01. November 2011

US-Präsidentschaftswahlkampf Der „Spiegel“ hechelt Ron-Paul-Zug hinterher

Die Wahrheit bricht sich Bahn

Nach etlichen Monaten des Totschweigens und nach etlichen Aufmacherartikeln über angebliche „neue Sterne“ am Republikanerhimmel wie Bachmann, Perry und Cain, die bald wieder verglühten, berichtet der „Spiegel“ heute nun auch mal über den Präsidentschaftskandidaten Ron Paul. Man merkt es dem Artikel an, wie sehr sich der Autor Sebastian Fischer gesträubt haben muss, ihn zu schreiben.

Der „Spiegel“ kommt dabei recht spät zur Party. Andere Medien berichten schon seit Jahren auch im deutschen Sprachraum über Paul und das Phänomen der von ihm losgetretenen, vom Internet befeuerten Bewegung, nicht zuletzt auch ef und ef-online. Und so gibt es inzwischen nicht wenige Menschen auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die über den Texaner und seine Forderungen sehr gut informiert sind und sich vom „Spiegel“ in dieser Angelegenheit nicht mehr hinters Licht führen lassen. Das ist an etlichen Forumsbeiträgen unter dem Artikel des ehemaligen Qualitätsmediums erkennbar. Zum Beispeil an dem vom Benutzer „WhereIsMyMoney“, der dort schreibt:

„Erstmal will ich erwähnen, was an ihrem Artikel falsch ist. 1."Die tödliche Attacke auf Top-Terrorist Osama Bin Laden im Frühling hat er abgelehnt." Falsch! Er hat dafür gestimmt. Er hat nur erwähnt, dass man Bin laden fahrlässig von Tora Bora entkommen lassen hat. Er ist gegen den Krieg in Afghanistan. Eine Spezialtruppe die Bin Laden jagt, wäre Pauls Antwort gewesen. 2. "Paul selbst hat sogar schon darüber geklagt, dass zu wenig über ihn berichtet werde." Ja, weil es absolut stimmt. Gewinnt Paul einen Straw Poll berichtet kaum jemand darüber, gewinnt ein anderer ist es auf jedem Kanal. Selbst Jon Stewart hatte in seiner DailyShow einen sehr witzigen Beitrag zu diesem Thema. 3."...hat der alte Mann eine klare Botschaft: Isolationismus." Wirklich? Also war Deutschland bis 1999 isoliert? Wir hatten ja bis dahin auch keine Soldaten im Ausland stationiert. Die Wahrheit ist eine andere. Paul will sogar mit Ländern, die von den USA bis jetzt gemieden werden, "Freundschaften" schließen und mit jedem reden der es will.“

„WhereIsMyMoney“ fährt fort:„Also, ich stimme mit Ron Paul nur in den seltensten Fällen überein. Aber man muss doch zugeben, dass er der einzige ehrliche Kandidat ist und der einzige der keine Gelder von Großkonternen oder Interessengemeinschaften annimmt. Wenn freie Marktwirtschaft so toll für die Wall Street ist, weshalb bekommt er keinen Cent von denen? Auch hier ist die Wahrheit, dass eine freie Marktwirtschaft besser ist als die jetzige Situation (wo das Geld vom Steuerzahler zu den Banken fließt). Ich hatte vor ein paar Jahren einen Artikel im SPIEGEL gelesen, in dem sich der Autor darüber beklagte dass Nixon 1971 den Dollar vom Goldstandard abkoppelte. Und jetzt soll es also falsch sein, das wieder rückgängig zu machen? Stattdessen sollte die FED also weiterhin so viel Geld drucken wie sie möchte? Und auch die Legalisierung von Drogen erscheint nur auf den ersten Blick als wahnsinnig. Wenn man bedenkt, dass das die Auslöschung des Kartells bedeuten würde, dann sieht die Sache anders aus. Dann wäre der Krieg an der südlichen Grenze, das kann man wahrlich nur als Krieg bezeichnen, zu Ende. Was die Steuern angeht: er will es den Staaten überlassen. Dann können die Staaten im Nordosten und Westen endlich etwas progressiver leben und die anderen Staaten dann offensichtlich etwas konservativer. Was ist daran falsch? Wie gesagt, ich hätte Ron Paul z.B. in Deutschland nie gewählt, weil ich schlicht eine andere Meinung habe, aber in den USA ist er die einzige Alternative. Denn Nader, Kucinich oder Sanders kandidieren ja nicht.”

