22. Dezember 2011

ef 119 Editorial

Ein anderes Ufer beim Adolf?

Man muss nicht Ökonomie studiert haben, um zu wissen, was auf uns zukommt. Jedes Kind versteht, dass man nicht jahrzehntelang auf Pump leben kann, um dann zu meinen, nie müsse das beglichen werden. Dass Politiker seit vielen Jahren nur die Zahltage herauszögern und dabei die Rechnung nur noch immer teurer machen. Ob nun per radikaler Ausgabenkürzung (unwahrscheinlich) oder durch hemmungsloses Gelddrucken, Hyperinflation und damit Enteignung von Millionen Sparern (ziemlich sicher), die Zeche für all den Schuldenirrsinn wird nicht mehr sehr lange hinausschiebbar sein. Es dürfte richtig teuer werden inklusive der wirtschaftlichen Verwerfungen und Folgekosten, schließlich wurde gerade in den letzten Monaten noch einmal ordentlich aufgeschuldet. Kein einziges der zahlreichen Rettungspakete von Abwrackprämie bis Griechenschirm war aus laufenden Steuereinnahmen finanziert. Bei allem einvernehmlichen „Mehr Kohle in die Bildung“ ist das der Treppenwitz der furchtbaren Geschichte: Nur wer naiv, uneinsichtig und in höchstem Maße bildungsfern glaubte, dass Politiker die Fähigkeit von Magiern haben, der konnte meinen, wir kommen mit dem ganzen Zinnober einfach so durch. Doch selbst die fahrlässigste und dümmste Unwissenheit schützt am Ende vor Strafe nicht.

Kommen wir zum Schwerpunktthema dieses Heftes: Der Haus-Historiker der „Springer“-Vorzeigezeitung „Die Welt“, Sven Felix Kellerhoff, tat die Thesen des Bremer Geschichtswissenschaftlers Lothar Machten, die vor genau zehn Jahren erschienen, so ab: „Hitlers Geheimnis“ habe „bei Hitler-Experten für schallendes Gelächter gesorgt – weil es das Dritte Reich mit den Seelenqualen eines Menschen erklärt, der zu seiner Neigung zum eigenen Geschlecht nicht stehen mochte.“

Das ist doppelt perfide, denn die Fachwelt war sich in Sachen Hitlers Sexualität durchaus nie so sicher, man hat dort ganz bestimmt nicht über Machtans Fleißarbeit und die zahlreichen Indizien gelacht. Kellerhoff wendet Angela Merkels Tina-Rhetorik – „there is no alternative; es gibt kein anderes Ufer beim Adolf“ – an, um sich eine Argumentation in der Sache zu ersparen. Vor allem aber betonte Machtan von Beginn an, dass man nun gerade nicht die Geschichte umschreiben müsse, dass sich seine Forschung vielmehr nur mit einem kleinen, sehr persönlichen Detail beschäftige, das gerade nicht „das Dritte Reich oder gar den Holocaust erklären“ könne.

Lothar Machtan ist nicht der erste Historiker, der aufgrund politisch damals wie heute nicht ganz korrekter Forschungsergebnisse alles andere als fair behandelt wurde. Schließlich hat der Bremer Wissenschaftler alle vor den Kopf gestoßen, die mit Hitler gutes Geld verdienen, also den ewiggestrigen Nazi genauso wie den noch ewiglicheren berufsmäßigen Bewältiger. Beide stehen ohnehin fast immer auf derselben Seite der Barrikaden. Einig sind sie sich zum Beispiel auch in der entschieden humorlosen Antwort auf die ernsthafte Frage, ob man über den Gröfaz lachen darf.

Überhaupt: Was ist so schlimm daran, wenn sich herausstellt, dass Westerwelle, Wowereit oder der neue belgische Premierminister nicht die erste führende schwule Politikergeneration Europas wäre? Sie ist vermutlich nicht mal die erste, die dazu steht, denn auch Ernst Röhm meinte sinngemäß bereits: „Und das ist auch gut so!“ Ist es überhaupt verwunderlich, wenn Schwule statistisch gesehen nicht nur besonders häufig Künstler oder Friseur werden, sondern eben auch Politiker? Oder läge das Politisieren wie das Staatsamt nicht nahe für Menschen ohne Familie?

Vielleicht wäre Hitlers Homosexualität schlicht zuviel des Guten. Der Führer war ausgewiesener Öko, Vegetarier, Atheist, Abstinenzler und Migrant. Und nun auch noch schwul? Musste dann angesichts der repressiven Umwelt und strukturellen Gewalt seine Sozialisation nicht misslingen?

Für Machtan jedenfalls kam es, wie es kommen musste: Man warf ihm „mangelnde Sensibilität“, ja „Verharmlosung“ vor. Und „Homophobie“. Als wenn die Hysterie jener, die ständig und überall „Homophobie“ wittern, Homosexuellen auf lange Sicht nicht mehr schadet als ein Wissenschaftler, der nach einem Detail der historischen – und politischen? – Wahrheit forscht. Legen wir also einmal alle Vorurteile beiseite und schauen nach zehn Jahren wieder unvoreingenommen und tolerant in Machtans Buch. Wo andere schweigen, zeichnet ef die Geschichte nach.

Schließlich: Ob schwul oder nicht, Hitler war Nationalist und Sozialist. Und deshalb ein gleich doppelt gemoppelt Linksradikaler, auch wenn der Verfassungsschutz ihn zur besseren Unterscheidung von den anderen Linksextremisten als „Rechtsextremist“ in seinen Akten führt. Gegenüber Adolf Hitler – übrigens auch ein so hemmungsloser Schuldenmacher wie die heutige und vorherige Politikergeneration – gilt dasselbe wie entgegen all seinen als Widersteher getarnten Wiedergängern: Kein Fußbreit den alt- und neosozialistischen Ausbeutern! Mehr netto!

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 28. Dezember erscheinenden Januar-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 119


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