18. Januar 2012

Die Piresen sind wieder da Ach die blöden Ungarn aber auch

Wenn Medien Gefahren erfinden

Der neue Bösewicht unserer Middle-of-the-river-Medien heißt Ungarn. Wie vor ein paar Jahren die österreichischen Nachbarn haben nun die Magyaren den Fehler gemacht, eine „rechte“ Regierung ins Amt zu wählen. Nanana, das tut man nicht!

Und so dürfen deutsche Journalisten ihren tiefsitzenden und sonst da wohlbewacht auch sitzengelassenen Ressentiments mal wieder Freilauf gewähren. Etwa der „Spiegel“ gestern mit dem Aufschrei: „Europas Osten rückt nach rechts!“

In Notfällen ist alles erlaubt. Damals die beliebten Haider-Hitler-Assoziationen. Heute werden die Piresen aus der Bonmottenkiste gepackt. Das beinahe vergessene Völkchen hatte ein ungarisches Meinungsforschungsinstitut 2006 erfunden, als es danach fragte, welchen Gruppen die Ungarn nur ungern Asyl gewähren würden. Die Mehrheit sprach sich dagegen aus, den Arabern, Chinesen, Russen und Rumänen Zuflucht zu bieten. Und eben auch den Piresen. Fertig war damals der Skandal.

Europa lachte. Dabei wurde nur eine anthropologische Konstante deutlich, nach der im Zweifel das Fremde gemieden wird. Diese Taktik half im Laufe der Jahrtausende, so manches Überleben zu sichern. In Deutschland oder England ging dieser Instinkt wie so manches andere in den letzten Jahrzehnten verloren. Über die Folgen berichtet demnächst der „Spiegel“.

Dessen Autor Keno Verseck hat über die Jahre zwar die konkrete Frage nach dem mit Kosten für den Steuerzahler verbundenen Asyl vergessen, erinnert sich aber nur zu gut an die Piresen-Schote. Und so amüsiert sich der aufgeklärte Journalist über die Puszta-Hinterwäldler beinahe beiläufig: „Zu den in Ungarn verhassten ‚Fremden’ zählen auch die ‚Piresen’.“

Wohlgemerkt setzt Verseck die „Fremden“ und die „Piresen“ in Anführungsstriche, nicht die „verhassten“, obwohl nach einem solch starken Gefühl gar niemand gefragt wurde.

Ach diese Ungarn. Zeit für Sanktionen ist es. Man muss ihnen jetzt nur mal zeigen, wo der mediale Hammer hierzulande hängt. Die entsprechend gut erzogenen Deutschen würden auf derlei Erfindungen natürlich nie hereinfallen. Waldsterben? Klimawandel? Fukushima-Supergau? Immerwährende Neonazigefahr?

Und selbst die Piresen: Wirklich nicht? Oder wäre in deutschen Landen nur eher eine deutliche Mehrheit – zumindest der Journalisten – dafür, den Piresen Asyl zu gewähren, statt dagegen? Was wäre dämlicher?

Sparen wir uns also die Meinungsforschung und fragen lieber gleich nach bei Claudia Roth: „Frau Roth, finden Sie nicht auch, dass gegen die Diskriminierung der Piresen endlich etwas getan werden muss?“


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