es notwendig, Mythen und Wahrheit voneinander zu trennen.

Mythos Nr. 1: „Alle Kalamitäten sind ein Vermächtnis der Finanzkrise.“

Ein Blick auf die Zahlen schaffe Klarheit: Der im Zuge der Krise durch Abschreibungen und Kursverluste entstandene Schaden belaufe sich auf rund 2,3 Billionen US-Dollar. Das kumulierte Welt-BIP betrage allerdings 55 Billionen Dollar jährlich. Der Schaden entspreche somit einer Wirtschaftsleistung, die in nur zwölf Werktagen produziert werden könne. Hier könne die Ursache der heutigen Probleme also nicht zu finden sein. Vielmehr stelle ein hohes Maß an Überinvestitionen in den Jahren vor 2008 einen entscheidenden Faktor dar. Auch der Umstand, dass China seit 2008 vom Stahl-Importeur zu einem Stahl-Exporteur geworden sei, spiele eine Rolle. Wir hätten es heute mit stark veränderten Wettbewerbs- und Weltmarktrelationen zu tun. Als Konsequenz seien die westlichen Industriestaaten nun mit einer Krise ihrer Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert.

Mythos Nr. 2: „Eine Tobin-Steuer trifft niemanden – außer den Spekulanten.“

Es sei eine Illusion zu glauben, dass es irgendeine Steuer gäbe, die am Ende nicht von der breiten Masse bezahlt werden müsse. Eine gründliche Analyse sämtlicher Effekte der Kapitaltransaktionssteuer, deren Ertrag im Euroraum auf 37 Milliarden Euro beziffert werde, weise, nach Abzug ihrer Einhebungskosten und der Verluste durch Kapitalflucht nach Übersee, einen negativen Nettosaldo aus.

Mythos Nr. 3: „Ratingagenturen fungieren als Brandbeschleuniger.“

Seit 2006/07 habe sich Österreich auf eine „Reise in den Süden“ begeben. Sämtliche internationalen Rankings (wie zum Beispiel das des „Index of Economic Freedom“ der Heritage Foundation) wiesen einen stetigen Abstieg des Landes aus, das gegenüber seinen Wettbewerbern laufend an Boden verliere. Die Bewertungen durch die großen US-Ratingagenturen würden der Marktrealität eher hinterherhinken als voranschreiten. Das aktuelle Downgrading vieler EU-Staaten durch S & P bedeute nur die Abtragung einer fälligen Bringschuld. In Europa selten zitierte Ratings, wie jene von Dagong (Hong Kong), würden die Kreditwürdigkeit der meisten Länder der Eurozone – so auch Österreichs – weit schlechter einschätzen.

Mythos Nr. 4: „Teilnehmer auf Kapitalmärkten agieren irrational.“

Eine Analyse der Reaktionen der Kapitalmärkte auf Ereignisse wie etwa die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch S & P zeige eher in die gegenteilige Richtung. Dass die Fed sich, in ihrer Reaktion darauf, dazu entschlossen habe, „Feuer mit Benzin zu löschen“ und im großen Stil die Geldmenge auszuweiten, habe genau jene Reaktionen der Kapitalmärkte nach sich gezogen, die zu erwarten waren. Gleich welches Ereignis man betrachte, die Reaktionen der Marktteilnehmer seien in jedem Fall rational begründbar. Helmenstein: „Finanzmärkte sind lernfähig!“

Der „Schuldendeckungsgrad“ einzelner Volkswirtschaften sei höchst unterschiedlich und würde die Grundlage für die verlangten Risikoprämien von Staatsanleihen bilden. Er drückt in einer Prozentzahl aus, welchen Anteil seiner Verbindlichkeiten ein Staat binnen eines Jahres aus seinen Einnahmen decken kann – unter der Annahme, dass die gesamten Staatseinnahmen zur Tilgung eingesetzt würden. Dieser Wert liege für Dänemark bei 123 Prozent – das heißt, das Land sei fähig, seine Schulden unter der genannten Bedingung in weniger als einem Jahr zu bedienen. Die Vergleichswerte für Österreich und Italien: 66 Prozent beziehungsweise 37,7 Prozent, Griechenland: 32,1 Prozent. Unabhängig von den Bewertungen der Agenturen seien auf den Finanzmärkten längst erhöhte Aufschläge für riskantere Schuldner verlangt worden.

Mythos Nr. 5: „Die Finanzmärkte treiben die Produktpreise nach oben.“

Helmenstein begegnete dieser Behauptung mit der Schilderung eines „Realexperiments“ zu einem Spekulationsverbot. In den USA verbiete ein recht kurioses Gesetz die Spekulation mit Zwiebeln. Dennoch (oder gerade deswegen) zeige der Preis keines anderen Landwirtschaftsprodukts eine größere Volatilität als eben jener für Zwiebeln. Es gebe keinerlei Belege dafür, dass Spekulationen auf den Finanzmärkten einen längerfristigen Einfluss auf die Bildung von Produktpreisen hätten.

