04. November 2011

Offener Brief von Professor Gerhard Amendt an die Universität Trier Neues im Fall van Creveld

Protest eines Kollegen

(ef-UW) Offener Brief von Professor Gerhard Amendt (AGENS) an den Präsidenten der Universität Trier

Vor einigen Tagen berichtete eigentümlich frei darüber, wie der weltweit renommierte israelische Historiker Martin van Creveld von der Leitung der Universität Trier auf Druck des linken AStA als Gastdozent ausgeladen wurde. Dagegen protestiert nun Professor Gerhard Amendt, ehemaliger Leiter des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen und Gründungsmitglied von AGENS e.V., in einem Offenen Brief an Professor Michael Jäckel, den Präsidenten der Universität Trier.

3. November 2011

Sehr geehrter Herr Jäckel,

mit großer Irritation habe ich wahrgenommen, dass die Universität Trier auf Zuruf des AStA und der Wissenschaftsministerin das Fellowship des angesehenen Militärhistorikers Martin van Creveld rückgängig gemacht hat. Die Gründe, die dafür ins Feld geführt werden, sind einem agitpropartig verfassten Schreiben des AStA entnommen und können eine politisch gravierende Entscheidung wie die Verletzung der Wissenschaftsfreiheit keineswegs rechtfertigen.

 Stattdessen hätte man sich gewünscht, dass die Universität Trier und deren Historisch-Kulturwissenschaftliches Forschungszentrum (HKFZ) sich die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf zum Vorbild genommen hätten. Trotz unverblümter Drohungen hat diese es 2010 abgelehnt, sich von feministischen Wissenschaftseinrichtungen und Gruppen vorgeben zu lassen, einen allzu kritischen Referenten vom Kongress Neue Männer – muss das sein? auszuladen. Ähnlich hat das Wissenschaftszentrum in Berlin (WZB ) 2011 reagiert, als es nach ähnlichen Drohungen aus gleicher Richtung sich von einer genderpolitischen Veranstaltung nicht abbringen ließ.

Was immer man sich an gesellschaftlichem Nutzen aus feministischer Genderwissenschaft erhoffen mag, und allein um das geht es hier, so sollte eines bedacht werden: Wer seine Ideologie nicht zur Diskussion stellen will, dem bleibt nur das Rede- und Denkverbot und letztlich die Drohung, mit Gewalt gegen ungeliebte Meinungen vorzugehen. Solchen Drohungen hat sich die Universität Trier gebeugt. Das Verhalten belegt nicht nur die betrübliche Tatsache, dass Wissenschaftler genauso feige wie alle anderen sein können, sondern dass sie nicht wahrhaben wollen, dass Wissenschaft nicht nur Selbstverständliches zu hinterfragen hat, sondern dass es zu ihrem Wesen gehört, auch dort noch zu forschen und zu analysieren, wo andere, wie der Trierer AStA und das HKFZ, zur Stützung von Ideologien die Freiheit der Wissenschaft zu opfern bereit sind.

Was „antifeministisch“ daran sein oder gar gegen die Menschenrechte verstoßen soll, nach den Einstellungen von Frauen zu den gegenseitig in Feindeshandlungen sich abschlachtenden Männern zu fragen, ist nicht nachvollziehbar. Allerdings kann solch eine Diskussion zum Einfallstor für Erkenntnisse werden, die in Richtung von van Crevelds Hypothesen weisen und andere nicht minder augenöffnende Antworten hervorbringen. Deshalb wohl soll das Denkverbot aufrecht erhalten bleiben. Einige scheinen in der Tat anzunehmen, dass Frauen über den Verlust ihrer Söhne und Ehemänner nur getrauert haben und nicht selber unabdingbare Antriebsriemen des wechselseitigen männlichen Hinschlachtens und der politischen Kriegsführung waren. Ist die Trierer kulturwissenschaftliche Forschung wirklich noch nie auf die Verzweiflung von Frauen und Müttern im Ersten Weltkrieg gestoßen, deren Söhne und Ehemänner für den „heroischen Kampf gegen den französischen Erbfeind“ wegen Kriegsuntauglichkeit ausgemustert worden waren? Viele Frauen haben das als unerträgliche Demütigung erlebt und darunter gelitten. Ebenso wenig ist vorstellbar, dass der Trierer Forschung entgangen sein sollte, dass wir über die Rolle von Frauen während des Nationalsozialismus erst in den 90er Jahren überhaupt zu forschen und zu reden begonnen haben. Genau genommen rühren die Thesen von Martin van Creveld dann auch an diesen totgeschwiegenen Bereich weiblicher Geschichte. Das sind hochnotpeinliche Fragen, aber nur für diejenigen Wissenschaftler, die in einem Konsens mit jener Ideologie stehen, wonach über Frauen nicht geforscht werden darf, wenn Ergeb-nisse zu erwarten sind, die mit der Ideologie von den guten Frauen und den bösen Männern oder hier den kriegerischen Männern und friedfertigen Frauen nicht in Einklang stehen könnten. Eben weil solche Forschung auf ein ungleich differenzierteres Bild von wechselseitigen Verhältnissen von Männern und Frauen zurückgreift, als es die feministische Ideologie in ihren akademischen wie alltagspolitischen Varianten ungebrochen tut.

Es wäre der Universität Trier anzuraten, auf die reflexartige Identifizierung mit dem AStA-Redeverbot wie die Ausladung von Martin van Creveld vom Fellowship mit einer Ringvorlesung zu antworten, in der Wissenschaftler und vor allem auch Wissenschaftlerinnen sich den Thesen von Creveld über das Verhältnis von Frauen zum Krieg stellen und damit ihr eigenes Genderverständnis offenlegen. Das würde nicht nur den Schaden für die Universität mindern, sondern den Diskurs über das vielgestaltige und konfliktträchtige Verhältnis von Männern und Frauen zueinander wieder als ein Projekt der Gemeinsamkeit vorstellen und die Wissenschaft als eine Instanz, die zur Bewältigung der Konflikte dieses Beziehungskosmos beitragen kann. Und die das vor allem auch will!

Mit freundlichen Grüßen

gez. Gerhard Amendt

Links:

Der Offene Brief Professor Gerhard Amendts im Original

Der Offene Brief des ebenfalls protestierenden Trierer Professors Martin Wagener

André Lichtschlag: Jude Martin van Creveld von der Uni Trier entfernt

Kurzfassung von Martin van Crevelds umstrittener Vorlesung

AGENS e.V.


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