22. Dezember 2011

Werteverfall Schwindender Wohlstand

Woran unsere Gesellschaft wirklich krankt

Wohlstand. Es scheint, dass dieser Begriff, dessen genauere Definition ebenso schwierig ist wie das Erreichen einer subjektiv ausreichenden Menge eben desselben, unseren gesamten gesellschaftlichen Diskurs bestimmt. Ich möchte daher den Versuch unternehmen, die Voraussetzungen für die Schaffung, Steigerung und Erhaltung von Wohlstand zu untersuchen.

Bei der Betrachtung des Phänomens „Wohlstand“ stellt sich am Beginn die Frage, wie der Mensch im Laufe seiner Geschichte zu so etwas wie Wohlstand kommen konnte. Und wie er es geschafft hat, ihn zu vermehren. Wie könnte nun eine zumindest grobe Definition von Wohlstand aussehen? Offensichtlich hat er etwas mit der Befriedigung von Bedürfnissen, die über das pure Überleben hinausgehen, und dem Vorhandensein von Gütern zum Zwecke dieser Bedürfnisbefriedigung zu tun. Das Vorhandensein von Gütern erfordert deren Herstellung oder zumindest die Inbesitznahme dieser Güter in Form von Sammeln, Jagen oder Ausgraben. Stehlen und Rauben sind auch Tätigkeiten der Inbesitznahme. Aber sie stellen keine Schaffung, sondern nur die Verteilung von bereits vorhandenem Wohlstand dar. Wer nichts Neues schafft, sondern nur Vorhandenes nimmt, trägt nichts zur Wohlstandsgewinnung bei. Eine erste banale Wahrheit, die offenbar keinem Politiker geläufig ist.

Wohlstandsgenerierung erfordert also eine Tätigkeit, eine Anstrengung. Damit betritt das leidige Problem der Arbeit die Bühne der nach Wohlstand strebenden Existenz. Ohne Fleiß kein Preis. Unsere weit fortgeschrittene Zivilisation kennt durchaus die naturgesetzliche Verbindung von Ergebnis und Anstrengung, von Arbeit und Wohlstand. Vor der Tat steht der Wille zur Tat. Wer wohlhabend sein möchte und nicht auf Raub oder Diebstahl setzt, muss also den Willen zur Arbeit haben. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft bedeutet dies, dass der Wille vorhanden sein muss, Güter, Waren oder Dienstleistungen herzustellen, die die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigen. Um sich etwas zu verdienen, muss man anderen dienen. Das ist ganz entscheidend. Der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung und der Wille, zum Zwecke dieser Befriedigung Güter für andere herzustellen, bilden jene Geisteshaltung, auf der Wohlstand gedeiht. Das beinhaltet auch den Willen, sich in erster Linie Fähigkeiten anzueignen, die für andere Menschen von Wert sind, unbeachtet vielleicht anders gelagerter eigener Präferenzen. Hier ein Gruß an alle Studienanfänger. Das beinhaltet außerdem die Bereitschaft, eigene Mittel einzusetzen und für alle Ergebnisse und Produkte der eigenen Arbeit selbst die volle Verantwortung zu tragen. Es gibt eine Bezeichnung für Menschen, die den Willen haben, für andere Menschen Güter herzustellen, auf eigene Rechnung und in eigener Verantwortung. Man nennt sie Unternehmer. Ohne Unternehmer kein Wohlstand. Man sollte diese vier Worte groß ausdrucken, und jedem Politiker, jeder Behörde, jedem Bürokraten und jedem Funktionär ins Büro hängen.

Da jeder Mensch andere Bedürfnisse hat, wird diese Geisteshaltung danach streben, jeden einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen, weil jedes Bedürfnis eine Möglichkeit zum Dienen und somit zum Verdienen ist. Im Mittelpunkt der für die Wohlstandsschöpfung essentiellen Geisteshaltung steht also der einzelne Mensch, das Individuum. Darin findet diese Geisteshaltung ihre Entsprechung im Christentum. Es kann deshalb nicht verwundern, dass die größten Wohlstandsfortschritte der Menschheitsgeschichte in christlichen Gesellschaften stattfanden. Gesellschaften, die das Individuum und seine Bedürfnisse hinter das Kollektiv stellen, bleiben in ihren Möglichkeiten der Wohlstandsgenerierung auf einer frühen Stufe stehen. Das ökonomische Abschneiden sozialistisch organisierter Gesellschaften im Allgemeinen oder der islamischen Welt im Besonderen legen dafür ein beeindruckendes Zeugnis ab. Würde man den erdgeschichtlichen Zufall des Ölreichtums der meisten islamisch dominierten Länder herausstreichen, wäre der Vergleich noch beeindruckender.