Soweit „WhereIsMyMoney“. Viele Kommentatoren, die Paul mehr oder weniger inhaltlich unterstützten, stoßen ins gleiche Horn. „Schlecht recherchiert“, sagt „dongerdo“, „notgeiler Artikel“, schreibt „ryul“. Der Artikel sei eine vorschnelle Verurteilung, meint „knight3000“, „billigste Hetze“, meint „Das Reptil“. Und so geht es weiter, seitenweise. Unterstützer des Autors sind deutlich in der Minderzahl. 

Hinzuzufügen wären hier noch diese Kritikpunkte:

Ron Paul ist mit 76 an Jahren „alt“ im Vergleich zu anderen Kandidaten, wie Fischer sich zu erwähnen beeilt. Er ist aber körperlich sehr fit und hat jeden, der ihn für zu alt hält, herausgefordert, mit ihm bei 38 Grad Hitze und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit in Houston 20 Meilen Fahrrad zu fahren: „Und dann können wir darüber befinden, wer der Jüngere ist.“

„Er ist gegen Abtreibung“ gibt der „Spiegel“ Pauls diesbezügliche Ansicht verkürzt wider. Persönlich ist der Frauenarzt tatsächlich gegen Schwangerschaftsabbrüche. Politisch will er die entsprechende Gesetzgebung den einzelnen Bundesstaaten überlassen, weil jegliche Bundesgesetzgebung dazu nicht von der Verfassung gedeckt ist. Er würde also „liberale“ Bundesstaaten nicht zwingen, seine ethisch-moralischen Vorstellungen gesetzlich durchzusetzen.   

Desweiteren will der Artikel andeuten, ebenfalls sehr verkürzt, dass Paul ein typischer christlich-fundamentalistischer Konservativer sei, versäumt es aber, darzustellen, wie sehr sich Paul trotz seines öffentlich bekundeten Glaubens von diesem Typus US-Politiker unterscheidet: Er will seine moralischen Werte keinem aufzwingen, schon gar nicht per Gesetz.

Dann will Fischer uns noch glauben machen, dass Paul, gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, zum „Establishment“ gehöre, da er doch schon seit drei Jahrzehnten im Kongress sitzt und nun schon zum dritten Mal für das Präsidentenamt kandidiert. Andererseits verschweigt der Autor, dass Paul schon seit über 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet ist und ihm keine Affären nachgesagt werden. Und trotzdem zählt er schon zum Establishment? Wichtigere Anhaltpunkte für das Gegenteil sind Dinge wie Verzicht auf eine Abgeordnetenpension, Rückgabe überschüssiger parlamentarischer Bürogelder in jedem Jahr sowie der Verzicht auf die Teilnahme an parlamentarischen Reisen. Lobbyisten klopfen bei ihm schon gar nicht mehr an, weil sie wissen, dass sie bei Paul auf Granit beißen. Entsprechend gering ist sein Einfluss in Washington. Entsprechend groß, bei wachsender Tendenz, ist dieser außerhalb des „Beltways“, der Ring-Autobahn um die US-Hauptstadt.

Ein Kommentator im „Spiegel“-Forum erinnert die Leser an den Ausspruch von Gandhi: Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, dann gewinnst du. Mehrere Beitragsschreiber bemerken dazu, dass die Medien in den USA bereits bei Stufe drei sind, während der „Spiegel“ nun endlich bei Stufe zwei angekommen ist.

Internet:

„Spiegel-Online“: Radikal, einfach, erfolgreich

Ron Paul, 76, Challenges Status Quo to 20 Mile Bike Race in Houston Heat


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