Mythos Nr. 6: „Die griechische Schuldenkrise ist unsanierbar – ein Schuldenschnitt daher geboten.“

Diese Behauptung sei im Lichte der Finanzdaten fragwürdig. Anno 1996 habe sich der Anteil des Schuldendienstes des griechischen Staatshaushalts auf 24 Prozent der Einnahmen belaufen, im Jahr 2011 dagegen auf nur elf Prozent. Vor einem „Haircut“ habe daher allemal konsequentes Sparen zu stehen. Der öffentliche Dienst des Landes hätte in der Zeit von 2001 bis 2011 einen Gehaltszuwachs von 86 Prozent verbucht. Hier (und an anderen Stellen) gäbe es also nach wie vor gewaltiges Einsparungspotential.

In der anschließenden Diskussion folgte der Hinweis aus dem Auditorium, dass von der mit Griechenlands Regierung vereinbarten Reduktion der Zahl der Beamten um 30.000 Stellen erst 2.000 realisiert seien. Der Vortragende wies des Weiteren darauf hin, dass die von Athen nach Brüssel gemeldeten Wirtschaftsdaten über Jahre hinweg um mehrere Prozentpunkte des BIP „geschönt“ worden wären (sowohl vor als auch nach dem Beitritt zur EU). Das Problem Griechenlands sei das Fehlen einer schlagkräftigen Industrie. Die im Tourismus zu erzielende Wertschöpfung sei erheblich niedriger als jene in der Industrie – was nicht nur für Griechenland gelte. Auch in Österreich, das in puncto Fremdenverkehr sehr gut aufgestellt sei, könne die gesamte Tourismuswirtschaft nur rund zwei Prozent der in der Industrie erzielten Wertschöpfung ersetzen.

„Rettungsmaßnahmen“ für Griechenland dienten gegenwärtig dem einzigen Zweck, Zeit zu kaufen, um es Ländern wie Italien, Portugal, Spanien, aber auch Frankreich zu ermöglichen, fällige Strukturreformen durchzuführen. Künftig dürfe es keinerlei schuldenfinanzierte Aufwendungen mehr für den Konsum geben.

Insgesamt sei im Euroraum ein Regulierungsversagen zu konstatieren, jedoch kein „Marktversagen“.

Ein Austrittsszenario aus dem Euro sei unter dem Blickwinkel von Anreizen zu betrachten. Diese lägen eher auf Seiten der Starken (wie Deutschland und Holland) als auf Seiten der Schwachen. Die Aufspaltung der Eurozone in einen Nord- und einen Südblock sei nicht zu erwarten, da es keinerlei Anreiz für Länder wie Italien, Portugal und Griechenland gäbe, sich zu einem Verbund zusammenzuschließen.

Österreichs Problem bestehe in seiner geringen Verflechtung mit stark wachsenden Schwellenländern. Man müsse die Anstrengungen daher stark auf einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit diesen Volkswirtschaften konzentrieren – so wie in der Vergangenheit auf das Engagement in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Dieses sei auch aus heutiger Sicht positiv zu bewerten.

Auf die Frage nach sinnvollen Kriterien für die Limitierung von Staatsschulden befragt, wies Helmenstein auf den Sinn der „Maastrichtkriterien“ hin. 60 Prozent des BIP sei eine vernünftige Obergrenze für die Gesamtverschuldung. Drei Prozent Neuverschuldung entspreche der Note Vier minus. Heute würden es die Regierungen dagegen schon als Erfolg feiern, wenn man von den 60 beziehungsweise drei Prozent nicht allzu weit entfernt liege.

An dieser Stelle rechnete der Vortragende mit dem Mythos „Liquidität ist Trumpf“ab: Papier- oder Buchgeld tauge nicht mehr länger als Wertaufbewahrungsmittel. Mit der Lösung der USA vom Goldstandard, Anfang der 1930er Jahre, habe ein erster großer Schub der Geldmengenausweitung eingesetzt. Nach dem „Schließen des Goldfensters“ im Jahr 1971 und dem Ende von Bretton Woods habe die expansive Geldproduktion noch mehr Fahrt aufgenommen. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 gebe es kein Halten mehr. Es liege eine Zeit der „finanziellen Repression“ vor uns, die bis zu 20 Jahre dauern könne. Sie sei durch negative Realzinsen gekennzeichnet. Nutznießer dieser Politik seien die Staaten, die sich auf diese Weise sukzessive entschulden, und die Banken, die sich auf billige Weise rekapitalisieren könnten – beide auf Kosten der Sparer!

Dass mit der Schweiz und Schweden zwei außerhalb der Eurozone stehende Länder die in Europa wirtschaftlich am besten aufgestellten seien, zeige, dass die Teilnahme an der Währungsunion nicht die von den Regierungen ständig behauptete Bedeutung habe.

Die Gleichung Demokratie + Marktwirtschaft = Wohlstand gerate durch den Erfolg von Ländern wie Singapur oder China gegenwärtig in einen Beweisnotstand. Offensichtlich sei es autoritären Systemen möglich – über längere Zeit hinweg – das westliche Modell in den Schatten zu stellen. Das könne sich zu ernsthaften Gefahren für die westlichen Demokratien auswachsen, wenn nämlich die oben genannte „demokratische Gleichung“ grundsätzlich in Frage gestellt würde. Als Ökonom sehe er sich allerdings nicht in der Position, der Politik in dieser Hinsicht „gute Ratschläge“ zu erteilen. Er, Helmenstein, betrachte es vielmehr als seine Aufgabe, Modelle zu präsentieren, über die vom Souverän demokratisch abzustimmen sei…

23. Januar 2012

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