03. Januar 2012

Die Journalisten und der fallengelassene Christian Wulff Neid? Gnadenlosigkeit? Oder mehr?

Kleiner Einwurf zu einer Stunde, da der Präsident immer noch im Amt ist

Das wünscht man seinen ärgsten Feinden nicht. Sagt der Volksmund über Hetzjagden auf Menschen. Journalisten ticken anders. Wenn einer am Boden liegt, macht das Draufhauen ihnen gerade erst richtig Spaß.

Diese Gnadenlosigkeit trifft mit Christian Wulff in diesen Tagen keinen ganz Unschuldigen. Als Teil der herrschenden Klasse haben er und seine Betty wie all die anderen auch ihren Dreck am Stecken. Wulff verließ nach 18 Jahren Ehe Frau Christiane und Tochter Annalena für ein, na, wie immer man sie nennen möchte. Vor wenigen Jahrzehnten wäre alleine das Grund genug gewesen, ihn nicht zum obersten Repräsentanten des Landes zu wählen. Heute zählt gerade dies als besondere charakterliche Qualifikation.

Christian Wulff hat, um nur drei Beispiele zu nennen, gegen Bruder Johannes Rau selbst federführend mitgelästert und laut geschwiegen, als der introvertierte und vergleichsweise grundanständige Kollege Martin Hohmann von der „Bild“-Zeitung als „der Hetzer“ erledigt wurde oder als dasselbe Blatt Eva Herman gnadenlos niederfragte: „Ist sie braun oder nur doof?“ Und dennoch, man wünscht all das weder Hohmann noch Herman noch Wulff.

Die herrschenden Klassen der Welt amüsieren sich jetzt mal wieder fürstlich über Deutschland. In diesen Kreisen lachen bereits jene, die Milliarden erbeuteten, über die kleineren Strolche, die nur Millionen aus den Ämtern mitnahmen. Man schaue sich nur um in Paris, Peking, Rom, Moskau, Washington, von der Dritten Welt ganz zu schweigen. Und nun mokieren sich deutsche Journalisten bitterlich über einen Bundespräsi, der ein paar Cent Zinsen durch einem privaten Kredit für ein Haus sparen wollte, das andere Staatsoberhäupter nicht einmal als Pension für ihre Maitressen „geschenkt“ nehmen würden.

Oder über einen angeblichen „Drohanruf“, ja eine „Kriegserklärung“, beim Chef des bereits erwähnten Anstandsblattes. Der Gegenstand dieser „Androhung“ unter gestandenen Männern: Liebesentzug! Ernsthaft! Auch da hätten so einige internationale Kollegen in anderen Hauptstädten andere Kaliber gezogen. Die Welt kichert sich weg über das Bild dieser seltsamen Deutschen.

Die „Welt“ und die „Bild“ aber sind E-M-P-Ö-R-T. Nicht darüber, dass unsere politische Klasse gerade die Ersparnisse ihrer Bürger in Brüssel verzockt. Sondern über ein paar gesparte Zinscents und einen beleidigten Anruf zwischen zwei Männerfreunden a.D.

Ist es nicht nach allen früher einmal gängigen Kriterien der Grundanständigkeit weitaus niederträchtiger, einen privaten Anruf weiterzutratschen, für den sich der andere schon lange persönlich entschuldigt hatte? „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, der seit Wochen den Wulff jagt, hatte kunstfertig-genüsslich die Weihnachtstage und den Jahreswechsel abgewartet, und erst dann gelangte der Anruf auf seinem Handy „wie durch ein Wunder“ in die Redaktionsstuben von Kollegen. Journalisten stehen nicht ganz ohne Grund auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala weit abgeschlagen hinter den Gebrauchtwagenverkäufern und selbst noch unter den von ihnen hochgeschriebenen oder niedergemachten Politikern.

Und jetzt vergießen Diekmann, Jakob Augstein, Stefan Aust und all die anderen ihre Krokodilstränen darüber, wie das Staatsamt, ja gar „der Staat“ als solcher von einem pösen Präsidenten „nachhaltig beschädigt“ werde. Von einem, den sie und mit der gebotenen Verzögerung nun auch noch der letzte Depp in der Lokalzeitung pflichtempört nach allen Regeln der Kunst gerade fertigmachen. Genießt das Staatsoberhaupt nicht einen besonderen Ehrschutz? Jahrzehntelang galt es zumindest als unschicklich, den obersten Repräsentanten des Landes auch nur gelinde zu kritisieren. Dann bließ Diekmann zum Halali.

Und warum diese, nach eigenem Verständnis, „Staatsgefährdung“? Für ein paar Cent mehr? Wegen des Anrufs einer beleidigten Leberwurst? Als Ausdruck der Republik der Neidgenossen? Als Sinnbild der zunehmenden Gnadenlosigkeit? Persönliche Rache aus Gekränktheit eitler Fatzken?

Sicher, das alles vielleicht auch. Aber womöglich steckt mehr dahinter. Diekmanns Adlatus Nikolaus Blome („Bild“-Berlin) sagte bei Günther Jauch sinngemäß: „Wir brauchen 2012 einen Bundespräsidenten, der glaubhaft den Bürgern schmerzliche Einschnitte erklären muss.“ Christian Wulff wäre dann nicht mehr zweckmäßig. Ob das alles ist?


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