Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Europa: Die letzten Tage des Euro?

von Andreas Tögel

Merkel zwischen Skylla und Charybdis

21. November 2011

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…“ reimte Heinrich Heine vor bald 200 Jahren – als ob er die Lage Eurolands im November 2011 beschreiben wollte. Mit der Haltung Deutschlands in der Frage der „Eurorettung“ (mittlerweile geht es ja bereits um verzweifelte Rettungsversuche für mehrere bislang auf den Weg gebrachte Rettungsversuche!) steht und fällt die Gemeinschaftswährung der Union. Wie der Finanzexperte Liam Halligan im Londoner „Telegraph“ am 15. 11. treffend feststellte, verfügt allein Deutschland über das nötige Gewicht, diese Entscheidung zu treffen. Er kommt in seiner Analyse zum – besonders für Briten und Franzosen einigermaßen demütigenden – Schluss: „Die unausweichliche Wahrheit ist, dass Deutschland, praktisch die einzige große westliche Volkswirtschaft mit echter fiskalischer Stärke, die Eurozone beherrscht.“ Richtig erkannt! Alle anderen europäischen Akteure stehen entweder selbst am Rande der Pleite oder sie sind zu schwach. Der dieser Tage auf Kanzlerin Merkel lastende Druck ist folglich gewaltig. Franzosen, die Hauptprofiteure der Rolle Deutschlands als Zahlmeister der EUdSSR, Briten als Inflationierungsgroßmeister der Union und US-Amerikaner als die hemmungslosesten Geldproduzenten weltweit, werden in ihren Anstrengungen nicht nachlassen, die Deutschen dazu zu nötigen, die Schleusen der Geldpolitik vollends zu öffnen, ihren Widerstand aufzugeben und einer grenzenlosen Ausdehnung der Geldmenge in der Eurozone zuzustimmen. Der obligate Hinweis auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die daraus resultierende niemals endende Verantwortung der Deutschen hat bisher noch nie seine Wirkung verfehlt. So wird es wohl auch diesmal sein. Deutschland darf nicht binnen hundert Jahren ein drittes Mal die Schuld für ein europäisches Verhängnis auf sich laden…

 Die Entscheidung muss – in Abwesenheit eines genialen Steuermanns – zwischen Skylla und Charybdis getroffen werden: Entweder die Deutschen beharren auf einer Einhaltung der bestehenden Verträge – dann ist Italien pleite und die Währungsunion erledigt. Oder sie knicken unter dem internationalen Druck ein und geben den Weg zur Hyperinflation frei.

 Wie ganz und gar verkommen das bestehende Politsystem Eurolands ist, wird allein dadurch deutlich, dass es überhaupt Debatten darüber gibt, ob es in Ordnung ist, Verträge einzuhalten, und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, freches Lügen explizit zur Tugend der politischen Eliten erklärt hat.

 Zu erwarten, dass es gelingen könnte, durch das Bedrucken von Papier einen Jahrzehnte lang weltweit betriebenen Verschuldungsexzess zu einem guten Ende zu bringen – und zwar ohne kollektive Wohlstandsverluste – ist illusorisch. Entweder man hält seine Finanzen in Ordnung, kauft was man auch tatsächlich bezahlen kann und behält seine finanzielle Unabhängigkeit, oder man geht auf Teufel komm raus absurd hohe Verbindlichkeiten ein, liefert sich seinen Gläubigern aus und ist irgendwann pleite. Die Vorstellung, dass Staaten aus geheimnisvoll im Dunkeln liegenden Gründen von dieser Gesetzmäßigkeit nicht betroffen sein könnten, da sie ja – anders als private Debitoren – über das Privileg zur Geldproduktion verfügen, ist historisch vielfach widerlegt. Ergo: Entweder man fasst sich in Geduld und übt Konsumverzicht, um begehrte Güter mit seinen Ersparnissen zu bezahlen, oder man will alles sofort, nimmt Kredite auf und zahlt ab. Die Wohlfahrtsstaaten dieser Welt haben sich vor Jahrzehnten allesamt gegen die Ansparvariante entschieden. Jetzt ist Zahltag!

 Was die Apologeten einer Verlängerung der Schuldenpolitik durch Einsatz der Geldpressen allzu gerne verschweigen: Auch eine Aufhebung sämtlicher die Geldproduktion derzeit noch begrenzender Barrieren wäre nicht imstande, die aus der wirtschaftlichen Inhomogenität der Eurozone resultierenden Probleme zu lösen. Denn ebenso schnell wie das Geld aus den Druckerpressen läuft fließt es auch schon wieder an die produktivsten Standorte, wo es die besten Investitionsmöglichkeiten vorfindet. Strukturunterschiede sind mit monetären Mitteln nicht zu beheben.

 Am Beispiel Griechenlands wird es deutlich: Nur ein Bruchteil der seitens der europäischen „Solidargemeinschaft“ dorthin transferierten Mittel bleibt tatsächlich im Lande. Der Großteil macht sich postwendend wieder auf den Weg zurück in starke und – zumindest relativ – gesunde Volkswirtschaften. Jene Sonntagsreden, in denen „Neuinvestitionen“ beschworen werden, um auf diese Weise maroden Staaten auf die Beine zu helfen, sind blanke Ironie. Kein bei Verstand befindlicher privater Investor sieht die geringste Veranlassung, in korrupten Balkanrepubliken oder in randständigen Ländern ohne ausreichend vorhandenes gut ausgebildetes Arbeitskräfteangebot zu investieren! Griechenland und Portugal werden daher auf absehbare Zeit die Armenhäuser Europas bleiben – auch dann, wenn die EZB demnächst auf den hochriskanten Kurs der Fed einschwenken sollte.

 Darüber hinaus trifft es nicht einmal zu, dass neu geschaffenes Geld wenigstens in den wirtschaftlich starken Ländern positive Entwicklungen anstoßen würde. Es führt vielmehr zu überzogenen Investitionen in bestimmten Sektoren – zum Beispiel bei Immobilien. „Blasenbildungen“ sind typische Folgen inflationistischer Geldpolitik. Der anno 2000 zum Ende gekommene „Dot-Com-Boom“ oder die US-Subprimekrise des Jahres 2007 sind dafür symptomatisch.

 Was wirtschaftlich und währungstechnisch nicht zusammen passt, das hätte die Eurokratie nicht unter das Joch einer gemeinsamen Währung zwingen sollen. Es liegt nun an Frau Merkel, über das Schicksal der Union zu entscheiden. Eine nicht nur für Franzosen deprimierende Vorstellung. Welchen Weg auch immer sie wählen mag – die von einer abgehobenen Politelite angestrebte orwellsche Gleichschaltung Europas werden wir – dem bevorstehenden Kollaps sei Dank – wohl nicht erleben. Immerhin.

Link:

Liam Halligan im "Telegraph"

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