Überall, wo Menschen aus freiem Willen, friedlich und eigenverantwortlich zum gegenseitigen Nutzen miteinander in Kontakt treten, entsteht Unternehmertum. Es bilden sich Verhaltensmuster heraus, die für das Funktionieren einer wohlstandsvermehrenden arbeitsteiligen Gesellschaft unerlässlich sind. Wir nennen sie Sekundärtugenden, obwohl sie eigentlich von primärer Bedeutung sind. Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Fleiß, Höflichkeit oder schlicht Anstand sind die Produkte und Schmiermittel einer Wirtschaft, die darauf ausgelegt ist, jedem Einzelnen einen Mehrwert zu verschaffen. Sie sind direkte Folge und unverzichtbarer Bestandteil jener Geisteshaltung, die uns unseren Wohlstand beschert hat.

Wohlstand entsteht also, wenn Menschen Güter für andere Menschen erzeugen, um deren Bedürfnisse zu befriedigen. Dies setzt den Willen voraus, die Bedürfnisse anderer zu befriedigen, und bewirkt – desto mehr, je größer die Anzahl von Menschen ist, die diesen Willen zeigen – für alle eine bessere Versorgung mit Gütern – also mehr Wohlstand. Freiwilligkeit und Eigenverantwortlichkeit sind die Voraussetzung und der Nährboden dieser Entwicklung. Ergebnis und Verkörperung dieser gesamten Geisteshaltung ist der auf eigene Rechnung und in voller Eigenverantwortung arbeitende Eigentümerunternehmer. Bereits der angestellte Manager, der heute so oft als Synonym für das Wirtschaften steht, entspricht dem nicht. Er ist nur Angestellter, ohne echte Eigenverantwortung.

Welche Güter produziert werden, muss davon abhängen, welche Güter von den Menschen freiwillig nachgefragt werden. Das ist deshalb so wichtig zu erwähnen, weil sehr bald findige Kreise daran gingen, Güter anzubieten, die eigentlich keiner haben wollte oder deren Nachfrage sie selbst geschaffen haben. Da etwas, das niemand haben will, auch niemand abnimmt, bleibt zur Gewährleistung der Abnahme dieser Güter nur Zwang. Die Geburt des Staates. Die ersten Staaten waren Organisationen, die Sicherheit für ihre Untertanen verkauften. Unsicher waren die Zeiten, weil es einen Konkurrenzkampf unter denjenigen gab, die mittels Schutzgelderpressung ihr Gut „Sicherheit“ an ihre Untertanen brachten. Sie waren nicht gewillt, anderen zu dienen. Zum Wohlstandserwerb blieb daher nur das Herrschen. Heute haben die Staaten weitaus komplexere Zwangsprodukte und daran geknüpfte Apparate geschaffen, das Prinzip bleibt aber dasselbe. Wer sich nichts verdient, indem er anderen dient, dem bleibt nur, andere zu beherrschen. Wer herrscht, stellt die Regeln für die Beherrschten auf, und überwacht ihre Einhaltung. Dafür lässt er sich von den Beherrschten bezahlen. Die Krönung der Kunst zu herrschen ist es, den Beherrschten auch noch erfolgreich einzureden, dass all die Regeln, Vorschriften und Überwachungen notwendig und wertvoll sind. Hier ein Gruß an alle Berufsregulierer, Sozialingenieure und Mainstreamer sowie deren Einklatscher in den Redaktionen der Systempresse.

Wohlstand wird heute auch, man könnte schon fast sagen ausschließlich, mit dem ausreichenden Vorhandensein von Geld gleichgesetzt. Geld wurde als neutrales Tauschmittel in die verschiedenen Märkte eingeführt und war als solches immer ein Äquivalent für erzeugte Güter. Es kann also nicht verwundern, dass von fast allen Menschen Geld und Güter mit der Zeit gleichgesetzt wurden, da man mit ersterem letztere erwerben kann. Wenn man für Geld keine Güter kaufen könnte, wäre es wertlos. Der Wert von Geld liegt also einzig darin, wie viele Güter man je Geldeinheit erwerben kann. Daraus folgt, dass eine Geldvermehrung ohne Gütervermehrung keine Wohlstands- oder Wertsteigerung bedeutet, sondern nur eine Wertänderung der jeweiligen Geldeinheit je Gütereinheit. Seit den 1970ern hat sich die Gütermenge weltweit vervierfacht, die Geldmenge jedoch vervierzigfacht. Dass das nicht folgenlos bleiben konnte, erleben wir heute, soll hier aber nicht das Thema sein. Es geht immer noch um die Schaffung von Wohlstand, und nicht um seine Verwässerung. Dass Wohlstand wie erwähnt heute oft mit einer ausreichenden Menge von Geld gleichgesetzt wird, ist ein großer Irrtum.

Mehr Geld erzeugt weder Güter, noch den Willen, Güter zu produzieren, noch die Bereitschaft, anderen zu dienen. Im Gegenteil: Es macht glauben, dass man das gar nicht nötig hat. Der Wunsch nach Geld ohne Gütererzeugung ist in erster Linie ein Wunsch, Arbeit und Anstrengung zu vermeiden. Ein Wunsch, nicht dienen zu müssen, um sich etwas zu verdienen. Wird diesem Wunsch nachgegeben erzeugt es die Illusion, dass auch ohne entsprechende Erzeugung Mehrwert entsteht. Dass Geld kein Güteräquivalent, sondern ein Wert an sich ist. Und dass der ganze Vorgang des Dienens, um sich etwas zu verdienen, samt den dafür notwendigen Sekundärtugenden schlicht veraltet ist. Geschenktes Geld ist das wirksamste Mittel, um jene Geisteshaltung, die Wohlstand erzeugt, zu vernichten. Wer je die Summen, die zur Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen sind, den Ergebnissen gegenübergestellt hat, wird dem nicht widersprechen können. Wer sich je in der Sozialstaatsindustrie umgesehen hat, wird dem nicht widersprechen können. Ähnlich, wenn auch in etwas geringerer Ausprägung, wirkt Geld, das nicht geschenkt, sondern über das staatliche Gewaltmonopol verdient wird. Die Qualität der Dienstleistungen verschiedener staatlicher Behörden und ihre geringe Produktivität beweisen das deutlich. Überall, wo Geld ganz ohne Gegenleistung oder nur auf Grundlage von auferzwungenen Leistungen verdient wird, schwindet die zur Wohlstandserzeugung essentielle Geisteshaltung samt ihren Tugenden.

Was heißt das für die Situation, in der wir uns heute befinden? Ich fürchte, nichts Gutes. Abseits der Schuldenproblematik der verschiedensten Körperschaften, die aktuell Medien und Politik in Atem halten, liegen die Probleme meiner Überzeugung nach viel tiefer. Die westlichen Gesellschaften haben schon sehr lange Wohlstand nicht mehr geschaffen, sondern nur dessen Illusion durch Geldvermehrung. Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist die Kaufkraft der Mittelklasse seit mehr als zwei Jahrzehnten rückläufig. Der Versuch, dies durch kreditfinanzierten Konsum zu kaschieren, erlebt gerade sein Waterloo. Der Versuch, Wohlstand durch interkontinentale Umverteilung zu schaffen, scheitert in noch grandioserem Umfang als jener, dies innerstaatlich zu bewerkstelligen.

Anstatt die für die Wohlstandsschaffung unabdingbare Geisteshaltung zu fördern und jene, die sie noch leben, zu unterstützen, hat die Politik alles unternommen, sie zu demotivieren und zu dezimieren. Sie hat jene konfiskatorisch besteuert und mit Vorschriften überladen, die kraft ihrer Fähigkeiten Wertvolles produzieren. Sie lässt andere wegen ihrer Größe und ihres politischen Wertes ungeschoren oder belohnt sogar deren Fehlverhalten. Sie vergrößert ständig und kontinuierlich die Geldmenge und damit die Anzahl derer, die von geschenktem Geld oder von der Schaffung und Überwachung der durch den Gewaltmonopolisten erzwungenen „Güter“ leben. Sie belegt die Geisteshaltung der Wohlstandserzeugung samt ihren Tugenden mit Geringschätzung und beschleunigt ihr Verschwinden durch die massenweise Implementierung einer Kultur, die eine derartige Geisteshaltung nie entwickelt hat. Wie soll diese Kultur sie heute in kürzester Zeit annehmen, wenn wir selbst viele Generationen benötigten, um sie zu entwickeln? Der Eigentümerunternehmer als personifizierte Wohlstandsvoraussetzung existiert politisch nicht. Es gibt weder im Schul- noch im Universitätswesen irgendwelche Bestrebungen, die Menschen zu Eigenverantwortung und Unternehmertum zu erziehen. Es gibt nicht einmal Ansätze, dem echten Unternehmer wenigstens moralisch jenen Stellenwert zuzuweisen, den er verdient. Stattdessen werden angestellte Manager von der Politik hofiert, wird die Freiwilligkeit der wirtschaftlichen Handlungen mit Gesetzen und Vorschriften unterwandert, wird die Wirtschaft mit Subventionen fehlgelenkt und wirtschaftliche Verantwortung, wie es Politiker aus ihrem Metier nicht anders kennen, kollektiviert.

Eine Gesellschaft, deren Repräsentanten der Überzeugung sind, dass Geld nicht Folge, sondern Voraussetzung für Wohlstand ist, dass man mit Geld sogar Bildung, Kultur oder Innovationen kaufen kann, dass es Aufgabe der Politik ist, zu bestimmen, welche Güter von wem, wo und wie hergestellt werden, eine solche Gesellschaft hat weit größere Probleme als die Verschuldung ihrer Haushalte. Wir verlieren unseren Wohlstand nicht nur auf den Konten der Griechen oder Italiener, wir verlieren ihn durch den Weg, den unsere Gesellschaft eingeschlagen hat. Durch die Werte, die wir verleugnen. Und durch jene, die wir anbeten.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 119


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Jürgen Fuchsberger

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